Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Der Tod vor dem Tod

Ein Überlebensmittel: Das ist István Örkénys Bericht „Das Lagervolk“. Eine Sammlung von Dokumenten aus der Zeit seiner Gefangenschaft in einem stalinistischen Lager – nun erstmals auf Deutsch.

Rezensionen sind nicht selten rhetorische Übertreibungen, die, wie Nicolás Gómez Dávila einmal gemeint hat, von der Literaturgeschichte nur alsbald korrigiert werden. Im Fall von István Örkénys Buch „Das Lagervolk/Erinnerungen“ kann sich der Rezensent des Superlativs indes nicht enthalten. Das Buch des 1979 gestorbenen ungarischen Autors, der durch die Minutennovellen einem größeren (deutschsprachigen) Publikum bekannt geworden ist, ist literarisch, historisch und politisch bemerkenswert. Ein bedeutendes Dokument ist dieses Buch, weil es zum Überlebensmittel des Autors in den stalinistischen Lagern wurde. Die Aufzeichnungen stammen aus der Lagerzeit, sind selbst Dokumente aus der Zeit der Gefangenschaft. In späteren Kapiteln beschreibt Örkény ganz unzynisch, wie die Arbeit ein wesentlicher psychologischer Hebel im Kampf um das Überleben gewesen ist. Das Schreiben ist sublime Arbeit, und Örkénys literarischer Durchbruch verdankt sich auf schmerzhafte Weise dieser einschneidenden Erfahrung.

Die deutsche Übersetzung unterschlägt, dass es sich um zwei Bücher handelt, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen sind: den Lagerbericht Örkénys sowie die Erinnerungen, Gesprächsprotokolle von acht Mitgefangenen. Was Örkénys Doppelbuch mit den Mitteln des Essays und des Gesprächs festhält, ist eine besonders beklemmende Geschichte, die hierzulande unbekannt ist: Im Gefolge des Zusammenbruchs von Hitlers Armeen in der Sowjetunion und des Vormarschs von Stalins Truppen nach Mittel-
europa gerieten ab 1943 um die 500.000Ungarn in Kriegsgefangenschaft, darunter auch ungarische Juden wie Örkény, die als Angehörige des nazistischen Mitläuferstaates Ungarn in den Krieg Hitlerdeutschlands gegen Stalins Sowjetunion ziehen mussten, während ihren Angehörigen in der Heimat das Schicksal des osteuropäischen Judentums drohte: die vollständige Auslöschung.

Auf bestechende Weise verschmilzt Örkénys Buch blanke Schilderung und subjektiven Befund, philosophische Interpretation und Gespräch zu einem fragilen Ganzen. Literarisch und analytisch ist es nicht zuletzt wegen seiner Unerschrockenheit, die Imre Kertész offenkundig bewundert, der „Atemschaukel“ von Herta Müller haushoch überlegen. Das nackte Überleben, wie er es hier beschreibt, ist selbst ohne Tortur und Folter eine Grenzerfahrung: Tod vor dem Tod, ein Leben, das stets von Auslöschung bedroht ist, von Gleichgültigkeit, Abgestumpftheit, von Erinnerungsverlust und der Neutralisierung aller Affekte und sozialen Impulse. Ein Leben ohne Rausch: „Das Elend der Gefangenschaft resultiert nicht aus der Schrumpfung des Raumes. Die Gefangenschaft ist nicht eine Frage von Raum, sondern von Zeit.“ Das Buch enthält eine minuziöse Darstellung insbesondere des sozialen Lebens, das durch die Erfahrung von Hunger und Arbeit, von Heimweh und Hoffnungslosigkeit, von Hierarchien und später, als die Ungarn zum neuen Brudervolk aufgestiegen sind, von kommunistischer Bildungspropaganda gekennzeichnet ist.

Beeindruckend und literarisch meisterhaft sind die Gesprächsprotokolle, die ursprünglich den Titel „Amig idejutottunk“ („Woher wir kamen“) trugen; bedeutend auch die philosophischen Reflexionen über die Prägekraft jener Erinnerungen, die immer Werturteile mit sich tragen. Die „Gesprächsprotokolle“ ergänzen das literarische Soziogramm des „Lagervolks“ durch eine hier sehr literarische Gesprächsform, die später unter dem Terminus Oral History Berühmtheit in der Historiografie erlangt hat. Zu Wort kommen etwa ein Bankangestellter und ein Tagelöhner, ein Musiker und ein Maurer. Beklemmend aktuell liest sich das Porträt des Pfeilkreuzlers Pal Horváth, der die Aggressivität der Bewegung sowie seinen Gerechtigkeitsdrang als wichtigste Motive für sein politisches Engagement anführt. Und die Erfahrung, dass alle anderen in der Stadt Ercsi Angst vor ihm, dem einstigen Niemand, haben. So entsteht das Psychogramm einer verarmten autoritären Gesellschaft zwischen den beiden Kriegen.

Die erstaunliche Offenheit der Gespräche mag zum einen mit der gemeinsamen Erfahrung im Lager zusammenhängen, zum anderen aber mit dem Umstand, dass sie in einen narrativen Kontext der Bekehrung eingebettet sind: Die acht Porträtierten sind die Reaktionäre, die Armen und die bürgerlichen Menschen von gestern, die die gewandelten sozialen und sozialistischen Menschen der „sowjetischen Demokratie“ von morgen sein werden. So ist von der „politischen Dummheit der zwischen den Weltkriegen aufgewachsenen Generationen“ die Rede und davon, dass das „ungarische Bürgertum“ seine Vergangenheit mit sich führe „wie ein aufgeklapptes Taschenmesser“.

Obschon Örkény insbesondere im zweiten Teil des Essays die Schrecken des Lagers und den Lageraufenthalt abmildernd als eine Form von, wenn auch ungeschickter, volksdemokratischer Umerziehung deutet, wurden beide Bücher bei ihrem Erscheinen von ultrastalinistischen Kadern heftig attackiert. 1956 fiel der Reformkommunist Örkény in Ungnade; das Wiedererscheinen des Buches 1973 darf als späte Rehabilitation des Autors angesehen werden. Ob Örkénys Dokumentation eines wichtigen und dunklen Kapitels der ungarischen Geschichte in Victor Orbáns und Gábor Vonas Ungarn willkommen ist, steht zu bezweifeln.

Zweifel und Widerstand mag dieses Buch aber auch von ganz anderer Seite auslösen, wie das eigenartige Nachwort des Übersetzers Laszlo Kornitzer sichtbar macht. Dabei geht es weniger um die Frage, ob und wie man Lager mit Lager vergleichen kann und darf, sondern um die Behandlung des heiklen jüdischen Problems, insbesondere im „Lagervolk“. Zwar wird dort – wie aktuell – der ungarische Antisemitismus kritisch kommentiert, doch zugleich der Eindruck erweckt, dass die ungarischen Juden durch ihr „unpatriotisches Verhalten“ selbst maßgeblich zu diesem beigetragen haben. Verständlicherweise zeigt sich der Übersetzer irritiert darüber, dass in den beiden Erinnerungsbänden die Vernichtung der Juden programmatisch verschwiegen wird. Ein Rahmenessay eines György Konrad oder Imre Kertész wäre hier im Hinblick auf eine Vergangenheit, die auch in Ungarn noch nicht enden will, am Platz gewesen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2010)