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"FC Nationalrat": Und Strache schießt die Tore

Nationalrat Strache schiesst Tore
(c) Fabry
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Wie sich der "FC Nationalrat" 14 Jahre nach Córdoba gegen Deutschland behauptete und warum ein Pass Martin Graf selbst für einen Grünen kein Problem ist: Anekdoten, Parallelen und Lehren aus Sport und Politik.

Córdoba war schon 14 Jahre vorbei. Da passte der damalige FPÖ-Spieler Karl Schweitzer zu SPÖ-MannGünther Kräuter. Teamchef Karl „Wir san a Weltpartie“ Decker stand am Rande des Spielfelds – und fühlte sich am Rande des Wahnsinns. Und dann: „Tooooor!“ Kräuter erzielte das 2:1 gegen Deutschland, Siegtor in der 90. Minute, dabei war es sein erster Auftritt beim „FC Nationalrat“. Hände in die Höhe, nicht enden wollender Siegestaumel bei der österreichischen Parlamentarier-Elf! Das Spiel würde als das „Wunder von Rovaniemi“ in die Geschichte des FC eingehen.

1992 in Lappland, nicht weit vom Polarkreis, schaffte der „FC Nationalrat“, was ihm seither noch ein halbes Dutzend Mal gelingen sollte: einen Sieg gegen Deutschland. Die letzte „gute Welle“ hatte man Mitte der Nullerjahre, mit mehreren Saisonen als beste internationale Mannschaft jener vier Teams, die sich jährlich messen. Nur heuer im Mai, die Fußball-WM in Südafrika warf bereits ihre Schatten voraus, war Deutschland nicht zu schlagen: 0:3 beim Internationalen Turnier der Parlamentarier in Linz – Gastgeber Österreich konnte nicht so viel ausrichten, wie es sich, wieder einmal, vorgenommen hatte.


Mit Jara auf dem Platz. Die Schweiz und Finnland unterlagen zwar, am Ende blieb für den „FC Nationalrat“ aber trotzdem nur Platz drei. Da konnte selbst Kurt Jara als aktueller Promi-Coach bei den internationalen Bewerben nichts ausrichten. „Er fährt mit uns eh auf recht niedrigem Level“, gesteht der Kapitän des „FC Nationalrat“ und SPÖ-Mandatar Hermann Krist ein. „Er versucht es halt mit unseren Stärken und unseren Schwächen.“ Immerhin, beim Gegner sorge man mit Ex-Profi Jara für Anerkennung – und für Neid.

Politik und Fußball, geht das denn überhaupt? Sehr gut sogar, in Österreich bilden sie eine Symbiose, die eine besondere Tradition hat. Den FC aus Nationalrats- und Bundesrats-Abgeordneten sowie, vereinzelt, Externen gibt es schon seit knapp 45 Jahren. Seit 38 Jahren misst man sich in internationalen Bewerben oder spielt bei Benefiz-Turnieren.


Rot-blaue Mehrheit. „Passt“ der Grüne Dieter Brosz da auch zum Dritten Nationalratspräsidenten, zum FPÖ-Politiker und Burschenschafter Martin Graf? Fußballerisch gesehen ist das kein Problem, selbst wenn sich die Beteiligten im Plenum oft harte Kämpfe liefern. „Im Spiel selbst spielt die Parteizugehörigkeit keine Rolle“, sagt Brosz. Seit 2001 ist er beim FC, wie Graf ist er meist im Mittelfeld im Einsatz. „Eine Nichtteilnahme würde hier wie auch bei anderen Treffen mit Parlamentariern anderer Länder der FPÖ das Feld überlassen“, glaubt Brosz. Außer ihm, dem Stammspieler, sind von den Grünen gelegentlich noch Harald Walser und der Bundesratsabgeordnete Efgani Dönmez dabei. Mit der FPÖ stellt derzeit die SPÖ die Mehrheit im „FC Nationalrat“: Rot-Blau bringt hier keine Konflikte.

„Auf dem Spielfeld überwiegt das Gemeinsame“, betont der „Wunderschütze“ von 1992, SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter. Einst Stürmer, ist er heute Verteidiger neben dem aktuellen Kapitän Krist, neben Sigisbert Dolinschek vom BZÖ sowie neben Ex-Kapitän und ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf. „Sehr spielfreudig und motiviert“ nennt Krist „seine“ Viererkette und das ganze Team – „Altherrenpartie“ hin oder her.


Hoffnungsträger Strache. Die meisten Spieler in den Nationalrats-Dressen – sie glänzen rot-weiß-rot, was sonst – sind über 50. Die Hoffnung der Mannschaft ruht daher, fast logisch, auf den wenigen Jüngeren. Vor allem auf Heinz-Christian Strache, 41. Der FPÖ-Chef, der früher sogar bei der Wiener Austria trainierte, erzielt Tore, weiß Krist: „Er ist ein sehr guter, geschickter Spieler. Wenn er da ist, sind wir um einiges stärker, als wenn er nicht da ist.“

„Wegen der Landtagswahl habe ich die Termine heuer nicht wahrgenommen, die Verletzungsgefahr war einfach zu groß“, sagt Strache. Die Wien-Wahl im Herbst habe Priorität. Seit 2006 kickt Strache beim „FC Nationalrat“. „Dabei sein ist alles“, sagt er übers Miteinander, ab Herbst will er auch wieder präsent sein.

Auch die Regierungsmitglieder wären willkommen – dass Minister beim „FC Nationalrat“ spielen, hat Tradition. Sigisbert Dolinschek, schon als Sozial-Staatssekretär im Team, erinnert sich an „stürmische Zeiten“, die auch der damalige Kanzler Wolfgang Schüssel beim FC geprägt habe. Etwa bei einem Spiel in Rust, bei dem Schüssel und Ex-Innenminister Karl Schlögl (SPÖ) Tore gemacht hätten. Als ehrgeizigen und gewieften Spieler beschreibt Dolinschek Schüssel, der auch „trickreich“ gespielt habe, um ans Ziel zu kommen. „Ich bin eher der geradlinige Spieler“, sagt der BZÖler über sich: „Ich schaue, dass ich den Ball schnell in den Sturm bringe.“


Fußballerin Bures. Die Minister heute halten es eher mit dem Passiv-Fußball. Dabei war Werner Faymanns Vater Trainer der Jugendmannschaft des FC Red Star Wien – und der heutige SPÖ-Kanzler als Kind „viel und gern“ auf dem Fußballplatz. Seither spielt Werner Faymann nur noch bei Benefiz-Turnieren und steigt sonst lieber aufs Fahrrad oder die Skier.

Vorbei mit dem Fußball ist es auch für Verkehrsministerin Doris Bures, sie war einst in der Mädchen-Fußballmannschaft Liesing. Verteidigungsminister Norbert Darabos kickte in der burgenländischen Unterliga sowie im Nachwuchs beim Wiener Sportklub. Heute ist er Präsident des SC Kroatisch-Minihof und im Kuratorium von Rapid. Finanzstaatssekretär Andreas Schieder ist Funktionär bei Rapid und Präsident beim FV Austria XVIII. Medienstaatssekretär Josef Ostermayer spielte früher gern, aber nie in einem Verein. Frisch ist seine Erinnerung noch an ein Spiel vor zwei Jahren bei einem Schulfest: Mit Franz Hasil („Feyenoord Rotterdam! Europapokalsieger!“) im Team siegte er gegen eine Schülermannschaft – „mit Ach, Weh und Hasil“.

Unter den ÖVP-Regierungsmitgliedern kommt das Fußballspielen für Vizekanzler Josef Pröll schon aufgrund seiner Beinverletzung aus dem Frühjahr nicht in Frage. Als begeisterter Kicker gilt Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich. Als ÖVP-Landesrat im Burgenland war er neben SPÖ-Klubchef Christian Illedits Kapitän des Landtags-Teams. Zwei Dutzend und mehr Spiele trug der „FC Landtag“ damals pro Jahr aus – ebenfalls im besten Einvernehmen, über Parteigrenzen hinweg.

So viele Turniere und Trainings sind es beim „FC Nationalrat“ nicht: Das Training sei in der Regel Sache des Spielers, sagt Kapitän Krist. Manche würden in ihren Heimatgemeinden in Teams spielen, andere sich durch Laufen oder Radfahren fit halten. Heuer werde man nur noch ein oder zwei Mal gemeinsam trainieren können – üblich ist ein Abendtermin vor einem Plenartag, an dem möglichst viele aus der Polit-Elf in Wien sind. Im Jahr komme man auf ein halbes Dutzend gemeinsamer Spiele – ausgenommen die mehrtägigen internationalen Turniere.


Gehaltsschere. Ob es Lehren aus dem Fußball für die Politik gibt? Das Miteinander – und ein „respektvoller Umgang, der sich auf den Plenarsaal überträgt“, sagen mehrere. Und, natürlich: „Ausdauer, Konsequenz und Zielstrebigkeit“, wie Strache es formuliert.

Abgeklärt sieht es Rudolf Edlinger, seit 2001 Präsident des SK Rapid. Der frühere SPÖ-Finanzminister, selbst nach einer Verletzung der Achillessehne bei einem Benefiz-Turnier nur noch Passiv-Fußballer, meint: „In der Politik verdient man weniger. Sogar in Österreich verdienen Profi-Fußballer mehr als die Abgeordneten. Ich stelle das nur fest.“ Und während der Fußball eine Mannschaftsleistung sei, sei die Politik eher eine „individuelle Veranstaltung“. Bei beidem gelte aber, „dass die Zuschauer wissen, wie's geht“, meint Edlinger mit einem Augenzwinkern: „Die sagen dann, mach's doch so, oder: Wir könnten es besser ...“ Aber nicht so gut wie die Niederländer: Ihnen halten an diesem Sonntagabend beim WM-Finale in Johannesburg fast alle Mitglieder des „FC Nationalrat“ die Daumen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2010)