Lernen über die NS-Zeit: Keine Stereotype

Lernen ueber NSZeit Keine
Lernen ueber NSZeit Keine(c) AP (PHILIPPE WOJAZER)
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Wie soll heute der Schulunterricht über die Shoah aussehen? Ein Seminar des in Wien ansässigen Medienarchivs "Centropa" sucht nach Antworten. Mehr als 70 Lehrer aus 13 Ländern beschäftigen sich mit der Frage.

Wie Lernen über den Holocaust nicht ablaufen sollte, hat Maria Ecker selbst erlebt. Eines Schultages im Jahr 1990 stand der Besuch des Konzentrationslagers Mauthausen auf dem Programm. „Wir waren nicht vorbereitet“, erzählt die Historikerin. „Über den emotional aufwühlenden Besuch wurde auch später im Unterricht nicht diskutiert.“

Dieses Erlebnis hat Ecker geprägt. Heute setzt sie sich dafür ein, dass Schüler über die monströsen Verbrechen der NS-Zeit mehr mitnehmen als Schock – oder gar Abwehr. Im Bildungsprojekt „Erinnern.at“ entwickelt sie Schulbücher und Unterrichtsmaterialien, die Themen wie Verfolgung und Widerstand in Geschichten greifbar machen. Etwa mit der DVD „Das Vermächtnis“, die nicht nur Zeitzeugeninterviews enthält, sondern auch Lehrmaterialien, die Lehrern im Unterricht Hilfestellungen gibt.

Die Frage, wie heute – 65 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus – eine angemessene Holocaust-Pädagogik aussehen sollte, beschäftigte auch mehr als 70 Lehrer aus 13 Ländern, die anlässlich einer Sommerakademie vergangene Woche nach Wien kamen. Organisiert wurde das mehrtägige Seminar von Centropa, einem in Wien ansässigen Archiv, das jüdische Zeitzeugenberichte und Originaldokumente auf mehreren Medienkanälen archiviert.

Einig sind sich Pädagogen heute, dass die Rolle von Medien im Unterricht immer wichtiger wird, zumal die Generation der Zeitzeugen allmählich ausstirbt. Centropa setzt deshalb auf Vermittlung und bietet auf seiner Website etwa Filme, Interviewausschnitte und Fotos zum Herunterladen an.

Nicht nur beim Nutzen sollte es bleiben, erklärt Nick Holton, Lehrer aus Los Angeles. Er setzt bei seinen Schülern stark auf das eigene Produzieren. Denn junge Menschen müssten selbst Zugänge zur Geschichte finden, die für sie relevant sind. Im Unterricht lässt Holton Songs, Podcasts, Videoessays und sogar Facebook-Profile zu den Schlüsselthemen des 20.Jahrhunderts – Krieg, Vertreibung, Gefangenschaft – produzieren.

Friederike Haller ist Berufsschullehrerin in Linz. Das Lernen „über andere und eigene Geschichten“ hält sie beim Thema Nazizeit für sehr sinnvoll. Auch Felicia Waldman, die in der Lehrerfortbildung arbeitet, ist überzeugt vom Nutzen authentischer Geschichten, wenn sie in Rumäniens Provinz auf Lehrer und Schüler trifft, die Juden nur aus Bildern im TV kennen: „Wahre Geschichten entsprechen nicht den Stereotypen.“

www.centropa.org,www.erinnern.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2010)

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