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ÖBB: Statt 300 nur vier Passagiere

Leere Bahnhöfe, leere Züge: Die ÖBB verzeichneten im Personenverkehr einen Rückgang beim Passagieraufkommen um 80 bis 90 Prozent.
Leere Bahnhöfe, leere Züge: Die ÖBB verzeichneten im Personenverkehr einen Rückgang beim Passagieraufkommen um 80 bis 90 Prozent.(c) Mirjam Reither
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Die ÖBB verzeichnen im Personenverkehr Einbrüche von 80 bis 90 Prozent. Auch der Güterverkehr sackte um ein Drittel ein. Die Bahn braucht mehr Geld von Bund und Ländern.

Wien. „Bitte schreiben Sie auch über die Bilanz 2019“, sagt ÖBB-Finanzchef Arnold Schiefer nach einer Videokonferenz am Freitag. Der Blick zurück steckt voller Nostalgie. Positives Ergebnis (EBT) von 168,5 Millionen Euro, Eigenkapital stieg auf 2,6 Milliarden, Höchststand von 477 Millionen Bahn- und Buskunden, 3700 neue Mitarbeiter rekrutiert, darunter 564 Lehrlinge. Alles Makulatur.

Heute sitzen in ÖBB-Personenzügen statt 250 bis 300 nur noch vier bis sechs Passagiere, berichtet ÖBB-Chef Andreas Matthä. Im Fernverkehr sei das Passagieraufkommen um 90 Prozent gesunken. Hier gibt es de facto nur noch Verbindungen nach Deutschland und Ungarn. Der Nah- und Regionalverkehr verzeichnete in den vergangenen Wochen ein Minus von 80 Prozent. Deshalb fahren auch täglich um 20 Prozent weniger ÖBB-Züge.

Aus diesem Grund nehmen auch zwischen 7000 und 8000 der 35.000 ÖBB-Mitarbeiter Kurzarbeit in Anspruch. Betroffen sind vor allem Lokomotivführer, Zugbegleiter, Postbusfahrer, Verschieber und Mitarbeiter in der Verwaltung. Betroffen sind nicht nur die Mitarbeiter im Kollektivvertrag, sondern auch die unkündbaren Mitarbeiter, betonte Schiefer. Darüber hinaus werden auch Urlaub vom Vorjahr und Zeitguthaben abgebaut. „Wir versuchen, überall zu sparen“, sagte Matthä.

Mit dem Budget für 2020 geht es Matthä wie dem Finanzminister. „Das können wir in den Papierkorb schmeißen.“

Fest steht, dass in den kommenden Tagen und Wochen intensive Gespräche mit Bund, Ländern und Verkehrsverbünden stattfinden werden. Die Leistungsverträge müssen neu diskutiert werden, betont das ÖBB-Management. „Wir verhandeln mit unseren Bestellern die Rahmenverträge neu, dafür bringen wir ja auch eine Leistung“, sagte Schiefer. Mit anderen Worten: Die Länder sollen den ÖBB die Ausfälle bei den Ticketverkäufen kompensieren, falls sie weiterhin wollen, dass die Bahn auch den Betrieb von Bahn und Postbus in den Regionen aufrechterhält.

„Wir müssen hier Anpassungen machen, das sehen wir aber nicht unter dem Titel Staatshilfe“, betonte Schiefer und wehrte sich gegen allfällige Vergleiche mit der AUA, die um eine Finanzspritze von Hunderten Millionen verhandelt. „Wir fahren, die AUA steht auf dem Boden und fliegt nicht.“

 

Vergleich mit AUA unzulässig

Im Güterverkehr stehen die Weichen auf Staatshilfe. Die Güterverkehrssparte Rail Cargo schaffte im Vorjahr mit Mühe ein positives Ergebnis. Nun verzeichnet sie Ausfälle zwischen 25 und 30 Prozent. Die Autozulieferindustrie, die traditionell zu den wichtigsten ÖBB-Kunden zählt, lässt total aus. Da gingen die Gütertransporte um 80 Prozent zurück. Die Aufträge aus der Stahlindustrie – allen voran von der Voest – sanken um 50 Prozent. Diese massiven Einbußen kann auch die kurzfristige Steigerung bei Transporten von Nudeln, Tomatenmark, Klopapier oder Ethanol nicht kompensieren. All jene Produkte, die in den Supermärkten und Drogerien derzeit stark nachgefragt werden. Hier transportierten die ÖBB sogar um zehn Prozent mehr Waren als in normalen Zeiten.

Die Frage, ob die ÖBB diesbezüglich um Staatshilfen ansuchen werden, wird von Matthä und Schiefer derzeit nicht konkret beantwortet. Fest steht, dass die Umsatzeinbußen im Güterverkehr unter jenen 40 Prozent liegen, die nötig sind, um Geld von der Covid-19-Finanzierungsagentur des Bundes (Cofag) zu bekommen. Andererseits werden wohl auch noch andere Staatsbahnen in Europa um staatliche Hilfe ansuchen.

Es gehe vor allem darum, den Schienengüterverkehr weiter zu stärken. „Es kann nicht sein, dass der Lkw nach der Krise als Sieger hervorgeht“, sagte Matthä. Ein Satz, der wohl bereits an die grüne Umwelt- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler adressiert ist.

Generell hofft der ÖBB-Vorstand auf ein Konjunkturprogramm der Regierung im Herbst. Infrastrukturprojekte würden nicht nur der Bahn, sondern auch der Bauwirtschaft und Zulieferbetrieben einen Schub geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2020)