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Plattenkritik

Thomas Dutronc: Ennui, Ekstase und Evergreens à la française

Thomas Dutronc, der Sohn von Chansonnière Françoise Hardy, spielt geschmackvoll und ironiefrei mit den Klischees seiner Heimatstadt.
Thomas Dutronc, der Sohn von Chansonnière Françoise Hardy, spielt geschmackvoll und ironiefrei mit den Klischees seiner Heimatstadt.Blue Note/Yann Orhan
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Neues aus Paris: Für Wohlergehen über alle Sprachbarrieren hinweg sorgt Thomas Dutronc mit „Frenchy“. Klug mischt er französische Jazz-Evergreens und zeitgenössische Elektronik – und bringt Stars wie Iggy Pop und Diana Krall.

Die Musikgeschichte ist reich an Stars, deren Söhne und Töchter so unmusikalisch sind, dass die Tür nicht zugeht. Thomas Dutronc ist da eine Ausnahme. Als Sohn von Chansonnière Francoise Hardy und Musiker und Schauspieler Jacques Dutronc tat er sich mit der Berufswahl wohl nicht leicht. Zunächst interessierte ihn die Fotografie. Irgendwann wollte er es aber doch wissen. Er ging es klug an, begann wie sein Vater als Gitarrist. Still steigerte er sich ins von Django Reinhardt begründete Genre Jazz Manouche hinein.

Zum Singen musste er überredet werden. Gut, dass es passierte, denn seine weiche Stimme ist elastischer als die vieler Kollegen. Für sein fünftes Album hatte er sich nun vorgenommen, die Welt mit der französischen Art des Musizierens machen zu umgarnen. „Frenchy“ prunkt mit einer gut austarierten Mischung aus Evergreens und Pophits. Das Label Blue Note hatte die nicht gerade originelle Idee, Gaststars einzuladen. Dank der bedachtsamen Auswahl zeitigt dieser Einfall aber sehr schöne Ergebnisse.

Schön: Iggy Pop singt französisch

Zunächst brillieren Iggy Pop und Diana Krall im hochcharmanten Opener „C'est si bon“. Kralls dynamischer Anschlag am Klavier überzeugt wie ihr unterkühlter Gesang, der Dutroncs schläfrig-sinnliche Stimme perfekt kontrastiert. Dazu Iggy Pops raues Organ: Wenn dieser gereifte Rabauke Französisch singt, wird es wunderherrlich. Gern erinnern wir uns daran, wie er 2009 „Les feuilles mortes“ für sein Album „Préliminaires“ mit dickstem amerikanischen Akzent interpretiert hat. Possierliche Duette mit Francoise Hardy und Arielle Dombasle folgten. Jetzt hat Pop für Dutronc abermals den tief in ihm verborgenen Jazzer hervorgekitzelt. Es ist zudem sehr herzig, wenn dieser wilde Mann auf brav macht.

In der Zwischenzeit sitzt Dutronc schon im Fond eines Taxis und fährt fürs Video von „La vie en rose“ durch eine Pariser Regennacht. Die Scheiben sind beschlagen, Billy Gibbons hängt als Duftbaum beim Fahrer vorn. Dutronc quengelt sich Sinnliches von der Seele. Die hübsche Brünette, die ihn umhalst, begnügt sich mit Wimpernschlägen. Derweil befingert der echte Billy Gibbons seine E-Gitarre im Hotel Lutetia. Jetzt scheinen sich die berühmten Karussells der Stadt schneller zu drehen . . .
Mit den Paris-Klischees spielt Dutronc geschmackvoll und ironiefrei. Manch neuer Song muss bei ihm künstlich altern. „Playground Love“ etwa vom Elektronik-Duo Air. Gemeinsam mit der famosen südkoreanischen Sängerin Youn Sun Nah intoniert, klingt es bei Dutronc wie eine gelungene Mischung aus Jazzstandard und Pink Floyd der frühen Siebzigerjahre.

Daft Punk im Swinggewand

Kühn aufgehübscht hat er auch Daft Punks Dancefloorhit „Get Lucky“. Seine Lesart davon serviert Dutronc zurecht zwischen Klassikern wie „La Mer“ und „Minor Swing“, sie löst unmittelbar süßes Wohlbefinden aus. Ja, dieser Song funktioniert auch als jazziges Chanson. Das anschließende „Minor Swing“, 1937 von Django Reinhardt und Stephane Grappelli komponiert, lockt ebenfalls in einen sinnlichen Strudel. Die munter entwickelten Motive von Geige und Gitarre überschneiden sich mal korrespondierend, dann wieder konfliktiv.

Das innigste Duett auf „Frenchy“ ist wohl „Ne me quitte pas“, für das Dutronc die englische Übersetzung von Rod McKuen gewählt hat, jenem amerikanischen Poeten und Sänger, der Jacques Brel in den anglosächsischen Raum eingeführt hat. Für den Refrain wechseln er und Haley Reinhart aber ins Französische. Es ist eine beachtliche Leistung, einem u. a. von Shirley Bassey, Nina Simone und Frank Sinatra interpretierten Lied neuen Drall zu verleihen.

„My Way“ in der Originalsprache

„My Way“, eine Komposition von Claude Francois, die 1968 als „Comme d'habitude“ veröffentlicht wurde, punktet hingegen mit Ennui. Gerade in Zeiten der Sorge ist so ein bisschen luxuriöse Langeweile ein Geschenk.
Auch der Sascha-Distel-Klassiker „La Belle Vie“ kommt in der amerikanischen Übersetzung zu Ehren. In „The Good Life“ findet sich eine wichtige Warnung: „Don't try to fake romance“. Thomas Dutronc hält sich auf diesem schönen Album daran.

Thomas Dutronc: "Frenchy" (Blue Note)
Thomas Dutronc: "Frenchy" (Blue Note)(c) Blue Note