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Das neue Album der Strokes: Neue Abnormalität aus New York

(c) Sony Music
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Kann man mit 42 noch „die Erwachsenen“ anflegeln? The Strokes, diese Meister der Coolness können. Und machen sehr klar, dass sie keine Rockband sind. Ihr sechstes Album „The New Abnormal“ ist gelungen.

Eine neue Normalität soll laut Kanzler Kurz dieser Tage in Österreich einziehen, davon kann im – ungleich mehr vom Virus geplagten – New York wohl noch nicht die Rede sein. Gewiss, als The Strokes ihr neues, sechstes Album erstmals ankündigten, wusste man nichts von Covid-19; doch der Titel „The New Abnormal“ hat inzwischen einen bitter-ironischen Beigeschmack. Was ja nicht schlecht zu dieser Band passt: Die Coolness, deren Herolde die Strokes seit 1998 sind, hat etwas Bitteres, so wie die Verletzlichkeit, die Sänger Julian Casablancas zur Schau stellt, etwas Abgebrühtes an sich hat.

Apropos bitter und abgebrüht: Sind die Strokes heute alter, kalter Kaffee? Als würden sie die Frage ahnen und prophylaktisch verhöhnen, stellen sie ein Stück namens „The Adults Are Talking“ an den Beginn des Albums. Hier die Jugend, dort die Erwachsenen: Das ist wohl das überholteste Schema des Rock'n'Roll, besonders wenn die Anwälte der Jugend selbst schon über 40 sind ...

Armer alter Berufsjugendlicher!

Julian Casablancas weiß das, klar, und er gewinnt aus diesem Wissen neue Bitterkeit, wenn er mit programmatisch dünner Stimme singt: „They will blame us, crucify and shame us, we can't help it if we are a problem.“ Armer alter Berufsjugendlicher! Diese kleine Tragödie wird von einer glorios geschmeidigen Schlagzeug-Bass-Rhythmusgitarre-Kombi begleitet, zu der sich noch eine helle Sologitarre fügt. Dann steigt Casablancas in hohe und höchste Register, bevor er, wieder gewohnt nasal, resümiert: „Stockholders, same shit, a different lie, I'll get it right sometime, oh, maybe not tonight.“

Es sind solche Selbstzweifel, die die Strokes vor dem Schicksal schützen, eine peinlich alternde Rockband zu werden. Und natürlich die Tatsache, dass sie nie eine Rockband waren in dem Sinn, wie etwa Pearl Jam – die soeben ein ziemlich gräuliches neues Album publiziert haben – eine Rockband waren und sind. Mit dem holzfällerhemdsärmeligen Pathos, das den Strokes wesensfremd ist. Sie meinen wohl genau dieses, wenn sie am Ende des letzten Stücks sentenziös festhalten: „It's time, and it's do or die. In painful, shameful rock.“

Langeweile beim Gitarrespielen

„Ode To The Mets“ heißt diese für die Strokes ungewöhnlich schwermütige und schwerfällige Schlussnummer, man darf rätseln, ob das New Yorker Baseball-Team gemeint ist, der Sport kommt nicht vor, dafür eine weitere anti-rockistische Zeile: „I was just bored playing the guitar.“ In diesem Sinn haben die Synthesizer, die meist entweder betont kindlich oder überzeugt käsig klingen, auf diesem Album den Vortritt. Schlagzeuger Fabrizio Moretti wird mit einem beiseite genäselten „Drums please, Fab!“ zur Arbeit gemahnt, und an dieser Stelle zweifelt man doch kurz, ob so viel zur Schau gestellte Coolness nicht schon wehtun könnte ...

Aber nein, passt schon. Diese ewige Kunststudenten-Band liebt es eben ein bisserl selbstreferenziell. „Brooklyn Bridge To Chorus“ heißt ein gemein swingendes Stück, in dem Casablancas seine Große-Brüder–Generation frech ansingt: „And the eighties bands? Oh, where did they go? Can we switch into the chorus right now?“ Und dann kommt er auch schon, der Refrain, in dem der neunmalkluge Julian beklagt, dass seine neuen Freunde, wer immer die sind, ihn nicht wollen. Zu dumm aber auch.

Disco-Falsett wie Mick Jagger

In all seiner Koketterie, seinem Tändeln zwischen Ernst und Ironie erinnert Julian Casablancas manchmal geradezu an den Meister dieser Disziplin, Mick Jagger. An dessen Seventies-Versuche mit einem Disco-Falsett („Miss You“, „Emotional Rescue“) klingt „Eternal Summer“ an, eine der vertracktesten Nummern dieses Albums. Wir wissen: Der Sommer ist nicht gerade die logische Lieblingsjahreszeit dieser New Yorker Kellerpflanzen, aber sie verspotten seine Reize – und die ihnen verfallenen Blumenkinder – so innig, dass es fast schon liebevoll klingt. Hohe Kunst der Ambivalenz.

The Strokes: „The New Abnormal“ (Sony)