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Lyrik

Asche atmen: Zu Paul Celan

Schloss das Burleske, Verspielte keineswegs aus: Paul Celan, 1967.
Schloss das Burleske, Verspielte keineswegs aus: Paul Celan, 1967.Digne M. Marcovicz/Ullstein
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Vor 50 Jahren ging Paul Celan, der nach Rilke vielsprachigste Lyriker deutscher Zunge, in die Seine, vor 100 Jahren wurde er geboren. Sprechen und Schreiben über Celan aus doppeltem Anlass.

An ihrer Eingangstür hatte sie, die aus Linz stammende Brigitta Eisenreich, nach dem Krieg eine jeune fille au pair in Paris, eine kleine Schiefertafel angebracht. Immer wenn Paul Celan sie besuchen wollte und er sie nicht antraf, hinterließ er darauf einen Kreidestern. Die Aufzeichnungen über ihr Verhältnis zu Celan, veröffentlicht vor genau zehn Jahren, waren damals eine mittlere Sensation für dem Intimem gegenüber übermäßig geneigten Leser; denn diese Beziehung unterhielt Celan während seiner Verlobungs- und Verehelichungszeit mit Gisèle Lestrange und seinem wieder entflammten Verhältnis zu Ingeborg Bachmann.

Die Schwangerschaft Eisenreichs endete mit einer in Berlin mit monetärer Unterstützung Celans vorgenommenen Abtreibung. Dass dann sein eheliches erstes Kind in frühestem Alter verstarb, mochte er als Bestätigung seiner in ihm sich rasch verstärkten Auffassung gewertet haben, dass – bei aller Lebenslust – allein Tragik sein Leben und Schaffen bestimmte. Dass dieser Dichter sich dennoch von einer Beziehung in die nächste flüchtete, widersprach dieser Einsicht nicht, sondern bestätigte sie eher. Seine innige Verbindung zu Ilana Shmueli, der einstigen Jugendfreundin aus Czernowitz, die er 1965 in Paris wiedertraf, möchte man gerne davon ausnehmen. In seinen dunkelsten Momenten – und derer gab es viele – schien dieses Leben aus einem Asche-Atmen und sein Dichten aus einem In-Asche-Schreiben zu bestehen; die Gegenmomente des Lebensfrohen hatten etwas zunehmend Gezwungenes, Hektisches, Getriebenes.