Wer uns bei dieser WM aller gefehlt hat

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Die wichtigsten Erkenntnisse der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, und was wir daraus lernen können.

Michael Ballack: Der größte Verlierer dieser WM.

Messi, Rooney, Ronaldo und Kaka gelten als die großen Enttäuschungen dieser Weltmeisterschaft. Die Superstars boten inferiore Leistungen und schieden mit ihren Teams frühzeitig aus. Der größte Verlierer unter den Fußballern bei dieser WM ist allerdings Michael Ballack. Denn im Gegensatz zu seinen berühmten Kollegen konnte er seine Unfähigkeit auf dem Spielfeld gar nicht unter Beweis stellen. Der verletzte Kapitän der deutschen Mannschaft wurde in Abwesenheit von den heimischen Medien vorgeführt und von seinen eigenen Mannschaftskameraden ausgedribbelt.

Brasilien:

Back to the roots, aber dalli!

Angeblich hat eine brasilianische Mannschaft bei diesem Turnier teilgenommen und ist gegen Holland im Viertelfinale ausgeschieden. Aber brasilianischer Fußball wurde in Südafrika nicht gespielt. Brasiliens Trainer Carlos Dunga hat dem fünffachen Weltmeister seine Identität, seine Tradition und seinen Glanz genommen. Bis 2014 sollte sich die „Seleção“ wieder ihrer Wurzeln besinnen. Da findet die WM nämlich im eigenen Land statt.

Der Videobeweis:

Computerspiel statt Fußball.

Zugegeben: Der Ball war hinter der Linie und England hätte sich dieses Tor gegen Deutschland verdient. Auch Argentiniens Führungstreffer im Achtelfinale gegen Mexiko war irregulär. Tevez stand meilenweit im Abseits. Aber die Diskussion mit dem Videobeweis gibt es bei jeder WM seit Ende des Schwarz-Weiß-Fernsehens. Doch wer entscheidet, wann das Bild eingefroren wird, wer bestimmt, welche Perspektive für den richtigen Durchblick sorgt? Ein Fernsehregisseur? Ein TV-Sender? Lieber Schiedsrichter mit Fehlern als Bildermanipulation mit wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund. Fußball ist deshalb die beliebteste und weit verbreitetste Sportart der Welt, weil er sich in knapp 150 Jahren kaum verändert hat. Nicht umsonst glauben einige, Fußball sei eine Religion.

Trainer ohne Vergangenheit haben Zukunft

Große Ausnahmen wie Franz Beckenbauer und Johan Cruyff bestätigen die Regel, aber die Fußball-WM 2010 hat eines wohl eindeutig bewiesen: Begnadete Fußballspieler sollen später keine Teamchefs werden. Argentinien spielte einen Fußball der Achtziger- und Neunzigerjahre. Einen Fußball aus einer Zeit, als Diego Maradona allein ein halbwegs gutes Team 1986 zum Titel führte und eine marode Truppe 1990 immerhin ins Finale trickste. Doch das ist Geschichte. Die Devise „Alle Bälle auf Messi“ ging gründlich daneben. Joachim Löw kam als Spieler auf gerade einmal 52 Einsätzen in der höchsten deutschen Spielklasse. Hollands Bert van Marwijk brachte es zumindest auf ein Länderspiel als Aktiver, Spaniens Vincente del Bosque spielte immerhin 18-mal im spanischen Team. Als Trainer sind sie Weltklasse. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht vom Schatten ihrer glorreichen Vergangenheit verfolgt werden.

Hooligans, Bierduschen und bengalische Feuer

Was haben wir nicht gelitten unter dem Getöse der Vuvuzelas! In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde das Uninstrument mittlerweile verboten. Auch beim noblen Turnier in Wimbledon hatte die Plastiktröte Einreiseverbot. Zum Glück gibt's bald wieder Hooligans, Bierduschen und bengalische Feuer. Europa hat eben Kultur.

Politische Weichenstellungen, die keiner mitbekommt

Was sich die Politiker wohl in der Zeit alles einfallen ließen, während viele mit dem Kopf in Südafrika waren? Parteistrategen wissen, dass unangenehme Dinge am besten dann kommuniziert werden, wenn keiner hinhört. Beispiel gefällig? Bei der Euro 2008 teilte die SPÖ an jenem Tag mit, dass Werner Faymann Alfred Gusenbauer als SPÖ-Parteichef ablösen werde, als Österreich das entscheidende Spiel gegen Deutschland bestritt. Zum Glück denken auch Faymann und Josef Pröll derzeit nur an Fußball und an Carles Puyol und Arjen Robben, oder?

Österreich: Was wir aus dieser WM lernen können

Die WM in Südafrika wirft für den österreichischen Fußball einige grundlegende Fragen auf. Zum Beispiel: Warum waren die Schweiz, Slowenen und Slowaken dabei und wir nicht? Diese Länder verfügen weder über stärkere Ligen noch über eine bessere Infrastruktur. Das kann doch nicht alles purer Zufall sein.

Angriffsgeist statt Angsthasen auf dem Rasen

„Toreschießen wird immer schwieriger“, sagte Portugals Trainer Carlos Queiroz, dabei sorgte seine Mannschaft mit dem 7:0 gegen Nordkorea für das torreichste Spiel dieses Turniers. Tatsächlich wird die WM in Südafrika wohl als das Turnier mit den wenigsten Toren in die Geschichte eingehen. Das war sogar dem italienischen Trainer Marcello Lippi zu viel. Der unterstellte seinem neuseeländischen Kollegen Ricki Herbert, dass er sich am liebsten mit seiner Mannschaft „mit in den Strafraum gestellt hätte“. Jener Lippi, der 2006 den WM-Titel nur deshalb gewann, weil seine Abwehrkette nicht einmal mit einem Kopfstoß von Zinedine Zidane zu knacken war.

Der Torhüter:

Er soll eigentlich Tore verhindern

Früher traten die Fußballteams mit zehn Feldspielern und einem Torwart an. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika wurde Letzterer in der Regel durch einen Torfabrikanten ersetzt. Statt Tore zu verhindern, schossen sich die Keeper reihenweise Eigentore. Den Anfang machte ein gewisser Robert Green. Er „hütete“ das Tor der Engländer in der Partie gegen die USA. Es war sein erstes und letztes Spiel bei dieser WM. Nach seinem fulminanten Patzer wurde er von David James ersetzt. Aber der machte im Achtelfinale gegen Deutschland auch keine viel bessere Figur. Aber schlechte Torhüter haben in England immerhin Tradition. Fazit: England wird erst wieder Weltmeister, wenn die Mannschaft sich entschließt, mit einem Torhüter anzutreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2010)

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