Gerechtigkeit für Michael Ballack

Gerechtigkeit fuer Michael Ballack
Gerechtigkeit fuer Michael Ballack(c) AP (Gero Breloer)
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Das deutsche Team hat sich von seinem Kapitän Michael Ballack losgesagt. In der Euphorie ging der Leithammel nicht ab. Gegen Spanien war vom neuen Selbstvertrauen keine Spur. Plädoyer gegen den Hochmut.

Da saßen sie in der Kabine. Müde, abgekämpft, sprachlos. Jogis Jungs. Ihre Körpersprache artikulierte blankes Entsetzen. Dabei war erst eine Hälfte gespielt. Es stand 0:0 gegen Spanien. Und was nun?

Der französische Fußballgelehrte Arsene Wenger weiß, dass in solchen Situation ein Trainer kaum etwas bewirken kann. Wenn die Angst in den Knochen steckt, „schauen sich die Spieler um. Und wenn dort Typen wie früher Beckenbauer, Cruyff oder Zidane neben dir sitzen, dann glaubst du daran, alles schaffen zu können. Ich fürchte, den Deutschen fehlen die bestimmenden Figuren, die erforderlich sind, um so ein Turnier für sich zu entscheiden“. Der Arsenal-Coach sagte dies der „Welt“ zu Beginn des Turniers. Er sagte auch, dass Spanien Weltmeister wird.

Am 15. Mai verlor das deutsche Team seine bestimmende Figur. Kapitän Michael Ballack wurde im FA-Cupfinale niedergestreckt, Knöchel kaputt, aus der Traum von der WM. Fast schien es, als würde nicht nur für den 33-jährigen Chemnitzer, sondern für ganz Deutschland das Turnier vorüber sein. Eine Truppe junger Lämmer ohne Leithammel. Franz Beckenbauer fürchtete schon, die DFB-Elf könnte die Gruppenphase nicht überstehen.

Als Carles Puyol mit seinem Kopfballtor Deutschland aus dem WM-Traum riss, war Ballack nicht mehr in Südafrika. Tags zuvor war er kurzfristig abgereist. Philipp Lahm hatte Journalisten anvertraut, dass er nicht mehr daran denke, die Kapitänsschleife wieder an Ballack zurückzugeben. „Die Rolle des Kapitäns macht mir sehr viel Spaß. Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?“

Der kluge Bayern-Spieler hatte kurz vor dem wichtigen Spiel gegen Spanien eine Palastrevolution angezettelt, wie man dies feiner und gemeiner nicht tun kann. Deutschland am Höhepunkt der Fußballeuphorie. Und der Alte fußmarod. Wer braucht Ballack?

Für die deutschen Medien ein Fressen. „Niemand brüllt, niemand fuchtelt“, titelte die „Süddeutsche“ und pries die „Generation Lahm“, die sich vom alten Ballack nicht mehr bevormunden lässt. Der moderne Fußball brauche keine Leader, das beste Beispiel sei Spanien.

Ein schlechtes Beispiel. Denn dort gibt es einen Ballack namens Carles Puyol. 32 Jahre alt, seit mehr als zehn Jahren bei Barcelona und im Nationalteam Stammspieler. Als Toni Kroos die einzige dicke Chance für Deutschland vorfand, nahm Puyol sich seine Kollegen zur Brust, dass diesen Hören und Sehen verging. Und als Iniesta, Villa und Xavi die Deutschen schwindlig spielten, aber nicht ins Tor trafen, schritt er selbst zur Tat. Humorlos, rigoros, effizient. Es war ein Tor im Stil eines Michael Ballack. Oder eines Mark van Bommel, des Leader im Team des zweiten WM-Finalisten Holland.


Die Frage ist müßig, ob Leithammel Ballack Jogis Jungs in diesem Spiel noch einmal aus dem Schlamassel gezogen hätte. Genauso war es müßig zu diskutieren, ob Deutschland so toll spielte, weil Ballack nicht dabei war. Er ist einer der besten Spieler, die Deutschland je hervorgebracht hat. Er hat in 98 Länderspielen 42 Tore geschossen.

Als er im WM-Halbfinale 2002 einen Fehler von Thorsten Frings ausmerzte und einen Südkoreaner niederriss, wusste er, dass er dafür Gelb sieht und im WM-Finale gesperrt sein wird. Was tat Ballack? Er schoss fünf Minuten später den 1:0-Siegtreffer und ebnete dem Team den Weg ins Finale. Nach dem Spiel sagte Trainer Rudi Völler zu ihm: „Der da oben sieht das. Irgendwann kriegst du dafür etwas zurück, einen Ausgleich.“

Im Fußball gibt es keine Gerechtigkeit. Michael Ballack hat dies wieder am eigenen Leib erfahren. Aber vielleicht hat „der da oben“ seine eigene Auffassung von Gerechtigkeit? Deutschland wurde bestraft – für den Hochmut der Generation Lahm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2010)

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