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Wie flexibel sollen Löhne sein?

Auf Basis detaillierter Daten modelliert Martin Kerndler den Arbeitsmarkt so realitätsnah wie möglich.
Auf Basis detaillierter Daten modelliert Martin Kerndler den Arbeitsmarkt so realitätsnah wie möglich.Clemens Fabry/Die Presse
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Der Ökonom Martin Kerndler untersucht die Balance zwischen umsatzbedingtem betrieblichem Spielraum bei der Lohngestaltung und der nötigen Stabilität von Einkommen.

Klar, dass Kurzarbeit in der Coronakrise ein Gebot der Stunde ist“, kommentiert Martin Kerndler die gerade in den Vordergrund gerückte arbeitsmarktpolitische Folge der laufenden Ereignisse. „Unternehmen, denen massiv Aufträge wegbrechen, bleibt ja kaum etwas anderes übrig, als ihre Leute entweder zu entlassen oder deren Arbeitszeit und damit die Lohnkosten zu reduzieren.“ Neu sei dieses Mittel jedoch nicht. „Die jetzige Dimension ist natürlich extrem und das nun geltende Modell speziell an diese Situation angepasst, aber in Deutschland zum Beispiel nehmen Betriebe auch in normalen Zeiten oft Kurzarbeit in Anspruch.“

Kerndler ist Wirtschaftswissenschaftler und Postdoc-Universitätsassistent am Institut für Stochastik und Wirtschaftsmathematik der TU Wien. Ein realistisches Bild des Arbeitsmarktes zu erarbeiten und wirtschaftspolitische Maßnahmen daraus abzuleiten ist eine Kernaufgabe seines Fachs. „Schon nach der Finanzkrise von 2008 hat sich Kurzarbeit als wirksam erwiesen, um eine solche Ausnahmesituation mit möglichst wenig Jobabbau zu überstehen“, erklärt er. „Damalige Studien zeigten aber auch, dass verstärkt Firmen darauf zurückgriffen, die die Lohnkosten pro Beschäftigtem nicht flexibel anpassen konnten.“

Starrer Lohn erhöht Entlassungsrisiko

Über die Auswirkungen mangelnder Flexibilität bei Löhnen hat der 31-Jährige im Vorjahr dissertiert. Dass ihm Bundespräsident Alexander Van der Bellen das Doktorat nun nicht bei der für 12. März geplanten Sub-auspiciis-Promotion überreichen konnte, ist ebenfalls dem grassierenden Virus geschuldet. Die Feierlichkeiten wurden vertagt. Zudem muss sich Kerndler daran gewöhnen, Studierende nicht mehr mit der Kreide in der Hand vor einer Tafel zu unterrichten. „Eine Vorlesung von seinem privaten Schreibtisch aus zu halten und zu einem Monitor zu sprechen ist schon eigenartig.“ Zum Glück gibt es im Home-Office, das er in sein Elternhaus bei St. Pölten verlegt hat, ein Klavier. Von jeher sein liebster Ausgleich.

Der Fachbegriff für wenig betrieblichen Spielraum bei der Lohngestaltung ist Lohnrigidität. Rigidität heißt Starre. Die Gründe dafür können in institutionellen Gegebenheiten wie Kollektivverträgen, Kündigungsschutz und Ähnlichem liegen, häufig aber auch an Marktmechanismen. So ließe sich beispielsweise qualifiziertes Personal nur durch Anreize binden. Planungssicherheit beim Einkommen gehöre hier dazu.

„Im Allgemeinen sind Löhne relativ konstant, auch wenn die Umsätze eines Betriebes schwanken“, erklärt Kerndler. Dies habe allerdings nicht nur Vorteile. „Wenn Löhne zu starr sind, sind Entlassungen bei großen Umsatzeinbußen unvermeidlich.“ Kerndler untersucht, wie Arbeitgeber reagieren, wenn die Erlöse sinken. Fackeln sie nicht lange mit der Kündigung oder fällt bloß die Lohnerhöhung in manchen Jahren schmäler aus? „Anhand unserer Daten sehen wir auch, welche Gruppen von Arbeitnehmern in solchen Fällen stark von Kündigungen betroffen sind.“ Etwa ältere Menschen, die mehr verdienen als jüngere. Da diese schwerer einen neuen Arbeitsplatz fänden, wirke sich Lohnrigidität nicht nur auf persönlicher Ebene aus, sondern verursache auch hohe volkswirtschaftliche Kosten. Kerndler entwickelt theoretische Modelle, um derlei Einflüsse auf die Gesamtökonomie zu messen. Dabei berücksichtigt er auch individuelle Faktoren wie Konsum, Sparverhalten oder Pensionsantritt.

Auf die Idee, an der TU Wirtschaftsmathematik zu studieren, kam der Absolvent einer Handelsakademie, als sich ein ehemaliger Kollege seiner Mutter in diesem Fach inskribierte. „Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es diese Kombination aus Mathematik und Wirtschaft überhaupt gibt. Ich fand sie sofort reizvoll.“ Und bereut habe er seine Wahl keine Sekunde. Neben der Forschung steckt er viel Engagement in die Lehre. „Nur schade, dass diese auf der Karriereleiter keinen großen Wert hat.“ Für Positionen zähle vor allem die Publikationstätigkeit, und hier dauere es in den Wirtschaftswissenschaften besonders lange, bis man sich seine Sporen verdient habe.

Zur Person

Martin Kerndler (31) hat an der TU Wien Wirtschaftsmathematik studiert und an der Uni Wien das Doktoratskolleg „Vienna Graduate School of Economics“ absolviert. Er dissertierte im Jänner 2019 auf dem Gebiet der Arbeitsmarktökonomie mit einer Arbeit, für die er die Auswirkungen mangelnder Lohnflexibilität untersucht hat. Nun ist er Postdoc-Universitätsassistent an der TU Wien.


[QCQLD]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2020)