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Biodiversität

Naturbeobachtung: „In jeder Wohnung gibt es wildes Leben!“

Naturbeobachtungen:
Viele Tiere und Pflanzen kann man auch vom Fenster aus oder auf dem Balkon beobachten(c) APA/PETER BUCHNER (PETER BUCHNER)
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Die City Nature Challenge findet heuer erstmals auch in Österreich statt. Von 24. bis 27. April kann jeder, der Zugang zum Internet hat, Naturbeobachtungen aus seiner Stadt melden. Das ergibt einen weltweiten Überblick, welche Tier- und Pflanzenarten in welcher Region vorkommen.

Begonnen hat die City Nature Challenge 2016 als Wettbewerb zwischen San Francisco und Los Angeles, bei dem die Bewohner der US-Städte aufgefordert waren, so viele Naturbeobachtungen wie möglich zu melden. Mit Kamera oder Smartphone sollten die Leute hinausgehen und Abbildungen oder Tonaufnahmen von allem machen, was kreucht, fleucht oder wächst. Diese lädt man auf die Internet-Plattform iNaturalist.org hoch, wo Experten bei der Bestimmung der Gattung und Art helfen.

„Das war so beliebt, dass im Jahr darauf weitere Städte in den USA teilnahmen, und seit drei Jahren ist die City Nature Challenge, CNC, ein weltweites Ereignis“, sagt Lorin Timaeus, der diese – u. a. mit Unterstützung der Stadt Wien – erstmals nach Wien bringt. „Inzwischen kann sie als das größte Citizen-Science-Event der Welt zur Erhebung der Biodiversität bezeichnet werden.“ In Österreich sind nun auch Krems und Graz dabei. Voriges Jahr machten in circa 160 Städten 35.000 Personen insgesamt knapp eine Million Beobachtungen. „Ich finde Citizen-Science-Projekte generell spannend und möchte solche Aktionen auch an Schulen bringen“, sagt Timaeus.

Denn, je mehr Menschen sich an wissenschaftlichen Projekten beteiligen, umso mehr steigt das Bewusstsein – in dem Fall für Naturschutz und Artenvielfalt. „Wenn umweltpolitische Maßnahmen umgesetzt werden sollen, braucht es eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, und dazu können Events wie dieses beitragen.“

Timaeus hat seine Dissertation an der Uni Wien mit Forschungen an der Fruchtfliege Drosophila absolviert. „Über zehn Jahre habe ich mich mit einem einzigen Organismus beschäftigt. Mein Ausgleich lag darin, die Vielfalt der Natur zu erkunden“, sagt Timaeus. Er nutzt seit Jahren die Plattform iNaturalist.org, um Fotos von Insekten, Vögeln, Nagetieren oder Pflanzen zu speichern und bestimmen zu lassen. „Diese Plattform hat den Vorteil, dass man selbst keine Artenkenntnis braucht.“ Denn andere Nutzer helfen bei der Bestimmung, welche Gattung und Art da gesichtet wurde.

Einstiegsdroge für Beobachter

„Es ist quasi die Einstiegsdroge für die Meldung von Arten“, sagt Timaeus. Je mehr man von den Experten lernt, umso detaillierter wird der eigene Blick. Mit etwas Übung kann man auch fachspezifische Plattformen nutzen wie ornitho.at von BirdLife Austria, auf der Vogelkundler meist ohne Foto melden, welche Art wo beobachtet wurde. In Österreich ist auch naturbeobachtung.at vom Naturschutzbund beliebt, um Sichtungen von Tieren, Pflanzen und Pilzen zu dokumentieren. „Bei der CNC werden auch Arten gefunden, die noch nie zuvor in der jeweiligen Stadt gesichtet wurden“, erzählt Timaeus. So entdeckte man in Südafrika invasive Pflanzen, die die dortige einheimische Flora bedrohen könnten. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass in Städten die Artenvielfalt nicht unbedingt geringer ist als auf dem Land.

Timaeus nahm sich nach der Dissertation Zeit, um das Event nach Wien zu holen, und überzeugte auch die Zoologie der Uni Graz davon. Zugleich starteten an der Donau-Uni Krems Vorbereitungen für die CNC: So hat sich schnell ein Team gebildet, das erstmals dafür sorgt, dass aus Österreich Daten mit einfließen. Als im März klar wurde, dass in den meisten Städten im April noch Ausgangsbeschränkungen gelten, mussten zwar Veranstaltungen wie Exkursionen und Workshops abgesagt werden. „Aber die CNC wird nicht abgesagt. Im Gegenteil, viele Beobachtungen kann man vom Fenster aus machen, auf der Terrasse oder in einem nahe gelegenen Park“, sagt Timaeus.

Jede Sichtung ist wichtig

„Auch in jeder Wohnung gibt es wildes Leben: Man muss nur eine Schüssel mit Obst einige Tage stehen lassen.“ So zielt das Projekt „Never home alone“ von iNaturalist auf Leben ab, das sich in der Wohnung abspielt: Silberfische, Spinnen, Ameisen und Käfer im Haus sind ebenso wichtige Naturbeobachtungen wie Schmetterlinge und Vögel im Garten. Für uns Menschen bringt die Beschäftigung mit der Natur Erholung und Entspannung. „Jede Beobachtung zählt, auch von häufigen Arten.“ So kann man z. B. aus den Daten erkennen, wenn Pflanzen durch den Klimawandel früher zu blühen beginnen als noch vor einiger Zeit.

In Zahlen

31.000 Spezies wurden im Vorjahr in 160 Städten der Welt bei der City Nature Challenge (CNC) gemeldet. Heuer kann erstmals jeder in Österreich Sichtungen per kostenloser App oder Internet auf die Plattform iNaturalist.org hochladen.

250 Städte sind für die CNC von 24. bis 27. April angemeldet, in Österreich Wien, Graz und Krems. Die Corona-Maßnahmen schränken solche Naturbeobachtungen kaum ein.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2020)