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Amanshausers Album

Reisekrise, Teil vier

(c) APA/AFP/DIPTENDU DUTTA (DIPTENDU DUTTA)
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Als das Auto noch nicht die Topografie beherrschte. Wohin bewegen wir uns?

Der 1914 geborene britische Schriftsteller Laurie Lee beschreibt in
"An einem hellen Morgen ging ich fort" seine England- und Spanienreise in den krisenhaften Dreißigerjahren. Einige Darstellungen erinnern uns daran, dass Asphaltbänder noch nicht die Topografie beherrschten: "Ich hatte großes Glück, damals auf Wanderschaft zu gehen, als das Land noch nicht platt gewalzt war. Viele der Landstraßen (...) folgten zärtlich der Windung eines Tales. Das alles ist noch nicht so lang her, doch könnte heute niemand mehr meinem Weg nachgehen. In der Zwischenzeit hat das Auto die Landschaft zerstückelt, der Reisende durchbraust sie auf Rinnsteinhöhe und sieht dabei noch weniger als ein Hund im Straßengraben." Nur Herzlose könnten solche Stellen nicht berührend finden. Mit dem Aufstieg des Individualverkehrs versank die "long and winding road".

Zerstört das 21. Jahrhundert die letzten Reste der Wanderschaftswelt, zumindest in den Tälern? Sollte man sie nicht doch bewahren? Deshalb beruhigt es, wenn sich ein Land wie Bhutan nicht völlig dem Touristenwahnsinn hingibt. Deshalb beunruhigt es, wenn Regimes wie das Bolsonaro-Brasilien die Vernichtung ihrer Naturressourcen aktiv fördern. Deshalb sollten wir überall alles unternehmen, um nach der Krise die Macht nicht den skrupellos populistischen und immer auch charakterlos wirtschaftsfreundlichen Ausverkäufern zu überlassen. Denn die atmen jetzt durch und schmunzeln. Das Virus ist ihr Freund! Zwar eignet es sich kaum zur Befeuerung von Verschwörungstheorien, dafür ist es zu global. Auch wurde es nicht von Migranten eingeschleppt. Trotzdem erreichte das Virus innerhalb weniger Wochen all das, was Demagogen betört: geschlossene Grenzen, Nationalismus, Ausnahmezustand, kurz, eine globale Krise, die auf "starke Männer" wartet. Zukünftige Urlaube werden regionaler und fragmentarischer sein. Vielleicht machen wir es am besten wie jener Lissaboner Globetrotter im Text des sanften Laurie Lee, der es in zwei Jahren Weltreise immer nur bis Cádiz schaffte, weil er jedesmal daheim etwas vergessen hatte.