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Wie die digitalen Klassenzimmer funktionieren

Das Bildungsministerium ruft Direktoren und Lehrer zur Verwendung einheitlicher Plattformen an ihren Schulen auf.APA/ERWIN SCHERIAU
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Nach drei Wochen Heimunterricht steht fest: Es wird auf zu vielen Plattformen unterrichtet.

Der Schulbetrieb hat mit dem 16. März eine Zäsur erfahren. Die Klassenzimmer sind seit den von der Bundesregierung angeordneten Schulschließungen vereinsamt. Nur vereinzelt wird das Betreuungsangebot der Schulen von Eltern in systemrelevanten Berufen in Anspruch genommen. Seit nunmehr drei Wochen findet der Unterricht digital statt. Lehrer, Eltern sowie auch Schüler stehen damit täglich vor neuen Herausforderungen.

Die Rahmenbedingungen für das digitale Klassenzimmer in den eigenen vier Wänden mussten binnen weniger Tage geschaffen werden. Schon zu Beginn der Maßnahmen erklärte Gerald Futschek, Vorstandsmitglied der Österreichischen Computergesellschaft (OCG), der auch dem Institut für Software-Entwicklung der TU-Wien vorsteht, dass nicht die Infrastruktur das Problem sei. Vielmehr befürchtete er, dass es ohne Übung und entsprechende Einschulung schwer werden könnte, die zur Verfügung stehenden Tools auch adäquat zu verwenden. Er sollte damit zum Teil recht behalten.

Das Bildungsministerium brachte hier vorerst auch kein Licht ins Dunkel. Denn man war bemüht, technologieneutral zu formulieren. Es sollten keine Vorgaben zu den zu verwendenden Plattformen im Heimunterricht gemacht werden. Jeder Lehrer konnte selbst entscheiden, womit er arbeiten wollte. Die Auswahl ist riesig, und mit Beginn der Maßnahmen tauchten überall neue Lernplattformen, Apps und Messenger-Dienste auf.

Distance-Learning-Serviceplattform

Mit einem neuen Serviceportal will das Bildungsministerium nun gegensteuern (https://serviceportal.eeducation.at). Einerseits will man dazu anregen, dass Schulen sich auf eine Plattform verständigen. Das soll vor allem die Schüler entlasten, die zum Teil für die verschiedenen Fächer zwischen den Plattformen wechseln müssen und damit überfordert sind. Andererseits will man jenen Lehrern unter die Arme greifen, die bislang wenig Berührungspunkte mit digitalen Medien hatten.

Der Aufbau ist simpel gehalten und führt Schritt für Schritt durch die Registrierung. Die einzelnen Plattformen und deren Vorteile werden erklärt. Zudem werden Anleitungen für jene Pädagogen angeboten, an deren Schule noch keine Lern- und Kommunikationsplattform vorhanden ist. Mit Videoanleitungen soll der Einstieg erleichtert werden. Aber auch für jene Lehrer, die bereits mit solchen Plattformen wie Moodle, G-Suite oder Office 365 arbeiten, lohnt ein Blick auf die Website, da sie weiterführende Hilfestellungen anbietet. Unter anderem wird der Einstieg in die Videotelefonie mit der ganzen Klasse erklärt oder etwa, wie man Aufgaben stellen und versenden kann. Ebenfalls implementiert sind Online-Fortbildungen und kurze Erklärvideos zu didaktischen Fragestellungen.

Virtuelle Klassenräume mit Moodle

Das vom Australier Martin Dougiamas entwickelte Kursmanagement-System Moodle war an Universitäten und Schulen schon vor der Coronavirus-Krise im Einsatz. Immerhin ist es schon seit knapp 20 Jahren verfügbar und zeichnet sich durch simple Konfiguration aus. In Moodle können Kurse mit einem Passwort gesichert werden, wodurch festgelegt ist, wer an den Kursen teilnehmen kann.

Die unterschiedlichen Kursformate bieten wöchentliche Übersichten und ermöglichen das Hochladen von Lernmaterialien. Mit einer „Aufgabe“ kann der Lehrende eine Übung vorgeben, die absolviert werden kann, indem ein Text oder eine hochzuladende Datei abgegeben wird. Dies können beispielsweise Ausarbeitungen, Präsentationen oder Berichte sein. Kommuniziert wird über den integrierten Chat. Zudem gibt es auf moodle.orgErweiterungen, die kostenlos installiert werden können. Unter anderem ein Plagiats-Checker oder Zoom.

LMS: Lernen mit System

Ganz nach dem australischen Vorbild funktioniert das heimische Portal LMS (Learning Management System oder auch Lernen mit System). Das seit 2004 verfügbare Portal basiert auf vier Säulen: Lernplattform, Schulungen, LMS-Team und Lernmaterialien. Hier haben, anders als bei Moodle, Pädagogen direkte Ansprechpartner, die technisch sowie didaktisch unterstützen. Distance Learning hat andere didaktische Anforderungen als der herkömmliche Unterricht im Klassenzimmer. Für einen leichteren Einstieg in diese zum Teil neue Unterrichtsmethode bietet LMS den Anforderungen entsprechende Unterrichtsmaterialien kostenlos für Lehrer.

Für viele Schüler ist die neue Art des Lernens eine Umstellung und stellt viele vor eine Herausforderung, konsequent selbstständig zu arbeiten. Mit den Anwendungen „Study Buddy“ − einem individuellen Lernplaner − und dem Terminkalender stehen Werkzeuge für Schüler zur besseren Selbstorganisation zur Verfügung.

Digitaler Stundenplan mit Extras

8000 Schulen in Österreich setzen auf die kostenpflichtige Stundenplan- und Klassenbuch-Lösung von Untis. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Lehrer, Schüler und auch Eltern können jederzeit auf den Stundenplan zugreifen. Zu Beginn der Maßnahmen durch die Bundesregierung wurden die Funktionen um einen Messenger erweitert, der auch mit der geltenden Datenschutzgrundverordnung konform ist. Die Schüler kommunizieren in einer sicheren Umgebung. Lehrer können hier ebenso Aufgaben stellen und diese mit der Klasse diskutieren. Ein offener sowie auch ein geschlossener Bereich (etwa für Sprechstunden)kann eingerichtet werden. Alternativen zu Untis sind Skooly und Schoolfox. Wobei Letzteres eher nur für Volksschulen geeignet ist.

Microsoft Teams

In Zeiten der Corona-Schulschließungen haben sich viele Schulen für Microsoft Teams entschieden. Benutzen Schulen bereits Office 365, kann die Software in der Regel kostenlos genutzt werden. Aktuell bietet Microsoft Teams sechs Monate kostenlos an. Es ist ein umfangreiches Tool, in dem sich Klassen/Gruppen anlegen lassen. Neben Textnachrichten lassen sich über die Plattform auch Audio- und Video-Chats führen und Dokumente austauschen.

WhatsApp, Zoom oder MS Teams

Das Meeting-Tool Zoom bietet kostenlose Conference-Calls mit bis zu 1000 Teilnehmern. Die Anwendung funktioniert über den Browser, als App oder über eine Telefonnummer. Eine Installation ist nicht notwendig. Die Funktionen ähneln jenen von Microsoft Teams. Zudem ist es eine Alternative zu WhatsApp, das aus Sicht des Bildungsministeriums möglichst wenig eingesetzt werden solle. „Aus datenschutzrechtlichen und aus pädagogischen Gründen“, sagt Ex-Übergangsministerin Iris Rauskala. Sie ist nun „Chief Digital Officer“ im Ministerium. Lehrer dürften WhatsApp zwar verwenden, sollten Schülern darüber aber keine Lernunterlagen übermitteln.[QD9DF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2020)