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Am Herd

Über die neue Genügsamkeit

Den Lesesessel habe ich ganz nah ans Fensterbankerl geschoben, dort stehen ein Rosmarinsträuchlein, mein Basilikum und der Topf mit Kapuzinerkresse (Symbolbild).
Den Lesesessel habe ich ganz nah ans Fensterbankerl geschoben, dort stehen ein Rosmarinsträuchlein, mein Basilikum und der Topf mit Kapuzinerkresse (Symbolbild).(c) Imago
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Manchmal halte ich kurz inne und schaue mir die zarten Schatten an, die meine Kapuzinerkresse aufs Fensterbrett wirft. Über die neue Genügsamkeit.

Gegen Mittag kommt die Sonne. Sie schleicht sich über den Dachfirst des Gründerzeitbaus vis-à-vis und scheint zum offenen Fenster herein. Hier sitze ich und lese. Oder ich sitze und schreibe. Den Lesesessel habe ich ganz nah ans Fensterbankerl geschoben, dort steht der Tee, den mir Marlene gebracht hat (sie hat die Tasse mit den Katzenmotiven für mich ausgesucht), dort stehen auch ein Rosmarinsträuchlein, mein Basilikum und der Topf mit Kapuzinerkresse. Sie blüht, hellrot und orange, und ihre Blätter werfen zarte Schatten. Manchmal halte ich kurz inne und lasse meinen Blick auf ihr verweilen.

Draußen fahren Autos vorbei, es sind weniger als sonst. Dafür höre ich den Nachbarn telefonieren und irgendwo klimpert ein Klavier. Das Klavier ist ein gesegnetes Instrument, man muss es nicht gut beherrschen, und es klingt trotzdem schön, manchmal mag ich patschert Geklimpertes sogar lieber. Da weiß man gleich, das kommt nicht aus dem Radio. Da spielt ein Mensch. Vielleicht ist er glücklich.

Behutsame Freundlichkeit. Ich nehme, was ich kriegen kann. Die erste Wärme des Aprils. Das lichte Grün im Stadtpark. Die behutsame Freundlichkeit meiner Kolleginnen und Kollegen, die wissen, dass wir aufeinander achten müssen, jetzt noch mehr als sonst. Die Telefonate: Mit meinen Eltern, mit meiner Freundin, mit meinem Mann, der in Eisenerz weilt, geschützt vor uns und den Viren, die wir verbreiten. Seit Corona ruft mich meine Schwester regelmäßig an, meistens, wenn sie mit dem Hund spazieren geht, ich stelle mir vor, dass sie an einem Bach entlangschlendern und Talini, so heißt der Hund, die Ohren spitzt, wenn ein Eichhörnchen auf einen Baum huscht.

Mein Fahrrad. Es ist mir besonders teuer. Es bringt mich überallhin. Ich kann frische Luft schnuppern, wenn ich zur Arbeit fahre oder von der Arbeit wieder heim. Oft nehme ich jetzt einen Umweg, auch in anderen Bezirken hat der Frühling sich eingestellt in Hinterhöfen, Parks und Schanigärten. Manche Wirte hatten die Saison schon eröffnet, verwaist stehen jetzt Tische und Bänke, eine metallene Kordel ist um sie geschlungen, damit kein Dieb sie fortträgt. Ich nehme kurz Platz, auch wenn ich nicht recht weiß, ob das vielleicht verboten ist. Normalerweise würden hier Paare sitzen, die von den kleinen und großen Erlebnissen dieses Tages erzählen, oder Freundinnen, die einander zuprosten, laut und fröhlich. Jetzt bin da nur ich.

Ich bin nicht einsam, das ist gut. Ich darf arbeiten und habe keine finanziellen Sorgen, das ist auch gut. Unsere Wohnung ist geräumig. Die Kinder sind nicht mehr klein.

Ich wünsche allen ganz viel Glück.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2020)