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Wort der Woche

Eine Lehre aus der Spanischen Grippe

Strenge Maßnahmen zum Social Distancing verursachen in einer Pandemie keine zusätzlichen Kosten, sondern helfen der Wirtschaft sogar.

Wenn man nach historischen Parallelen zur Covid-19-Pandemie sucht, landet man unweigerlich bei der Spanischen Grippe 1918/19 mit zumindest 27 Millionen Toten. Diese war auch die erste Seuche, zu der es fundierte Daten gibt – sowohl in gesundheitlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die damaligen Ereignisse sind daher auch für heutige Ökonomen interessant. Etwa wenn es um die aktuelle Frage geht, inwieweit Social Distancing der Wirtschaft schadet. Drei US-Ökonomen unter der Leitung von Emil Verner (MIT) haben sich das nun für 43 US-Städte angesehen. Sie fanden, dass der Einbruch gewaltig war: Die Produktion sank im Schnitt um 18 Prozent. Allerdings gab es große regionale Unterschiede.

Als besonders aufschlussreich erwies sich die „Twin City“ Minneapolis/Saint Paul: Minneapolis verhängte rasch strenge Maßnahmen (Schulschließungen, Versammlungsverbote, Quarantäne) für insgesamt 116 Tage; Saint Paul, am anderen Ufer des Mississippi, reagierte erst später und hielt die Beschränkungen nur 28 Tage aufrecht. Wenig überraschend ergab der Vergleich, dass in Minneapolis um ein Fünftel weniger Menschen starben. Überraschend war hingegen, dass die Wirtschaft in Minneapolis die Krise trotz des langen Shutdowns viel besser überstand: Produktion, Beschäftigung und Bankeinlagen waren mittelfristig deutlich höher.

Verners Fazit: „Rechtzeitige und strenge Maßnahmen begrenzten die schlimmsten Folgen. Sie reduzieren die Mortalität und verringern das Ausmaß des wirtschaftlichen Abschwungs.“ Ein Shutdown sei zwar in „normalen“ Zeiten schlecht für die Wirtschaft. In einer Pandemie sei die Alternative dazu aber nicht eine normal funktionierende Wirtschaft, sondern ein großflächigerer Ausbruch der Krankheit, der die Wirtschaft noch stärker belaste, so der Ökonom. Social Distancing bürde der Wirtschaft folglich keine zusätzlichen Kosten auf. „Nichts tun wäre viel schlimmer.“

So klar dieses Ergebnis ist, so unsicher ist, wie relevant es für die Gegenwart ist. Denn die Situation ist heute in vielerlei Hinsicht anders: Damals herrschte Krieg, die Weltwirtschaft beruht heute mehr auf Dienstleistungen und ist stärker vernetzt. Und: Sars-CoV-2 hat andere Eigenschaften als das Grippevirus. Doch diese Unterschiede ändern wohl nichts an der Grundaussage: Das älteste Mittel gegen Seuchen – Social Distancing – ist auch das wirksamste zu deren Bewältigung. Zumindest bis eine Impfung verfügbar ist.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2020)