Bei der heutigen Hauptversammlung wollen Aktionärsschützer den Siemens-Vorstand nicht entlasten.
Berlin. Es gäbe wahrlich einigen Grund zum Feiern anlässlich des heurigen 160-jährigen Firmenjubiläums der Firma Siemens. Bei der Hauptversammlung vor 15.000 Aktionären in der Münchner Olympiahalle wird Siemens-Chef Klaus Kleinfeld heute Rekordzahlen präsentieren: 16 Prozent Umsatzsteigerung (plus zwölf Mrd. Euro), 35 Prozent Gewinnsteigerung. Das Herz der Konzernspitze und das der Aktionäre könnte lachen, würde die Bilanz nicht getrübt von einem der schwärzesten Jahre der Firmengeschichte.
Viel Licht, aber auch viel Schatten - so resümiert der Siemens-Chef das Jahr 2006, das bestimmt war von Pannen, Peinlichkeiten und Skandalen: die Pleite der früheren Siemens-Tochter BenQ, die Debatte um die 30-prozentige Erhöhung der Managergehälter und die Affäre um die Schwarzgeldkonten, die sich in der Dimension der Kartellklage bewegen - rund 400 Mio. Euro (siehe Bericht oben).
"Ich weiß weder, wie tief der Sumpf reicht, noch, wie weit er reicht."
Siemens-Chef Kleinfeld zur Schmiergeld-Affäre.
Über der Führung des Traditionsunternehmens droht in der Olympiahalle ein Sturm der Entrüstung hereinzubrechen. Aktionärsschützer haben schon eine Verweigerung der Entlastung für den Vorstand angekündigt. Eine Entlastung von unter 90 Prozent wäre eine schallende Ohrfeige, ein gravierendes Misstrauensvotum.
Der Skandal um die Schwarzgeldkonten hat längst höchste Kreise erreicht. Ein halbes Dutzend ehemaliger und amtierender Vorstände soll von den Machenschaften gewusst haben. Darunter Ex-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger und sein Nachfolger Joe Kaeser. "Ich weiß weder, wie tief der Sumpf reicht, noch, wie weit er reicht", erklärte Kleinfeld kleinlaut. Er muss sich miserables Krisenmanagement und schwere Kommunikationsfehler vorwerfen lassen.
In dem aufgeheizten Klima in der Münchner Zentrale kursieren bereits Gerüchte über seine bevorstehende Ablöse: Die Vertragsverlängerung in diesem Frühjahr steht auf dem Spiel. Demnach soll Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer, selbst langjähriger Konzernchef, Headhunter auf den Top-Job angesetzt haben.
Doch auch von Pierer steht unter massivem Druck. Aktionärsschützer wie Wirtschaftsexperten fordern den Rückzug des Wirtschaftskapitäns vom Steuer des Kontrollgremiums. Der 65-Jährige könnte in Interessenskonflikte geraten - wenn er nicht schon längst mittendrin steckt. Nicht nur das Image des Weltkonzerns mit 475.000 Mitarbeitern hat enormen Schaden genommen, auch ein Prestigeprojekt mit dem finnischen Nokia-Konzern. Nokia hat ein Joint-Venture mit Siemens auf die lange Bank geschoben.