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Im Gespräch

Kummer: „Jetzt ist noch mehr Flexibilität gefragt“

Logistik
Prof. Sebastian Kummer auf seinem Katamaran vor der Küste Griechenlands.(C) S. Kummer
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Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der WU Wien, über logistische Herausforderungen in Zeiten von Corona.

Sebastian Kummer ist derzeit selbst unmittelbar von den Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung des Corona-Virus betroffen. Seit 18. Februar sitzt er auf seinem Katamaran im Niemandsland in der Ägäis fest, weil ihm weder die Türkei noch Griechenland das Anlegen erlauben. Die Presse hat ihn in der „schönsten Quarantäne der Welt“ erreicht.

 

Die Presse:Ihre derzeitige persönliche Situation könnte man fast schon symbolhaft für die Herausforderungen in der gesamten Logistik sehen, oder?

Sebastian Kummer: Offensichtlich ist, dass für internationale Transporte und Logistik Grenzregelungen, die eher aktionistisch sind, ein Problem darstellen. In meinem Fall wurden, während ich auf dem Weg von Spanien nach Griechenland und dann weiter in die Türkei war, zunächst die griechischen Häfen geschlossen. Als ich schon in griechischen Gewässern segelte, wurde dann sogar das Segeln ohne besondere Genehmigungen verboten. Obwohl ich vier Tage vorher ein Sailing Permit bekommen hatte, hat man mich nicht darüber informiert. Statt dessen wurde ich von der Küstenwache mit einer Maschinenpistole bedroht und aufgefordert, mich in türkische Gewässer zu entfernen, ansonsten man mich verhaften werde. Es sind solche fast stündlich sich ändernden Regelungen und auch eine gewisse Willkür, von der ich betroffen war und von der auch viele Logistiker betroffen sind.

 

In welchen Bereichen sind die Unterbrechungen der Lieferkette derzeit am gravierendsten?

Natürlich sind die Vorlieferungen aus China abgebrochen und ich denke, dass die Automobilindustrie aufgrund der komplexen Lieferketten und natürlich all jene Branchen, die auf Luftfracht angewiesen sind, am stärksten betroffen sind. Was die Automobilindustrie – aber im Grunde die gesamte Weltwirtschaft – angeht, ist die Coronakrise allerdings nur der Auslöser. Das Problem ist, dass in vielen Branchen ein tiefgreifender Wandel notwendig ist.

 

Welches Krisenmanagement ist jetzt bei den Logistikern gefragt?

Kurzfristig müssen die Nachfrageverschiebungen und die -rückgänge die enormen Preissteigerungen, etwa bei der Luftfracht, sowie der Containermangel aufgrund des Abbruchs der Logistikkette aus China gemanagt werden. Da Transport und Logistik eine abgeleitete Nachfrage sind, werden die Unternehmen auch mittelfristig von Nachfragerückgängen und Verschiebungen betroffen sein. Eines ist sicher: Es ist noch mehr Flexibilität als zuvor gefragt.

 

Gibt es, etwa im Bereich der Verkehrsträger, auch Krisengewinner?

Ich denke, mittelfristig ist der Straßengütertransport ein Gewinner der Krise. Bisher hatte man teilweise den Eindruck, als ob Lkw Staatsfeinde sind. Jetzt erkennen sowohl Politiker als auch Bürger, welche wichtige Rolle der Straßengütertransport spielt. Wenn wir nach der Krise zu eher regionalen Versorgungsstrukturen übergehen wollen, dann wird man sehr stark auf den Straßengüterverkehr setzen müssen. Regionale Bahnkonzepte sind zwar in manchen Bereichen möglich, aber nicht einmal annähernd flächendeckend. Reine Air Cargo Airlines sind natürlich zur Zeit die absoluten Krisengewinner und verdienen so viel Geld wie nie zuvor. Allerdings glaube ich nicht, dass dies anhalten wird.

 

Wie lange wird es nach dem Abflauen der Epidemie dauern, bis die Supply Chain wieder reibungslos funktioniert? Welche Faktoren sind hierfür zentral?

Die Lehre aus der letzten großen Krise war, dass die Logistiksysteme flexibel aufgestellt werden müssen. Beim Hochfahren der Wirtschaft nach der Krise werden nicht Transport- und Logistik der Engpass sein. Das Problem sehe ich eher bei den produzierenden Unternehmen. Ich nehme an, dass einige Lieferanten die Krise nicht überleben werden. Die Produktion der Waren und Zulieferteile wird der Engpass sein.

 

Welche Lehren könnte man aus der Krise ziehen? Wird es zu einer Entglobalisierung der Wirtschaft kommen?

Persönlich bin ich der Ansicht, dass die Wirtschaftspolitik geändert werden sollte, allerdings sehe ich da wenig Hoffnung. Bezüglich der Logistik sieht man, so glaube ich, sehr gut, dass die Logistikdienstleister sehr flexibel auf die Krise reagiert haben. Die Krise kann auch dazu führen, dass die Digitalisierung noch konsequenter als es bisher war, umgesetzt wird. Ob es zu einer Regionalisierung der Produktionsstrukturen kommt, weiß ich nicht. Man wird sicher versuchen, die starke Abhängigkeit der Supply Chains von China zu reduzieren.

ZUR PERSON



Prof. Sebastian Kummer
ist seit 2001 Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Mitherausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift „Logistikmanagement“. Er ist wissenschaftlicher Leiter der ÖVG, im Vorstand der österreichischen BVL und im wissenschaftlichen Beirat der deutschen BVL.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2020)