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Literarisches Denkmal

Paris in den 1920er Jahren und heute: Der Sieg der Frauen

Schwimmwettkampf in Paris.
Schwimmwettkampf in Paris.(c) Reuters (Charles Platiau)
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Eine erfolgsverwöhnte junge Anwältin im heutigen Paris und eine Offizierin der Heilsarmee in den 1920er-Jahren: Mit dem „Haus der Frauen“ verbindet Laetitia Colombani zwei Frauenleben und setzt einer Kämpferin der guten Sache ein literarisches Denkmal.

Der „Palast der Frauen“ ist ein Frauenhaus in Paris, ein Zufluchtsort für misshandelte Frauen, Frauen in Notsituationen oder Asylantinnen. Nur wenige Nicht-Franzosen kennen das Haus, und noch weniger Menschen wissen, wer sich für dessen Entstehung vor fast 100 Jahren eingesetzt hat: Blanche Peyron, eine britisch-französische Heilsarmee-Aktivistin, die es im vorigen Jahrhundert bis zur Heilsarmee-Kommissarin geschafft und ihr Leben der guten Sache gewidmet hat. In ihrem neuen Roman, „Das Haus der Frauen“, holt Laetitia Colombani Madame Peyron vor den Vorhang. In einem von zwei Erzählsträngen bringt sie den Lesern Peyrons Leben und Werken im Paris der 1920er-Jahre näher: ihren ungewöhnlichen Tatendrang, der so „unweiblich“ erschien Anfang des 20. Jahrhunderts, ihre völlige Selbstaufgabe zugunsten der Hilfe anderer Menschen, ihre auf Lebenszeit währende Verbindung mit ihrem Ehemann, Albin, mit dem sie sechs Kinder hatte. Die Leben der beiden Protagonistinnen verwebt die Französin Colombani, die mit ihrem Erstlingswerk „Der Zopf“ 2017/2018 weltweit erfolgreich ihr Debüt feierte, einerseits mit einem Symbol – dem „Palast der Frauen“ – und andererseits mit dem Dienst am Nächsten, der zu wenig zum Leben zu hat.

Der zweite Erzählstrang ist im Paris von heute angesiedelt. Seine Protagonistin ist die erfolgsverwöhnte junge Anwältin Solène, die durch ein schlimmes zwischenmenschliches Ereignis völlig aus der Bahn geworfen, in die Psychiatrie eingeliefert und mit der Diagnose Burn-out konfrontiert wird. Um sich auf irgendeine Weise zu beschäftigen, weit weg von ihrem bisherigen beruflichen Umfeld, beschließt Solène, eine ehrenamtliche Tätigkeit als Schreiberin aufzunehmen. Als solche soll sie einmal wöchentlich im „Palast der Frauen“ ihre Dienste und Hilfestellungen anbieten.

(c) S. Fischer Verlag

Natürlich stellt sich sogleich die Frage, wie sich eine Frau, die bislang vor Gericht gegen Verlust und für Gewinn in Millionenhöhe für ihre Mandaten gekämpft hat, in einem für sie so fremden und prekären Umfeld zurechtfinden wird und – was noch viel brisanter ist – jenen Frauen helfen kann. Was weiß sie denn schon von deren Geschichten, Erlebnissen? Welchen Wert haben zwei Euro für sie – und welchen für eine Frau, die kaum etwas besitzt? Dennoch findet Solène erstmals ihren Platz im Leben, und auch ihre Liebe zum Schreiben wird wiedererweckt.

Der französische Titel lautet im Übrigen sehr treffend „Les Victorieuses“ – „Die Siegreichen“: benachteiligte Frauen, die ihren Schicksalen trotzen und siegreich aus ihren Kämpfen hervorgehen, möchte man meinen. Als ebenso siegreich erweisen sich letztlich ja auch Blanche und ihr Kampf um soziale Gerechtigkeit (der allerdings wohl immer nur kleine Siege bedeuten wird, solange von den Mächtigen nichts Großes geändert wird) und Solène, die erstmals für sich einsteht und einen neuen Weg einschlägt – allein um die Chancen, die sich ihr im Gegensatz zu vielen anderen Menschen bieten, zu nutzen. Ein berührendes Buch, das Hoffnung auf eine zumindest in gewissen Ecken bessere Welt gibt – und in der Menschlichkeit einen Platz findet. AB

Laetitia Colombani: „Das Haus der Frauen“, übersetzt von Claudia Marquardt, S. Fischer Verlag, 256