Am Tag, an dem nur der Sieg zählt, reden wir doch übers Verlieren. Echte Tränen, falsches Händeschütteln und ein Leben ohne Paul.
Die WM geht zu Ende und ich bin unzufrieden. Ein wenig wegen des besserwisserischen Kraken-Paul, der uns zum Schluss noch jede Spannung nehmen will. Aber vor allem, weil jene Teams, denen ich den WM-Titel am meisten gegönnt habe, beide im Finale stehen und ich somit vor einem Problem. Denn wem soll ich jetzt bitte ohne schlechtes Gewissen auf die Verlierer-Tränen starren?
Denn das mache ich ganz gern. Nicht aus Bosheit, sondern weil gute Niederlagen im echten Leben selten sind. Und weil man was lernen kann. Im Alltag wird Scheitern nämlich beschämt versteckt, ironisch verbrämt oder ist einfach zu traurig. Auf dem Spielfeld hingegen ist Verlieren befreiend normal. Was Psychologen „Kultur des Scheiterns“ nennen, braucht hier keinen Namen. Wer bei einer WM nach dem Aus vor Publikum heulen will, darf das. Wer lieber mit leerem Blick am Rasen sitzen bleibt, bitte. Sich ohne Leiberltausch in der Kabine verkriechen? Auch o.k. Wenn man Messi heißt. Keiner muss hier Nonchalance vorspielen. Im Gegenteil, Schulterzucken wäre ein Affront gegenüber Fans, Siegern und TV-Regie.
Gleichzeitig hat das Niederlagendrama auch Grenzen. Wir sind schließlich unter Profis. Sich ständig aufzuregen wäre anstrengend, anhaltende Weinerlichkeit bei einem Millionengehalt ist wenig schick,Zorn keine gute Idee (Rote Karten gibt's auch nach dem Spiel) und überhaupt: Man weiß ja nie, mit wem man mal im selben Klub landet. Also zum Schluss brav Hände schütteln. Es sportlich nehmen halt. Ob der Laie das lernen kann? Üben kann der Österreicher das Verlieren jedenfalls bald wieder. Am 17. Juli beginnt die Bundesliga. Ohne Paul und hoffentlich ohne dass im Schönbrunner Aquarium jemand auf blöde Ideen kommt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2010)