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BCG-Studie

Streitbare Anleger nützen auch den anderen

Der Hedgefonds Elliott stieg bei ThyssenKrupp ein und machte Druck, die Konditionen des geplanten (und inzwischen gescheiterten) Joint Ventures mit Tata Steel neu zu verhandeln und operative Verbesserungen anzustreben.
Der Hedgefonds Elliott stieg bei ThyssenKrupp ein und machte Druck, die Konditionen des geplanten (und inzwischen gescheiterten) Joint Ventures mit Tata Steel neu zu verhandeln und operative Verbesserungen anzustreben.REUTERS
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Aktivistische Investoren haben nicht immer einen guten Ruf, ihr Engagement ist aber positiv für den Kurs.

Wien. Aktivistische Investoren haben in Europa einen eher schlechten Ruf. Sie gelten als streitbar, weil sie Vorstände und deren Strategien direkt oder auch öffentlich kritisieren. Sie wollen ihre Partikularinteressen durchsetzen, um ihre Anteile dann gewinnbringend abstoßen zu können.

Solche Investoren unterschieden sich von herkömmlichen Anlegern, die sich eher dann an einem Unternehmen beteiligen, wenn sie dem Management vertrauen. Und anders als etwa NGOs, die sich nur deswegen Aktien zulegen, um auf der Hauptversammlung für ihr politisches oder ideologisches Anliegen eintreten zu können, wollen aktivistische Investoren Gewinne erzielen.

Aktivistische Investoren kaufen eher kleinere Beteiligungen an öffentlich notierten Unternehmen, um Zugang zu Informationen zu erhalten und dann im Rahmen von zum Teil öffentlichen Kampagnen (offene Briefe oder Videobotschaften) Einfluss auf die Geschäftsentwicklung zu nehmen und eine Wertsteigerung der Aktien zu erreichen, sagt Rüdiger Wolf, Co-Autor der BCG-Studie „Aktivistische Investoren“. Ziel sei immer, durch Umsetzung ihrer Strategie den Kurs zu steigern.

Als Beispiel für ein aktivistisches Engagement wird in der Studie etwa der Einstieg von Active Ownership Capital beim Schweizer Telekomunternehmen Sunrise Communications genannt: Die neuen Eigentümer opponierten nach dem Einstieg heftig gegen den Erwerb von UPC Switzerland. Der Hedgefonds Elliott wiederum stieg bei ThyssenKrupp ein und machte Druck, die Konditionen des geplanten (und inzwischen gescheiterten) Joint Ventures mit Tata Steel neu zu verhandeln und operative Verbesserungen anzustreben. Der US-Fonds Wyser-Pratte griff die Eigentümerfamilie des Bremer Satellitenherstellers OHB an und meinte, diese würde wie in einer „Feudalaristokratie“ agieren.

 

In den USA gang und gäbe

Die Zahl solcher Kampagnen wächst weltweit und auch in Europa, wenngleich der Rekord aus dem Jahr 2018 im Vorjahr nicht ganz eingestellt werden konnte. In der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) gab es 2019 37 öffentlich bekannt gewordene aktivistische Attacken auf insgesamt 20 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 250 Mio. Dollar. Weltweit waren es 625 Kampagnen bei 268 Unternehmen, mehr als die Hälfte davon fand in den USA statt.

Doch was bedeutet es eigentlich für die anderen Aktionäre, wenn ein aktivistischer Investor eine Kampagne lostritt?

Der Markt bewertet das jedenfalls positiv. Bereits am Tag der Veröffentlichung steigt der Aktienkurs überdurchschnittlich stark an. Die Höhe der Überrendite hängt davon ab, was der aktivistische Investor anstrebt: Zielt er auf Effizienzsteigerung, beträgt die Überrendite 1,8 Prozent. Geht es um Übernahmestrategien, steigt die Aktie um 1,6 Prozent höher, als sie das unter normalen Umständen tun würde. Geht es um die Kapitalstruktur oder die Corporate Governance, bringt das ein Plus von 0,5 bzw. 0,4 Prozent.

Als Ziele beliebt sind Konglomerate mit einer unterdurchschnittlichen Renditeerwartung gegenüber spezialisierteren Wettbewerbern, etwa ThyssenKrupp, Bayer oder ABB. Bei solchen nützt man Kursschwächen zum Einstieg. Potenzielle Restrukturierungskandidaten werden jedoch eher gemieden.

Doch wie geht es nun infolge der Coronakrise weiter? Kurzfristig würden sich die Investoren eher zurückhalten und auf den richtigen Zeitpunkt für ihr Investment warten, meint Wolf. Denn vielfach sei nicht klar, wohin sich der Markt bewegt oder welche Auswirkungen die zahlreichen Staatshilfen auf den Wettbewerb haben.

Wenn diesbezüglich mehr Klarheit herrsche, würden viele aktivistische Investoren die Kurstiefs zum Einstieg nützen. Da solche Investitionen aber eine gewisse Vorlaufzeit haben, werde es heuer wohl zu einem Rückgang aktivistischer Investments kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2020)