Lovely Days 2010
Verjüngte Rocklegenden
Das Lovely Days 2010 in Wiesen war angenehm unaufgeregt: Jahrzehntelange Bühnenerfahrung traf auf quirlige Neulinge bei Rocklegenden, die solide bis virtuose Shows boten. Nur Toto blieb etwas Wichtiges schuldig.
Das Line Up bei einem Festival ist normalerweise auch eine Reihung nach Wichtigkeit der Bands: Am Nachmittag jene, die alleine nie vor so vielen Zusehern spielen könnten und am Abend jene, deretwegen so viele Zuseher kommen. Daher füllt sich der Zuseherraum normal auch mit fortschreitender Zeit. Wenn aber ohnehin nur Bands auftreten, die ihre größte Zeit in den 1960ern bis 1980ern hatten, gelten andere Regeln.von Ewald Bechtloff, Fotos (außer Bild 4): Rüdiger Wehaupt
Rüdiger Wehaupt
So wurde beim Lovely Days 2010 in Wiesen das noch am Vormittag auf der Wiesen-Homepage veröffentlichte Line Up spontan umgedreht. Manfred Mann's Earthband, ursprünglich für 19 Uhr angesetzt, war plötzlich "Headliner", also am Schluss dran. Dafür rutschten die Restbestände der "Doors" in den Vorabend.
Rüdiger Wehaupt
Die scharfe Trennung in Nachmittags- und Publikumsmagnetenbands gab es aber sowieso nicht. Schon um 14 Uhr war die Festivalarena in Wiesen praktisch voll.Ganz ausverkauft war die Veranstaltung zwar nicht, dafür hatten die Besucher (Altersschnitt dürfte bei 43,6 liegen) mehr Platz, um es sich auf Decken gemütlich zu machen.
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Als erste Band durfte die Spencer Davis Group das Publikum begeistern. Und schaffte es mit Hits wie "Keep on running" oder "Gimme some lovin" auch. Für Historiker: Von der Originalbesetzung 1965 sind heute noch Spencer Davis selbst und Keyboarder Eddie Hardin dabei (gut, der kam "erst" 1967 für Steve Winwood). In eigener Sache: Die Band spielte fast eine halbe Stunde früher als angenommen, daher haben wir die Photophase verpasst.
(c) REUTERS (� Shannon Stapleton / Reuters)
Larry Taylor und Fito de la Parra (die verbliebenen Gründungsmitglieder) haben es richtig gemacht: "On the road" war der größte Canned Heat-Hit, sie eröffneten ihren Auftritt damit - und schon hatten sie das Publikum voll auf ihrer Seite. Der Hinweis "This is an old song" vor einem Klassiker klang übrigens von allen Bands irgendwie witzig. Denn die Rocklegenden haben ja eigentlich überwiegend "alte" Lieder ...
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... obschon Uriah Heep eine Ausnahme sind: Sie veröffentlichten nach zehnjähriger Pause erst 2008 ihr jüngstes Album, "Wake the sleeper". Von der Urbesetzung ist zwar nur noch Gitarrist/Komponist Mick Box übrig, jedoch hat man bei den Briten den Eindruck, dass sie seit 40 Jahren gemeinsam rocken.
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Das mag auch am genialen Sänger Bernie Shaw (seit 1986) liegen, der wie kaum ein anderer den klischeehaft "alten Rocker, der noch immer Spaß an der Musik hat" verkörpert. Allein ihres größten Hits, "Lady in black" (1971), dürften sie mittlerweile überdrüssig sein. Denn sie spielten das Lied pflichtgemäß als Konzertabschluss, allerdings in einer überarbeiteten, viel zu schnellen Version.
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Zielgruppengerecht war dafür eine Neuerung am Gelände: Eine zusätzliche Bar direkt im Zelt nahe der Bühne, damit durstige Besucher die rund 50 Meter zum Gastro-Bereich nicht auf sich nehmen müssen.
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RMARKOTD steht für den längsten Bandnamen des Festivals: Ray Manzarek and Robbie Krieger of The Doors, die, wie erwähnt, von 23 auf kurz vor 19 Uhr verlegt wurden. Der ehemalige Organist und der Gitarrist der Band rund um den 1971 verstorbenen Jim Morrison boten eine grundsolide Show.
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Der fürchterlich lange Name rührt übrigens wohl von einem Rechtsstreit der beiden mit dem früheren Doors-Schlagzeuger John Densmore: Dieser erwirkte 2005 eine Verfügung, dass die beiden "Doors" nicht im Bandnamen führen dürfen. Das erinnert irgendwie an "The artist formally known as Prince".
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Dass sie sich mit Densmore nicht gut vertragen, zeigte auch die Bandvorstellung. Denn nur für Jim Morrison gab es einen kurzen Gedenkmoment. Dessen Stelle bzw. dessen Aufgabe übernimmt seit kurzem Miljenko Metijevic, auch bekannt als Sänger von "Steelheart". Der Kroate erinnert optisch zwar eher an einen DJ aus Mallorca, erfüllt seine Aufgabe aber brillant: Mit nur wenig Phantasie glaubt man, tatsächlich Jim Morrison zu hören.
Rüdiger Wehaupt
Gespielt wurden alle Klassiker der Doors, von Break on through über Touch me, Roadhouse blues bis zum unvermeidlichen Schlusssong, Light my fire. Zwischendruch gab es schöne Talentproben und unterhaltsame Klangexperimente, eingeleitet von offener Werbung für Drogenkonsum ("LSD is the garden of eden"). Allein Kriegers Versuch, Spanish caravan mit ein paar Minuten Flamenco-Gitarre einzuleiten, misslang gehörig.
Rüdiger Wehaupt
Zum "Hippie-Flair" gehören einfach Seifenblasen, leider waren keine anderen Gaukler wie Jongleure oder Feuerkünstler am Festival.
Rüdiger Wehaupt
Obwohl das Lovely Days auch 2010 nur eintägig war (das DayS bezieht sich auf die lieblichen Tage der 1960er), nächtigte der größte Teil der Besucher am Campingplatz ...
Rüdiger Wehaupt
... teilweise in liebevoll, stilistisch wertvoll gestalteten Bussen.
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Toto war die jüngste Band am Festival, immerhin wurden sie "erst" 1977 gegründet und hatten ihre größte Zeit in den 1980ern. Sie waren am Lovely Days auch jene mit den meisten Gründungsmitgliedern. Ihre Show war vor allem eines: Eine sehenswerte Reihung von Talentproben und wahrhaft virtuosen Solos fast aller Musiker.
Rüdiger Wehaupt
Aber eben nur fast. Die Frage nach dem "besten" Musiker auf einem Instrument ist grundsätzlich nicht eindeutig zu beantworten. Aber in der Welt der Schlagzeuger gilt Toto-Drummer Simon Phillips unbestritten als heißer Anwärter auf diesen Titel. Es ist daher enttäuschend, dass alle Musiker inklusive Backgroundsänger ihre Solos hatten - nur Simon Phillips nicht.
Rüdiger Wehaupt
Zu Hits wie Africa, Rosanna oder Hold the line mitsingen und -klatschen ist natürlich schön, ebenso wie die bis ins letzte Detail durchkomponierten Nummern einfach zu genießen. Aber das Simon Phillips-Solo fehlte fast allen Fans, das Konzert war einfach noch nicht fertig.
Rüdiger Wehaupt
Den Abend beschließen durfte die Earthband rund um Manfred Mann. Blinded by the light, Demolition man, Joybringer, Do Wah Diddy Diddy, Fox on the road, ... die Liste von unsterblichen Liedern, die der Feder des legendären Komponisten/Keyboarders mit Hut seit 1971 entrannen, ist lang und beeindruckend.
Rüdiger Wehaupt
Entsprechend würdevoll war auch der Auftritt beim Lovely Days. Ein Videobericht findet sich übrigens in der ORF-TV-Thek. Der handelt zwar vom Clam Rock Festival, dort traten aber die selben Bands schon einen Tag zuvor auf; allerdings mit Toto als letzter Band.
Rüdiger Wehaupt
Das Lovely Days war heuer (wie auch schon 2009) ein nettes Festival voll Nostalgie. Musiklegenden auf der Bühne und ein vielleicht altersbedingt sehr gesittetes und auffällig zurückhaltendes Publikum davor - ein entspannender Ausgleich zu den anderen feinen Rockfestivals der Saison.
Rüdiger Wehaupt