Earthday

Die vegane Ernährung und ihre Mythen

Menschen, die sich vegan ernähren, würden an Proteinmangel leiden, den Regenwald zerstören und auch ihren eigenen Körper. Ernährungswissenschaftler und Buchautor Niko Rittenau über häufige Klischees rund um das polarisierende Thema pflanzliche Ernährung.

Am 22. April ist der „Tag der Erde“. Der Umwelt zuliebe steigen viele Menschen auf eine rein pflanzliche Ernährung um. Diese ist mit einigen Vorurteilen behaftet. Ernährungswissenschaftler Niko Rittenau räumt in seinem neuaufgelegten Buch „Vegan-Klischee ade“ auf. „Die Presse“ hat ihn zum Gespräch gebeten.

„Die Presse": Herr Rittenau, 506 Seiten über Klischees gegenüber Menschen, die sich vegan ernähren. Welches verwundert oder sogar verärgert Sie am meisten?

Niko Rittenau: Nach all den Jahren verwundert mich tatsächlich kein Klischee mehr, da ich eigentlich alles schon mehrfach gehört habe. Verärgern tut mich aber auch keines davon. Ich bin ja auch nicht vegan geboren worden und hatte viele dieser falschen Vorurteile früher selber und kann das daher gut nachvollziehen. Zum einen sind es fälschlich romantisierte Vorstellungen der industriellen Massentierhaltung, aus der 90 Prozent des Fleisches weltweit stammen, und zum andere sind es oft Gesundheits-Klischees. Personen haben häufig das falsche Bild, dass man ohne Milch zu wenig Kalzium, ohne rotes Fleisch zu wenig Eisen und ohne Fisch zu wenig Omega 3 bekommt und so weiter. Tierische Lebensmittel haben allerdings kein Monopol auf diese Nährstoffe. Unser Organismus hat gar keinen zwingenden Bedarf nach tierischen Lebensmitteln, sondern nach überlebensnotwendigen Nährstoffen. Keinen davon findet man exklusiv in tierischen Lebensmitteln und man kann sich bei gut geplanter veganer Ernährung nährstoffbedarfsdeckend ernähren.

Stichwort Nährstoffbedarf. Wir seien überernährt aber unterversorgt - welche Fehler werden in der typischen westlichen Mischkost am häufigsten begangen?

Die zwei zentralsten Fehler sind eben genau das – die Überzufuhr leerer Kalorien bei gleichzeitiger Unterversorgung mit Nährstoffen. Wenn man den durchschnittlichen Nährstoffgehalt von Lebensmitteln innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte ansieht, wird in vielen Veröffentlichungen eine deutliche Abnahme des Nährwertes der täglichen Speisenzusammenstellung aufgrund der sich veränderten Anbaumethoden, der Auswahl ertragreicherer Sorten, des Klimawandels und der ungünstigen Lebensmittelverarbeitung festgestellt. Gleichzeitig ist der Anteil an hochverarbeiteten (energiedichten) Lebensmitteln stetig gestiegen. Beides zusammen hat die Raten an chronischdegenerativen Erkrankungen, die zu einem relevanten Teil ernährungsmitbedingt sind, in den letzten Jahrzehnten drastisch steigen lassen. Diese Negativspirale gilt es umzukehren. Die Schuld trägt aber weniger der Konsument, denn die meisten Menschen haben wenig bis gar keinen Ernährungslehreunterricht zu Schulzeiten genossen, damit sie es hätten besser wissen können. In der Verantwortung wären die Politik und die Lebensmittelproduzenten, die Veränderungen in der Lebensmittelproduktion und -verarbeitung vornehmen müssten.