Einst brachten Frühlingsgedichte zarte Gemüter zum Verzücken, dann kamen sie in Verruf. Blühen sie wieder auf? Über linde Lüfte, zarte Bande, den grausamen April und vergiftete Tauben – ein Osterspaziergang durch die Literaturgeschichte.
Auf die Vögel ist Verlass. Sie lassen sich nicht beirren von Krisen jedweder Art. Der Frühling ist da, er gibt ihnen den Einsatz: Das Rotkehlchen jauchzt in hohen Tönen, die Meise gesellt sich mit lebhaftem Trillern dazu, der Fink schlägt an aus voller Kehle, und der Specht steuert den Bass bei. Das mag, in Worte gefasst, naiv, sentimental und kitschig klingen, aber die Natur selbst kann das alles nicht sein. Und es gab eine Zeit, da schufen Menschen mit großer Emphase eigene Strophen zu dieser Ode. „Die Welt wird schöner mit jedem Tag, / Man weiß nicht, was noch werden mag, / Das Blühen will nicht enden“, staunte Uhland. „Und Freud und Wonne / aus jeder Brust / O Erd', o Sonne / O Glück, o Lust!“, schwelgte Goethe in seinem „Mailied“. Das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert waren die hohe Zeit der Frühlingsgedichte. Aber ihr Glanz scheint verblasst.
Erst hörten die Dichter auf, die schönste Jahreszeit zu besingen, nach und nach blieben auch die Leser aus. Wer sich dem Idyll hingab, tat es verschämt, fast flüsternd, im Tonfall Heines: „Leise zieht durch mein Gemüt / Liebliches Geläute / Klinge, kleines Frühlingslied, / Kling hinaus ins Weite.“ Warum konnten wir nicht mehr unbefangen unsere Freude am Neustart der Natur artikulieren? Ändert sich das nun? Abgesagt sind Grand Canyon und Niagarafälle, zur Verfügung stehen Balkon, Wald und Wiese. Lenkt das unseren Blick wieder auf die kleinen Wunder, wie einen blühenden Strauch im Hof? Und treffen die Verse von einst dieses neu erwachte Gefühl?