Es passiert nicht oft, dass Millionen Menschen gleichzeitig dasselbe machen. Wären da nicht Medienereignisse, die die halbe Welt vor dem Fernseher miterlebt. Ein Straßenfeger, so wird dieses Phänomen genannt.
Wo warst du, als Deutschland gegen Spanien gespielt hat?“ Kaum jemand im deutschsprachigen Raum, der keine Antwort darauf wüsste, wo er am Mittwochabend war – und sich das zweite Halbfinale der Fußball-WM angeschaut hat. In Deutschland schauten 31,1 Millionen Menschen das Spiel im TV an – ein neuer Reichweitenrekord. Und auch in Österreich erklomm das Spiel mit fast zwei Millionen TV-Zusehern (davon 1,5 Millionen auf ORF) den höchsten Wert für eine Fußballübertragung seit dem Spiel Österreich – Polen bei der Heim-EM 2008.
Ein Straßenfeger, so wird dieses Phänomen genannt. Der Begriff entstand Anfang der 1960er Jahre in Deutschland – als die Krimis von Francis Durbridge im WDR so viele Menschen vor die Fernseher lockten, dass tatsächlich die Straßen wie leergefegt zu sein schienen. In Fabriken fielen deswegen Nachtschichten aus, Taxifahrer legten zur Sendezeit ihre Arbeit nieder, selbst die Parlamentarier im Kieler Landtag kürzten ihre Reden, um rechtzeitig zum Fernseher zu kommen.
„Wo warst du, als...?“ Eine Frage, die die Menschen damals ziemlich eindeutig beantworten konnten. Es gab nur einige wenige Fernsehsender. Und man war sich schnell darin einig, was die Höhepunkte waren, über die am nächsten Tag überall gesprochen wurde. Das Phänomen der Straßenfeger reichte noch bis in die Neunzigerjahre. 1991 feierte etwa die „Peter Alexander Show“ mit mehr als 2,5 Millionen Zuschauern in Österreich einen einsamen Rekord. In Deutschland erreichte die Show bis zu 38 Millionen Menschen. Selbst „Wetten, dass...?“ sorgte damals noch dafür, dass am Montag alle über die Wetten, die Kandidaten – und Thomas Gottschalks Outfit sprachen.
Ich heirate eine Familie. Aber nicht nur die Samstagabendshows waren verlässliche Quotenbringer. Auch Vorabendserien gehörten in den 80ern zum quasi verbindlichen Kanon. 2,5 Millionen Zuseher pro Folge erreichte etwa „Ich heirate eine Familie“ zwischen 1983 und 1986. Auch Hollywoodfilme wie „Crocodile Dundee“ lockten bei ihrer Erstausstrahlung im ORF noch rund 2,3 Millionen Menschen vor den Fernseher. Auch wenn die Zahlen damals reichlich ungenau waren – protokolliert wurde nicht elektronisch, die ausgewählten Testseher führten über ihr Fernsehverhalten händisch Buch –, derartig hohe Werte sind heute kaum mehr zu erreichen.
Wenn da nicht der Sport wäre. Knappe zwei Millionen Menschen sahen 2006 im ORF Zinedine Zidanes legendären Kopfstoß im WM-Finale Frankreich gegen Italien. Und mit mehr als 1,5 Millionen Zusehern war der Nachtslalom in Schladming 2009 sogar die meistgesehene ORF-Sendung überhaupt. Noch vor dem Opernball (1,3 Millionen Zuseher) und dem Villacher Fasching (1,2 Millionen). Hätte das WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien 2009 stattgefunden, wäre es die Sendung mit der zweithöchsten Quote des Jahres gewesen. „Der Sport ist einer der wenigen, der es noch schafft, zu so einem Medienereignis zu werden“, sagt Medienpsychologe Peter Vitouch. Gerade das inszenierte Spektakel einer Fußball-WM spricht auch Menschen an, die sich sonst nicht für Sport interessieren. „Die möchten halt dabei sein, um mitreden zu können.“
Dieses „Mitredenkönnen“ ist das Element, das heute selten geworden ist. Mit all den unterschiedlichen TV-Sendern und immer weiter verstreuten Interessen ist es nicht mehr so leicht, dass man über ein einzelnes Ereignis mit jedem sprechen kann. Umso wichtiger sind daher solche Großereignisse wie die Fußball-WM – als „verbindender Lockermacher“, wie es Vitouch nennt. Jeder hat es erlebt, jeder weiß Bescheid– so wie sonst nur über das Wetter, über das man mit jedem reden kann.
Das gemeinsame Erleben eines Ereignisses schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ob man es auch tatsächlich gemeinsam sieht – beim Public Viewing – oder allein vor dem Fernseher, spielt gar nicht mehr so eine große Rolle. Man hat das Gleiche gesehen und hat ein gemeinsames Thema.
„Wo warst du, als der erste Mann auf dem Mond war?“ – Wer am 20. Juli 1969 alt genug war, um es mitzubekommen, wird sich wohl genau daran erinnern können. Denn die erste Mondlandung ist der Prototyp eines Ereignisses, das als kollektive Erinnerung weiterlebt. Schätzungen sprechen von 500 Millionen Zusehern, die weltweit vor den Bildschirmen den Spaziergang von Neil Armstrong mitverfolgten. „Die Mondlandung war das Endprodukt eines jahrelangen Wettstreits zwischen zwei Systemen“, sagt Kultursoziologe Roman Horak. Noch dazu fand sie in einer technikgläubigen Zeit statt. Beste Voraussetzungen also, dass dieses welthistorische Event zum Inbegriff des medial vermittelten Ereignisses wurde.
Vergleiche mit anderen Events lassen sich nur bedingt ziehen. Schon allein wegen der Zahl der vorhandenen Fernseher. 0,15 Geräte pro Kopf – ein TV-Gerät auf sieben Einwohner – betrug 1969 die sogenannte „Fernseherquote“ in Österreich. Kein Wunder also, dass die Menschen in großen Trauben um die paar Fernseher saßen, die da waren. Da nahm man auch in Kauf, dass man nicht zu allzu viel Schlaf kam – die Übertragung im ORF dauerte 28 Stunden und 28 Minuten. Und Armstrong tat seinen berühmten ersten Schritt auf dem Mond um drei Uhr früh westeuropäischer Zeit.
Der nächste Höhepunkt der Fernsehgeschichte sollte einige Jahre später passieren: Eine ganze Milliarde Menschen soll am 14. Jänner 1973 das Livekonzert „Aloha from Hawaii“ von Elvis Presley angesehen haben. Das erste live via Satellit in über 40 Länder der Erde übertragene Konzert eines Solokünstlers schaffte in den USA eine Quote von 51 Prozent, auf den Philippinen erreichte die Ausstrahlung sogar mehr als 90 Prozent. Eine derart hohe Quote wirkt heute fast utopisch. Immerhin, der neue deutsche Reichweitenrekord im Halbfinale der Fußball-WM entspricht 83,2 Prozent.
Beim „Live Aid“-Konzert, das am 13. Juli 1985 zugunsten Afrikas veranstaltet wurde, ist die Rede von 1,5 Milliarden Zusehern weltweit. Das Begräbnis von Prinzessin Diana am 6. September 1997 verfolgten laut Schätzungen gar 2,5 Milliarden Menschen – ebenso wie die Trauerfeier für Michael Jackson am 7. Juli 2009. Welches von ihnen nun das größte war, lässt sich in absoluten Zahlen – und in ihrer tatsächlichen Bedeutung – allerdings kaum seriös messen. Schließlich lässt sich ein rund einstündiges Konzert von Elvis Presley kaum mit „Live Aid“ vergleichen, das rund 16 Stunden dauerte. Oder mit der Mondlandung, die länger als einen Tag live im Fernsehen übertragen wurde. Ähnlich schwierig ist es, öffentlich inszenierte Ereignisse wie eine königliche Hochzeit oder das Begräbnis eines Popstars mit den Ereignissen vom 11. September 2001 in eine sinnvolle Relation setzen.
Der Anschlag. „Wo warst du, als das Flugzeug ins World Trade Center flog?“ Auch das ist eine Frage, auf die wohl jeder eine genaue Antwort geben kann. Und auch wenn man keine Zahlen hat, wie viele Menschen den wohl bekanntesten Terroranschlag der Welt im TV live mitverfolgten – er ist vermutlich neben der Mondlandung das wichtigste Medienereignis überhaupt. Ein Ereignis, dessen Bilder sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt haben, ob man es live gesehen oder die wieder und wieder durchgespielte Szene in den Nachrichtensendungen der folgenden Stunden und Tage verfolgt hat.
95 Prozent der Amerikaner wissen noch genau, was sie zum Zeitpunkt der Anschläge getan haben oder wo sie die Nachricht erreicht hat. Und doch sind die Ereignisse vom 11. September 2001 in puncto Medienereignis eher eine Ausnahme. Denn dass zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers fliegen würden, kam überraschend – ohne Vorankündigung und vorangehende Inszenierung. Wirklich live miterlebt hat die Öffentlichkeit die Ereignisse erst, nachdem bereits ein Flugzeug in einen der Türme gekracht war. Fast alle TV-Sender übernahmen das Livebild – und während die Menschen noch fassungslos auf das rauchende Gebäude schauten, raste ein weiteres Flugzeug in den zweiten Turm. Die Inszenierung fand in diesem Fall also erst durch das Ereignis selbst statt.
Im Fall der Fußball-WM, die heute abend mit dem Finale zwischen Spanien und den Niederlanden ihr Ende findet, ist die Vorhersehbarkeit doch um einiges größer. Die Zuseher wissen, wer um welche Uhrzeit aufeinandertrifft. Man kennt die Geschichte der Mannschaften, hat in den vergangenen vier Wochen ihren Weg ins Endspiel mitverfolgt. Und muss sich im Rahmen der Inszenierung nur noch auf den Spielverlauf und das Ergebnis konzentrieren. Und wenn am Montag die Weltmeisterschaft Geschichte ist, werden wir alle ziemlich genau wissen, wo wir waren, als der Weltmeister 2010 gekrönt wurde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2010)