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Kriegsende

Die Befreiung 1945: Überlebende erinnern sich

1945 : DIE ALLIIERTEN ERREICHEN OESTERREICH
1945 : DIE ALLIIERTEN ERREICHEN OESTERREICH(c) APA (APA/ARCHIV)
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Die letzten Augenzeugen schildern den Sturm der Roten Armee auf Wien im Buch des Historikers Michael Schmölzer.

Michael Schmölzer ist Journalist. Und Historiker. So packt er die selbst gestellte Aufgabe in professioneller Art an: Erinnerungen der letzten Zeitzeugen, die das Kriegsende in Wien miterlebt haben, auf Papier zu bannen („Die Befreiung Wiens“, Theodor-Kramer-Gesellschaft). Sie waren Minderjährige, schutzlos im April 1945. „In unserem Haus in der Kärntner Straße 28 war im ersten Stock ein großer Modesalon“, erzählt Ursula Klasmann. „Da sind mein Bruder und ich am Fenster gelegen und haben geschaut, wie die russischen Kampfgruppen einmarschiert sind. Als Kind hat man immer das Gefühl, es handelt sich um ein Abenteuer.“ Sie erinnert sich an „schlitzäugige asiatische Soldaten, die waren immer vorn dabei.“

Die Fünfzehnjährige war ein typisches Produkt der NS-Erziehung: Im Bund Deutscher Mädel (BDM) fand sie Freundinnen, trieb jeglichen Sport, „mir hat das wahnsinnig Spaß gemacht“. Gegen Kriegsende hörte sie im Zug erstmals von Konzentrationslagern: „Da müssen die Leute arbeiten und bekommen Erbsen zu essen. Mehr habe ich nicht gewusst.“

Martha Emele war 14 Jahre alt, als die Rote Armee in Wien einmarschierte. Die Eltern versteckten sie in einem Gartenhäuschen in der Döblinger Billrothstraße. „Ganz in der Nähe war die Weinkellerei Kattus. Da ist der Wein wie nach einem Wolkenbruch im Rinnsal gelandet. Dementsprechend waren die Russen völlig besoffen und haben sich unmöglich benommen. Das jüngste Kind, das vergewaltigt worden ist, war sechs Jahre alt.“ In der Klosterschule in der Hofzeile fand Martha Emele schließlich Zuflucht.

Als Jahrgang 1929 wurde Franz Mikolasch noch in den Märztagen 1945 zum Volkssturm eingezogen. Ein begeisterter Kämpfer für den „Endsieg“ war er sowieso nicht. Also meldete er sich in Döbling in einem Gebäude der HJ, wartete stundenlang – und spazierte schließlich beim Hinterausgang wieder hinaus. Heim, nach Währing. Drei Wochen blieb er im Lindenhof in der Kreuzgasse im Keller verborgen. Die Leute im Gemeindebau haben ihn nicht denunziert. Und so erlebte Mikolasch den Einzug der Sowjetsoldaten durch die Kreuzgasse. „Die Russen waren sehr freundlich, aber eine junge Frau ist zu nahe zu einem Panzer gegangen und wurde am Fuß überfahren.“ Vergewaltigungen habe es im Lindenhof keine gegeben, wohl auch, weil die Bewohner eine Hauswache aufgestellt hatten.

Drei Wochen im Keller des Breitner-Gemeindebaus in Groß-Jedlersdorf hat Hans Sutara überlebt. Er war damals zwölf Jahre alt. Die große Lokomotivfabrik war nicht weit entfernt, also war die Gegend dauernden Bombenangriffen ausgesetzt. „Wir hatten auch den Pfarrer im Keller, und der ist hysterisch geworden, hat zu schreien begonnen. Mein Vater hat ihn dann mit etwas körperlicher Gewalt geschüttelt und beruhigt. Das musste sein, sonst wäre Panik ausgebrochen.“ Auch Hedwig Sutara hat das Grauen überlebt. „Ich habe die erschossenen Russen liegen gesehen. Und ich habe gesagt: „Mama, warum? Du hast doch gesagt, es ist Frieden. Ich konnte es einfach nicht fassen.“

 

„Ich war Deserteur“

Für den damals schon 17-jährigen Hellmut Butterweck kam die Rote Armee gerade noch rechtzeitig. „Ich war Deserteur, hatte einen Sabotageprozess am Hals und eine ganze Fülle an Problemen.“ Mehrmals entging er wie durch ein Wunder der Verhaftung, einmal schaute eine Militärstreife absichtlich weg.

Es sind pralle Erzählungen. Es sind die Schilderungen letzter Augenzeugen. Man muss sie bewahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2020)