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Erfinder der Pille: "Ich bin ein intellektueller Polygamist"

intellektueller Polygamist
Carl Djerassi(c) Clemens Fabry
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Als Erfinder der Pille wurde Carl Djerassi weltberühmt. In seinem zweiten Leben entdeckte er die Schriftstellerei und wurde aggressiver Bekenner seines Judentums. Ein Gespräch mit einem rastlosen Wanderer.

Sie wurden als Erfinder der Pille weltberühmt, mit 62 Jahren begannen Sie zu schreiben. Wie passen diese beiden Hälften ihres Lebens zusammen?

Carl Djerassi: Ich habe ja eines nach dem anderen gemacht. Nur die ersten fünf Jahre meines Schriftstellerlebens war ich auch noch Chemiker, hatte aber schon beschlossen, mich in einen autodidaktischen Literaten zu verwandeln. Heute stelle ich mich vor als Schriftsteller und Vortragender. Ich bin aber natürlich immer noch von der Kultur des Wissenschaftlers imprägniert. Ich bin ein Autor, der Chemiker war. Viele Dinge, die ich beschreibe, haben mit den Naturwissenschaften zu tun – und das nicht zufällig. So habe ich ja auch angefangen, ich wollte Romane nutzen, um einem unschuldigen Publikum, das nicht an der Wissenschaft interessiert ist, Ideen unterzujubeln. Nach dem zweiten Roman, „The Bourbaki Gambit“ (Stammesgeheimnisse) habe ich dann bemerkt, dass Schreiben für mich eine Art Auto-Psychoanalyse ist. Damals war das zufällig, heute ist es Absicht. Mein letztes Buch, „Vier Juden auf dem Parnass“, das beste Buch, das ich je geschrieben habe und vielleicht auch je schreiben werde, hat nichts mit Naturwissenschaft zu tun, es ist nicht autobiografisch, hat aber viele biografische Resonanzen – zum Beispiel rund um die Zeit, als ich Wien verlassen musste. 

Schreiben ist für Sie also eine Beschäftigung mit sich selbst?

Total, auch aus einem anderen Grund. Ich bin Witwer, meine Frau ist 2007 gestorben (Literaturprofessorin und Biografin Diane Middlebrook, Anm.). Sie war viel jünger als ich, und ich habe nie gedacht, dass ich sie überleben werde. Das war sehr traumatisch für mich. Schreiben ist eine ausgezeichnete Methode, die Einsamkeit zu bekämpfen. Man hat dauernd Menschen um sich. Vor ein paar Stunden war ich scheinbar allein, in Wahrheit war ich mit Hannah Arendt und Gretel Adorno zusammen, für mein neuestes Theaterstück. Wir haben gestritten, geschimpft, gelacht. Ich nehme auch viele Vorträge an, reise viel herum. Das ist auch gut, da trifft man viele neue Leute – und zwar solche, die an den Dingen interessiert sind, die auch mich interessieren.


Diane Middlebrook war, glaube ich, Ihre dritte Frau?

Sie war meine große Liebe. Ich traf zum ersten Mal in meinem Leben eine Frau, die mehr wusste als ich. Ich meine das nicht frech, für Chemie galt das auch nicht. Aber ich bin ein sehr neugieriger Mensch und daher weiß ich auch recht viel. Nur hier war jemand, der war eine Kapazität auf einem Gebiet, auf dem ich als Autodidakt erst anfing. Sie war es auch, die mich eingeladen hat, mit ihr nach Österreich zu kommen, nach Kirchberg am Wechsel, wo sie einen Vortrag hielt. An dieses Nest hatte ich schon jahrzehntelang nicht mehr gedacht. Und plötzlich habe ich mich erinnert, dass ich dort als Kind war, auf Sommerlager.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten noch einmal ein ganz anderes Leben leben. Waren Sie mit dem davor nicht zufrieden?


Ich war nicht unzufrieden. Aber wenn man 40 Jahre erfolgreich auf einem Gebiet arbeitet, kann man immer nur auf dieselbe Art weiter Erfolg haben, wenn überhaupt. Ich bin ein intellektueller Polygamist. Ich wollte sehen, ob ich doch noch ein anderes Leben erfinden kann. Das war ein unheimlich guter Entschluss. Es hat mich weniger alt gemacht, als ich chronologisch bin. Intellektuell bin ich erst in meinen 40ern, weil ich erst vor 20 Jahren mit dem Schreiben angefangen habe. In der Chemie hätte ich das nie machen können. Der Beruf, den ich mir jetzt ausgesucht habe, ist total anders als die naturwissenschaftliche Forschung. Dort arbeitet man heute nur noch in Teams, ich arbeite total allein. Das kann man machen bis zum Tage des Todes, solange man ein funktionierendes Gehirn und Augen hat. Ich glaube, man könnte sogar taub sein und im Bett liegen müssen. Und es gibt sehr wenige Berufe, die man im Alter noch anfangen kann. Zum Beispiel Musik. Ich habe früher sehr gern Cello gespielt. Aber heute Cellist werden? Ist ja lächerlich. Ich kann über meine Erfahrungen schreiben. Wenn man älter ist, hat man ja viele, man ist teilweise auch klüger, hat ein größeres Repertoire als eine jüngere Person.

Wie wichtig ist Veränderung für Sie?

Unglaublich wichtig. Leider vielleicht auch in Beziehungen, mit Menschen, mit Frauen. Beim Reisen, beim Essen. Ich liebe die Wiener Küche, die ich jahrzehntelang überhaupt nicht gegessen habe. Kürzlich war ich in einem Wiener Restaurant. Da waren drei Sachen auf der Speisekarte, die Sie in Amerika erstens gar nicht bekommen, und zweitens würden die Leute kotzen, wenn sie das vorgesetzt bekämen. . .

Leber?

Sie sind in der Nähe. . .

Nierndln, Beuschl . . .

. . . und das dritte, das wichtigste? Hirn. Ich habe drei Hälften von allem gegessen. Danach noch Powidltascherl – ein herrliches Wiener Wort. Und Kastanienpüree. Das war Wahnsinn. Deshalb gehe ich auch jeden Tag in einen Fitnessclub.

Zu Ihren Ehren wurde eine österreichische Briefmarke gestaltet. Darauf steht 1923 geboren, 1938 vertrieben, 2003 versöhnt. Wie kam diese Versöhnung zustande?

Das war schon eine Überraschung. In Amerika muss man für eine Briefmarke nämlich tot sein. Anlass war mein 80. Geburtstag. Da war die erste seriöse Geste dieser Art. Wobei versöhnen – total kann man sich nach so etwas nicht versöhnen, nie im Leben. Vergessen kann man es überhaupt nicht. Ich habe der Albertina damals eine große Skulptur geschenkt. Eine kinetische Skulptur von George Rickey, die ich 30 Jahre bei mir stehen hatte. 

Haben Sie eine besondere Verbindung zur Albertina?


Als ich begann, wieder nach Wien zu kommen, war die Albertina ein Studienzentrum, da gab es noch nicht so große Ausstellungen. Ich war zufällig am Tag der Eröffnung nach der Renovierung in Wien. Ich war so beeindruckt, wie Wolfgang Schüssel und Thomas Klestil über Kunst geredet haben, das war intelligent. Ich habe mir vorgestellt, das wäre in den USA gewesen und Bush hätte gesprochen. Da habe ich mir gedacht, ich werde vielleicht etwas tun. Ich habe dann Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder getroffen, der hat mir gefallen. Da habe ich mich entschlossen, die Hälfte meiner Paul Klee-Sammlung der Albertina zu geben. Die hatten dann eine wunderbare Ausstellung.

Hat Österreich in Ihre Richtung auch eine Geste der Versöhnung gesetzt?

Die Regierung ja, akademisch-naturwissenschaftlich sehr wenig. Das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit den Flüchtlingen meiner Generation. Ich rede von der Zeit 1950 bis 1990. Damals hatte ich in allen europäischen Ländern Vorträge gehalten. Die Ausnahmen waren Albanien, Portugal – und Österreich. Das hat mich schon irritiert.

Was war der Grund? Neid?

Ich würde sagen ja. Aber vor allem mein Gebiet, Steroidchemie, gab es ja kaum in Österreich. Auch die österreichische Regierung fing ja viel später an als die deutsche, an Restitution zu denken. Dann haben sie mir das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen (1999, Anm.), dann haben sie allen Leuten, die rausgeschmissen wurden, die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten. Ich habe lange überlegt, dann habe ich mir gedacht: Warum nicht. Zwei Jahre habe ich dann nichts mehr gehört. Eines Tages bekam ich einen sehr interessanten Brief: dass ich nämlich gar nie österreichischer Staatsbürger war. Meine Mutter war Österreicherin, aber mein Vater war Bulgare. Die österreichischen Behörden haben wirklich ganz genau geschaut, die haben die Scheidungspapiere meiner Eltern gefunden – ich wusste das lange gar nicht, dass die geschieden waren, das habe ich erst später erfahren. Meine Mutter, Alice Djerassi, geborene Friedmann, hat nach der Scheidung ihre österreichische Staatsbürgerschaft wieder zurückverlangt, für mich ging das nicht. Ich war Bulgare, weil mein Vater Bulgare war. Meine österreichischen Freunde haben dann aber nicht aufgegeben. Da gibt es ein Gesetz – ich glaube, das ist vor allem für afrikanische Fussballspieler –, wenn man etwas wichtiges für das Land geleistet hat. Ich habe das dann angenommen. Dann haben sie mich gefragt, ob meine Frau auch Österreicherin werden wollte. Ich habe sie angerufen: „My darling, do you want to become an Austrian?“ Und sie meinte: „Why not?“ Wir waren damals beide sehr anti-Bush. Sie hat immer gesagt, sie wäre wahrscheinlich die einzige Österreicherin, die in Pocatello, Idaho, geboren wurde.

Fühlen Sie sich als Amerikaner oder als Österreicher?

Das ist sehr kompliziert. Ich bin beides. Als Wissenschaftler bin ich Amerikaner, ich habe alles dort gelernt und dort gemacht, auch die Anerkennung dort bekommen. Aber jetzt habe ich eine Wohnung in Wien gemietet, unmöbliert. Das war ein Fehler. Hier bedeutet unmöbliert nämlich wirklich nichts, nicht einmal eine Glühlampe. Keine Kästen. Ich musste seit meiner Kindheit keinen Kasten mehr kaufen. Für mich ist das Ambiente dieser Wohnung ganz wichtig. Ich arbeite den ganzen Tag hier. Für die meisten Menschen ist eine Wohnung ein Platz, wo sie schlafen. Für mich ist es umgekehrt. Ich versuche, jeden Abend auszugehen.

Sie haben drei Wohnsitze: San Francisco, London und Wien. Sind Sie rastlos?

Ich war immer rastlos. Das sind meine Riesen-Nachteile: Ich bin sehr rastlos, ich bin nie zufrieden. Aber ich bin zu alt, mich zu ändern.

Sie haben aus Ihrem Judentum jahrelang kein Thema gemacht, sich erst spät damit beschäftigt. Warum?

Ich wollte ein Stück über Walter Benjamin schreiben, daraus wurde eines über Benjamin, Adorno, Scholem und Schönberg (Vier Juden auf dem Parnass, Anm.). Da wurde mir klar, dass diese vier Personen das Judentum völlig unterschiedlich sahen. Ich fand mich am ehesten in Theodor Adorno wieder, mit der Ausnahme, dass er seinen Namen geändert hat und ich nicht. Das haben ja viele Flüchtlinge meiner Generation getan, die einen, damit es nicht so jüdisch klingt, die anderen, damit es weniger kompliziert wird. Das wäre in meinem Fall ein guter Grund gewesen, Djerassi muss ich dauernd buchstabieren. Aber für mich war das eine Frage des Stolzes. Religiös bin ich überhaupt nicht, ich komme aus einer sehr säkularen Familie. Aber nach der Religion fragt man ja auch nicht, wenn man einen Menschen fragt, ob er jüdisch ist. Da meint man etwas ganz anderes. Meine zwei Stellen als Professor, zuerst an der Wayne University in Detroit und dann seit 1960 in Stanford – ich war an beiden der erste Jude in der chemischen Abteilung. Das war schon alles recht kompliziert für mich. Ich war ja kein Baby, als ich aus Österreich rausgeschmissen wurde, ich war 14. Alles, was ich wollte, war, mich total zu assimilieren und Amerikaner zu werden. Ich hatte den Vorteil, dass ich die ersten Jahre nicht in New York verbracht habe, sondern im Mittelwesten, wo es weder Europäer noch Juden gab. Das war eine relativ leichte, unkomplizierte Assimilation. Ich identifiziere mich mit dem Judentum, weil man das auf meine Schultern geladen hat: die Antisemiten, die Nazis. Heute bin ich stolz, diese Zeit überlebt zu haben. Und das will ich nicht verstecken. Früher habe ich Dinge nicht als „Carl Djerassi, der Jude“ getan. Heute tu ich das fast aggressiv.

Wie geht es Ihnen mit der deutschen Sprache?

Ich wollte hier in Wien schon auch sehen, wie weit ich meine Muttersprache beherrschen kann. Ich schreibe Deutsch, aber ich schreibe literarisch nicht auf Deutsch. Ich fange jetzt hin und wieder an, auf Deutsch zu träumen. Das habe ich mein Leben lang nie gemacht. Ich habe 50 Jahre kein Deutsch gesprochen, selbst meine Vorträge in Deutschland und der Schweiz waren auf Englisch. Ich schäme mich, wie viele Fehler ich mache, wie relativ primitiv mein Deutsch noch ist. Was ich hasse, sind die vielen englischen Ausdrücke, die man jetzt im Deutschen verwendet: geoutet, gemailt, Handy. Das Handy gibt es nicht einmal im Englischen. Da bin ich Purist. Komisch, ich, der ich auf Englisch fühle, versuche, keine englischen Wörter in meinem Deutsch zu gebrauchen. Aber das ist natürlich das Hochdeutsch der Wiener der 1920er- und 1930er-Jahre, wo Französisch die Fremdwörter beigesteuert hat.

Sie haben mit der Pille das Leben von Generationen von Frauen verändert. Haben Sie das damals schon in seiner Bedeutung erfasst?

Ganz klar, nein. Wir haben ja den chemischen Teil gemacht, danach erst konnte der Biologe arbeiten. Außerdem begannen wir 1951 mit unserer Arbeit, zehn Jahre später war das Klima ein völlig anderes. Da gab es die Hippiekultur, die Drogenkultur, Rock'n Roll und die Frauenbewegung. Das war ideal für die Einführung eines Verhütungsmittels. Am wichtigsten war, dass damit die Angst vor einer unerwarteten Schwangerschaft eliminiert wurde. Und Millionen von Abtreibungen unnötig wurden. Später habe ich mich natürlich sehr mit dem Thema beschäftigt, in Vorträgen und in meinem literarischen Schaffen. Auch mit der Trennung zwischen Sex und Reproduktion. In Österreich, wo es 1,5 Kinder pro Familie gibt, kann man ja wohl nicht sagen, dass Geschlechtsverkehr und Reproduktion viel miteinander zu tun haben.

Sie haben gesagt: Früher ging es um Verhütung (contraception), heute geht es um Empfängnis (conception). Wie wichtig ist die Reproduktionsmedizin?

Reproduktionsmedizin ist ein Faktum. Dass Frauen sich zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen, das ist total unfair. Frauen verschieben diese Frage immer weiter nach hinten. Jetzt können sie in ihren Zwanzigern ihre Eier einfrieren lassen, als Versicherung für die Zukunft. Früher war man mit 45 fast schon tot, heute leben Frauen oft bis 90. Wer heute mit 45 ein Kind bekommt, hat mehr Zeit mit ihm als früher. Österreich, Deutschland und Italien sind da allerdings sehr konservativ, gerade bei Eizellenspende und Embryonenforschung. Dabei braucht man nur in einen Billigflieger zu steigen, einen Tag nach Belgien oder Großbritannien fliegen, und schon ist alles erledigt. Denn Frauen, die das wollen, kann man nicht davon abhalten. Genauso wie bei der Abtreibung. Jede Abtreibung ist eine persönliche Katastrophe, aber eine Frau, die entschlossen ist, wird das dennoch machen.

Wo würden Sie die Grenzen ziehen? 60-jährige Mütter?

Über 60-jährige Mütter wurde viel diskutiert. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass viele Frauen das wollen. Und die wenigen, die das wollen, soll man lassen. Die Grenze ist Klonen. Wissenschaftlich wird diese Frage gelöst werden, wenn auch nicht morgen, vielleicht nicht einmal in zehn Jahren. Aber dann wird man entscheiden müssen, ob es ethisch ist, so etwas zu machen. Ich kann mir das unter bestimmten Bedingungen schon vorstellen. Wenn die Eltern schon älter sind und das einzige Kind stirbt – ich weiß nicht, was ich in so einer Situation machen würde. Wobei jeder Klon genetisch identisch ist, in der Persönlichkeit aber unterschiedlich.

Nützen diese Entwicklungen den Frauen?

Der Effekt wirkt sich auf jeden Fall immer auf die Frauen aus. Wir Männer sind für die Reproduktion ja ganz unnütz. Wir bringen ein Spermium ein – und das noch dazu sehr ineffizient – und schon sind wir fertig.

Und in der gesellschaftlichen Machtverteilung?

Sie meinen, ob wir eine Amazonenwelt bekommen? Früher sagte der Mann, wann man Sex hat, wann geheiratet wird, wann Kinder kommen. In der westlichen Welt haben Frauen mittlerweile dieselben politischen, gesellschaftlichen und beruflichen Rechte. Machos mit Minderwertigkeitskomplexen kriegen da natürlich Angst vor einer Entmannung. Ich persönlich halte die Änderung im Verhältnis zwischen Macht und Sex für eine gute Idee. Ich habe keine Angst davor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2010)