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Covid-19: Mancherorts hat sich die Luftqualität sogar verschlechtert

Über Neu-Delhi ist der Himmel plötzlich blau.
Über Neu-Delhi ist der Himmel plötzlich blau.REUTERS
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Zwischen Covid-19 und der Luftverschmutzung gibt es einige Zusammenhänge. Diese sind aber alles andere als eindeutig.

Seit Wochen tauchen immer wieder Meldungen auf, dass die Luft infolge der Covid-19-bedingten Einschränkungen sauberer geworden sei. Über Neu-Delhi oder Peking ist der Himmel plötzlich blau; von Nairobi hat man einen freien Blick auf den Mount Kenia; in Europa werden niedrigere Stickoxidwerte gemessen. Auf den ersten Blick überrascht das nicht: Weniger Verkehr, Industrieproduktion und Energieverbrauch bedeuten auch geringeren Schadstoffausstoß – und das macht die Luft sauberer.

Wissenschaftler mahnen allerdings zur Vorsicht bei dieser Erklärung. Denn wie das Wissenschaftsmagazin Nature am 9. 4. berichtete, gibt es auch Gegenbeispiele: Dan Westervelt (Columbia University) hat die Luftqualität in US-Städten analysiert und nur im Fall von Los Angeles einen signifikanten Zusammenhang zwischen Covid-19-Maßnahmen und Luftverschmutzung gefunden. Mancherorts hat sich die Luftqualität sogar verschlechtert! Wie das? Neben den Emissionen gibt es auch andere Faktoren, die den Schadstoffgehalt der Luft beeinflussen – etwa Niederschläge, Sonneneinstrahlung oder ungewöhnliche Winde (die Staubpartikel verfrachten). Um all diese Effekte sauber auseinanderhalten zu können, seien längere Beobachtungen nötig, so Westervelt. Er betont aber zugleich: „Die derzeitige Krise ist ein einzigartiges Lern-Experiment. Es könnte uns eine Ahnung geben, was mit extremen Luftreinhaltemaßnahmen möglich ist.“

Einen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Covid-19 gibt es interessanterweise auch in umgekehrter Richtung: Daten aus Italien, China und den USA legen nahe, dass das Virus dort schlimmer wütet, wo die Luft schmutziger ist. Zur Erklärung dieses statistischen Zusammenhangs gibt es mehrere Theorien: Manche vermuten, dass das Virus Menschen, die unter stärkerer Luftverschmutzung leiden, leichter infizieren könne. Eine Mehrheit der Forscher vertritt indes die These, dass andauernde Schadstoffbelastung chronische Krankheiten auslöst (etwa Lungen- oder Herzprobleme) – und diese Vorerkrankungen verschlimmern die Folgen einer Covid-19-Infektion.

Und dann gibt es noch die Italienische Gesellschaft für Umweltmedizin (Sima), die postuliert, dass Feinstaubpartikel direkt zur Verbreitung der Viren beitragen: Von Grippe- oder Masernerregern sei bekannt, dass sie sich an Feinstaub anlagern und auf diese Weise weitergetragen werden. Bei Sars-CoV-2 wurde das freilich noch nicht explizit überprüft. Es handelt sich also um eine bloße Vermutung. Wie bei so vielem rund um Covid-19.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2020)