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"All you can hear": Musikhören zum Fixpreis

Mit Monatspauschalen für »unendlich viel Musik« hofft die Musikindustrie auf steigende Umsätze.

Kostenlos David Guetta und Shakira zu lauschen könnte auf MySpace bald nicht mehr möglich sein. Wie viele andere überlegt der Mutterkonzern News Corp., von der Werbefinanzierung auf ein kostenpflichtiges Abo-Modell umzusteigen. Die Neuigkeiten haben US-Medien aus dem Umfeld der Verhandlungspartner erfahren.

Bisher setzt MySpace auf einen Werbedeal mit Google, der 2006 um 900Millionen Dollar abgeschlossen wurde. Dieser Vertrag brachte dem Netzwerk bis zu 300 Millionen Dollar pro Jahr – er soll heuer auslaufen. Berichten zufolge macht die schrumpfende Online-Community mittlerweile weniger Umsätze, als Lizenzgebühren fällig werden. Die Gebühren für die Übertragung urheberrechtlich geschützter Musik werden monatlich auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Neu ist die Idee eines kostenpflichtigen Musikabos keineswegs. Die ehemalige Tauschbörse Napster hat ein solches Modell bereits 2004 eingeführt. Auf mehrere Gerichtsverfahren wegen Urheberrechtsverletzung folgte der Bankrott der Tauschbörse, die von Roxio übernommen als zweiter großer Online-Musikhändler kurz nach Apples iTunes wieder eröffnete.

„Alles gratis“ rechnet sich nicht. 2008 von BestBuy übernommen, ist Napster mit acht Millionen Titeln mittlerweile ein Bigplayer auf dem Markt. Verdient wird mit Musikabos, die zwischen fünf und sieben Dollar bzw. zehn Euro pro Monat kosten, mit Direktverkäufen einzelner Lieder und diversen Handyangeboten und -kooperationen. Aufs Gratispflaster hat sich Napster nur kurz zurückgewagt: Das 2006 gestartete werbefinanzierte Free.Napster.com wurde im März 2010 wieder abgedreht. Jan Jannik, der früher die MP3-Tauschbörse mitentwickelt hat, hat jedoch noch 2003 den ersten werbefinanzierten „All you can hear“-Dienst, Imeem, gestartet, der eben 2009 von MySpace übernommen wurde. Ebensolche Dienste, die Musik „streamen“, das bedeutet, sie lediglich anzuhören, aber nicht herunterzuladen, gibt es seither viele. Spotify und Last.fm sind wohl die bekanntesten. Musik komplett kostenlos anzubieten können sich aber offenbar die wenigsten leisten. Die meisten setzen sowohl auf Werbefinanzierung als auch auf kostenpflichtige Premium-Accounts.

Ein Handy, um sie alle zu binden. Auch Handyhersteller haben mittlerweile das Potenzial erkannt. In einem bestimmten Zeitrahmen dürfen sämtliche Titel gegen einen Pauschalbetrag heruntergeladen und angehört werden. Die Lieder sind jedoch per Digital Rights Management (DRM) an das jeweilige Handy und meist an einen registrierten PC gebunden. Eine Lösung, die nicht nur die Handyhersteller gerne sehen, sondern auch die Musikindustrie, die so über DRM die volle Kontrolle über ihre Musikstücke behält. Nokia und Sony Ericsson haben mit „Comes with Music“ und „PlayNow Plus“ ebensolche Angebote gestartet. Bei Nokia kann ein Jahr lang beliebig viel Musik auf das Handy heruntergeladen werden. Nach Ablauf des Abos kann man die Lieder behalten; anhören darf man sie aber nur auf dem betroffenen Handy und auf einem registrierten PC. Alle drei Monate darf ein neuer PC angemeldet werden (die Berechtigung für den alten läuft dann allerdings aus). Nach drei Jahren ist nicht einmal mehr das möglich, und die Musiksammlung verfällt. Der große Erfolg ist bisher noch ausgeblieben – konkrete Zahlen geben die Konzerne nicht bekannt. Das größte Problem, mit dem all diese Angebote kämpfen, sind die Lizenzen, die von den Majorlabels nur für einzelne Länder vergeben werden. Das ist auch der Grund dafür, dass beinahe alle diese Dienste in Österreich nicht verwendet werden können. Spotify hingegen malt sich dennoch einen großen Erfolg aus. Derzeit ist das Onlineangebot aus über vier Millionen Liedern in Schweden, Spanien, Norwegen, Finnland, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich abrufbar. Noch heuer will man aber den großen Markt der USA erobern. Aus den sieben Millionen Nutzern, die der Dienst derzeit verzeichnet, könnten dann schnell 50 bis 100 Millionen werden, meinte der 26-jährige Chef des schwedischen Unternehmens, Daniel Ek, unlängst in einem Interview. Beobachter rechnen damit, dass genau diese Aussichten Spotify zum Verhängnis werden könnten. Und zwar aus einem ähnlichen Problem, das bereits bei MySpace vermutet wird: Die Lizenzgebühren würden bei diesen Massen an Nutzern die Einnahmen bei Weitem übersteigen. Eine Annahme, die aufgrund des derzeitigen Anteils an zahlenden Kunden erhärtet wird: Nur 250.000 der sieben Millionen Nutzer haben sich bisher für das kostenpflichtige Abo-Modell entschieden.

Das Internetradio Pandora bietet ebenfalls die Möglichkeit, kostenlos Musik zu hören, und hat bereits eine kritische Nutzerbasis von bald 50 Millionen Mitgliedern erreicht. Vergangenen Sommer gab es daher Ärger mit den Labels und neue Lizenzverhandlungen. Das Ergebnis waren höhere Gebühren als für normale Radiostationen fällig werden und ein Zeitlimit für „Heavylisteners“: Wer mehr als 40 Stunden Musik pro Monat genießt, muss einen Dollar aufzahlen. Ob das genügen wird, muss sich erst zeigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2010)