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Kinderbuch der Woche: Der Bub, der nicht aufhört zu wachsen

(c) Beltz
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"Die Presse" liest Neuerscheinungen. Diese Woche: Die Geschichte eines Kindes, das an Gigantismus leidet. Ein wunderschönes, trauriges Buch über Geschwisterliebe und die Träume, die ein Sammellexikon bringt.

Es ist so eine Sache mit traurigen Büchern für Kinder. Da gibt es immer ein kurzes Zögern, sozusagen ein „aber es ist traurig“. Von sich aus greifen Kinder, genauso wie Jugendliche, wohl eher zu den Titeln, die ihnen als lustig oder spannend beschrieben werden. Im Gedächtnis bleiben aber oft die, die sie zu Tränen rührten. Mit "Alles, was wir träumten“ legt die Australierin Karan Foxlee nun ein solches vor. Schon das Setting bekümmert: Im Ohio der 70er Jahre versucht eine Mutter, ihre beiden Kinder mit mehreren Jobs durchzubringen. Der Vater war nie wirklich da und irgendwann ganz weg, das Geld ist knapp, es reicht kaum für Miete, Essen und Kleidung. Und Davey hört und hört nicht auf, schneller als alle anderen zu wachsen.

Es ist dieses ständige Größerwerden, das wie eine böse Vorahnung über der kleinen Familie schwebt, immer ist es da, alles nimmt Bezug darauf, und doch dauert es, bis „Gigantismus" diagnostiziert wird. Was den Geschwistern von ihrer Kindheit bleibt, entsteht aus der monatlichen Zustellung eines (gewonnenen) Lexikons in vielen Einzelbänden. Sie studieren die Ausgaben und lassen sich von Bären, Beringsee und Blattkäfern für die Natur begeistern, Lenny entwickelt eine seltsames Interesse an Insekten, Davey, mit sechs Jahren so groß wie ein Jugendlicher, eine Liebe zu Adlern. Die glasklare, melodische Sprache von Karen Foxllee beschreibt die Liebe zwischen dem großen, schiefen Bub, der trotz allem so laut und glücklich ist, und seiner Schwester, die natürlich auch genervt ist und sich für ihn schämt, so fein, so nahbar, dass man das Buch kaum weglegen mag.

"Alles, was wir träumten“ von Karen Foxlee. 352 Seiten, 16,95 Euro. Alter: ab 11 Jahren.

(c) Beltz