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Klangkörper in der Krise

Die schwarze Zeit ohne Konzerte

„Wir sind betroffen“: Wie alle Orchester hoffen die Wiener Symphoniker auf den Herbst.
„Wir sind betroffen“: Wie alle Orchester hoffen die Wiener Symphoniker auf den Herbst.(c) Symphoniker/Stefan Olah
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„Alles steht still“, heißt es bei den Philharmonikern, „Wir wehren uns gegen die Angst“ bei den Symphonikern. Ein Rundruf bei heimischen Orchestern.

Schon vor vier Wochen hat die Camerata Salzburg auf die Krise grafisch reagiert – und ihre Homepage schwarz eingefärbt. Die Musiker dieses renommierten, als Verein organisierten Kammerorchesters sehen schwarz: Sie sind nicht angestellt, werden aus den Honoraren der absolvierten Konzerte bezahlt. Und solche gibt es seit Mitte März nicht mehr. Die Musiker sind auf Spenden oder auf das staatliche Notfallnetz angewiesen.

Für alle Orchester stellt sich derzeit die Frage: Soll man versuchen, Konzerte zu verschieben, oder einfach alles ad acta legen? Die Camerata beweist Mut, wenn sie ein für April im Konzerthaus geplantes Beethoven-Programm mit dem Geiger Renaud Capuçon auf Ende August verschiebt; aber wird das Konzert dann möglich sein?

Solche Probleme haben auch die Großen, auch wenn sie von Bund und Land nicht im Stich gelassen werden. Das Wiener Staatsopern-Orchester wurde von der Bundestheater-Holding für Kurzarbeit angemeldet, zehn Prozent Lohnabzug sollten zu verschmerzen sein. Das zweite Standbein als Verein Wiener Philharmoniker (Konzerte, Tournee, Medienaktivitäten) lahmt allerdings derzeit. Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer zur „Presse“: „Da sind wir selbstständige Unternehmer, da gibt es nichts, denn wir haben keine Einnahmen. Alles steht still. Wir können nichts auszahlen.“ Zu Beginn der Corona-Maßnahmen mussten die Philharmoniker mitten in einem Münchener Beethoven-Zyklus die Tournee abbrechen und mit Bussen nach Wien zurückfahren; derzeit sollten sie mit Zubin Mehta für Konzerte in Wien, Deutschland und Spanien proben. Solche Unternehmen lassen sich nicht verschieben, außerdem, so Froschauer, „ist auch bereits die übernächste Saison komplett durchgeplant“.

 

Schönbrunner Konzert mit Gergiev

Immerhin, das Schönbrunner Sommernachtskonzert wurde auf 18. September verschoben – mit Jonas Kaufmann (derzeit mit einer etwas plumpen Corona-Adaption des Schlagers „Marina, Marina“ im Netz präsent) als Solisten und Valery Gergiev als Dirigenten. Doch die quälende Frage bleibt: Werden die Salzburger Festspiele stattfinden? „Salzburg ist eine Säule unserer Geschichte und unserer Existenz“, sagt Froschauer: „Es liegt uns sehr am Herzen, wir sind zu allem bereit.“

Optimistisch gibt sich Jan Nast, Intendant der Wiener Symphoniker: „Wir sind betroffen, wir brauchen mediale Unterstützung, wehren uns gegen die Angst, angesteckt zu werden und geben Lebenszeichen musizierend auf der Homepage ab.“ Das städtische Orchester muss noch nicht zur Kurzarbeit angemeldet werden, denn, so Nast: „Wir reagieren situationselastisch.“ Gemeinsam mit dem Betriebsrat hat man sich für den Abbau von Urlauben entschieden, so hofft man, später manövrierfähiger zu sein.

 

Lob für Konzerthaus und Musikverein

Die Krise könnte aber auch dafür gut sein, sich neu zu profilieren – formal (so sind für die nächste Saison 23 Grätzel-Konzerte geplant) und inhaltlich: So soll im Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada mit Stücken von Korngold und Schreker die Idee des Aufbruchs zur Moderne dargestellt werden.

Die Symphoniker können heute mit mehr Selbstbewusstsein und Charakterschärfe auftreten, meint Nast. Er lobt die gute Kommunikation zu den Veranstaltern in Konzerthaus und Musikverein: Die Zeiten, als die Symphoniker als „Mietorchester“ zu kommoden Preisen gehandelt wurden, seien gottlob vorbei. Der gebürtige Berliner Nast bereut nicht, vor knapp einem Jahr nach Wien ausgewandert zu sein und die Position als Intendant der Sächsischen Staatskapelle Dresden aufgegeben zu haben: „Es ist spannend in der Stadt, wo Musik eine zentrale Rolle spielt wie kaum anderswo.“

Wienerisch geprägt war der Concentus Musicus von allen Anfang an. Alice und Nikolaus Harnoncourt zogen in der Josefstadt nicht nur ihre Kinder groß, sondern auch diese auf Alte Musik eingeschworene Gemeinschaft. Deren Situation derzeit ähnlich bedrohlich ist wie jene der Camerata Salzburg: Die Konzerteinnahmen sind eigentlich nur Durchlaufposten für die jeweils engagierten Musiker. Haben diese nicht daneben eine fixe Anstellung (etwa als Lehrer), sind sie auf einen Notfallfonds angewiesen, der nun intern erstellt werden soll, „um einiges abzufangen“, wie Nikolaus' Enkel Maximilian, derzeitiger Orchestermanager, sagt.

Die große Linie unter dem neuen künstlerischen Leiter Stefan Gottfried erklärt er so: „Die Idee ist die gleiche wie bei meinem Großvater, wir versuchen nur, sie mit eigenen Visionen zu ergänzen. Bach, Händel und das klassische Barockrepertoire bleiben natürlich. Weiters suchen wir den Weg in die frühe deutsche Romantik. Vielleicht erfinden wir uns neu dabei.“ Kopfzerbrechen bereitet ihm mehr, dass ein dummes Gerücht nach der „Clemenza di Tito“-Produktion vergangenen Herbst im Theater an der Wien die Runde machte: Der Concentus hätte auf Stahlsaiten und mit neuen Bögen gespielt. So etwas käme natürlich nie infrage . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2020)