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Kraftfahrgeschichte

Goodbye, Holden: Vom Abgang einer australischen Legende

Die einzige Automarke von Down Under verschwindet mit Jahresende. Für den Mutterkonzern GM war sie nicht mehr rentabel. Damit endet die Autobauindustrie eines Kontinents nach rund 120 Jahren. Es war so genial, einen Holden besessen zu haben. Noch dazu einen richtig alten.

Rostrot. Eine Orgie von Rostrot, in jeder Richtung, da und dort gespickt mit dunkelgrünem und beigem Buschwerk, in einem Land so trocken, leer und flach, dass es und der blaue Himmel darüber wie zwei Blöcke nahtlos miteinander zusammengepresst sind.

Durchs Fenster weht heißer Fahrtwind, er trägt feinen rostroten Staub herein, Staub dringt selbst bei geschlossenem Fenster durch jede Ritze, sodass der Innenraum des Wagens und alles darin rötlich bestaubt ist. Ich trage am Steuer nur Shorts und kann mit dem Finger helle Linien über den Bauch ziehen, wo Staub und Schweiß einen schmierigen Film gebildet haben.

Die Sandpiste, deren Ränder oft nicht klar erkennbar sind und über der in der Ferne Wasser zu schweben scheint, Fata Morganas, macht eine leichte Linkskurve. Der Wagen rumpelt mit etwa 60 km/h dahin. Für ein paar Sekunden scheint es, als habe das Rostrot der Piste da vorn stellenweise einen anderen Ton, da ist's schon zu spät. Links und rechts spritzen rostrote Schlammmassen an den Fenstern hoch, der Wagen bremst abrupt ab, die Reifen des Heckantriebs drehen durch. Nix geht mehr. Die Mühle sitzt fest.

Im Schlammloch

Es geht weder nach vor noch zurück auch nur ein paar Zentimeter. Man hört dann nur das Schleifen der Reifen im rostrotsandigen Schlamm. In einem Schlammloch auf einer Wüstenpiste im Outback von South Australia, zwischen dem winzigen Nest William Creek und der Opalbergbaustadt Coober Pedy, dazwischen sind 168 Kilometer menschenleere Wüste. Richtig harte, rostrote australische Wüste.

Es ist gegen Mittag und hat trotzdem schon bald 40 Grad. Ich steige aus und versinke bis über die Knöchel im Schlamm. Ich versuche den Trick mit den Gummimatten und drücke sie unter die Hinterreifen. Oh, Dude, beim sanftesten Gasgeben macht es „Flutsch", die Reifen ziehen die Matten einfach unter sich durch und schleudern sie nach hinten weg.

Zwei Nächte zuvor hatte es in der Gegend leicht geregnet. Im Pub in William Creek, von dem weg es jetzt schon mindestens 50 Kilometer sind, hatten sie aber gesagt, dass die Piste wieder trocken genug sein müsste. An der Stelle hier war sie aber nur oberflächlich getrocknet, eine trügerische Kruste, in einer anderen Nuance Rostrot.

Überhaupt waren da doch noch allerhand ziemlich nasse, stellenweise richtiggehend überschwemmte Stellen, die ich teils abseits des Weges im Gelände umfahren, teils mit Anlauf und viel Schwung gequert hatte.

Die Piste von William Creek nach Coober Pedy.Greber
Nun ja. Das haben wir auch geschafft.Greber

Im Pub in William Creek hatten sie auch noch gesagt, dass hier auf der Piste ein paar Autos am Tag fahren. Probably. But maybe not, Mate! Nun ja. Ich hab 40 Liter Wasser im Auto, Kekse, Whisky. Ich rauche eine Chesterfield an, schaue, von Fliegen umsurrt, in die heiße rostrote Sandwelt. Und warte.

Der Wagen, den ich damals, im November 1991, fuhr, war ein Holden. Ein „Station Wagon", also Kombi, Modell HK Kingswood, Baujahr: 1968.

Holden ist eine Tochter des US-Konzerns General Motors in Australien, so wie einst Opel in Deutschland und Vauxhall in Großbritannien, die 2017 der französische PSA-Konzern (Citroën, DS, Peugeot) gekauft hat. Holdens, Opels und Vauxhalls waren und sind einander oft sehr ähnlich.

Das letzte Auto

Im Oktober 2017 blieb auch Holden in einem Schlammloch hängen: Nach 69 Jahren schloss die letzte Fabrik dieser einzigen authentischen Automarke Australiens bei Adelaide (South Australia). Am Ende rollte dort eine rote Limousine, Modell „Commodore", vom Band, womit der Holdenbauzähler in Australien bei 7.687.675 stoppte.

Es war überhaupt die letzte Autofabrik Australiens: Kurz zuvor hatte dort nämlich das letzte Toyota-Werk geschlossen, in den wenigen Jahren vorher solche von Ford und Mitsubishi, und noch früher andere, etwa von VW, Peugeot, Nissan, Leyland, etc. Siehe dazu ganz am Ende einen Link zu einer Automobilgeschichte des fünften Kontinents.

Holdens jedenfalls kamen fortan aus Werken etwa in Asien, mit deren Kosten und Typenflexibilität nicht mitzuhalten gewesen war. Dazu waren Freihandelsverträge desaströs gewesen, da sie massenhaft Importe, aber kaum Exporte bewirkten, da hubraumstarke Holdens in Asien kaum ankamen.

Das Holden-LogoHolden

Die Firma, praktisch Australiens Volkswagen und von der Aura wie Crocodile Dundee, hatte seit bald 15 Jahren meist Verluste geschrieben. Unvorstellbar, dass Holden die Straßen von „Oz" (Verkürzung von „Oztralia" gemäß der australischen Phonetik) ab den 1950ern über Jahrzehnte dominiert hatte und, nach ganz wenigen Ausnahmen, erst 2003 Platz 1 bei Verkäufen an Toyota verlor.

Man hielt Platz 2 sogar bis 2014. Dann der Absturz, im Vorjahr sogar auf Platz 10. Und GM in Detroit zog den Stecker: Diesen Februar wurde verkündet, dass GM Australien und Neuseeland 2021 verlässt – und die Marke Holden ganz verschwindet. Die Regierung in Canberra tobte, das Volk heulte auf. Vergeblich.

Der Weg zu meinem Holden

Zu meinem Holden kam ich im August 1991. Ich studierte damals Jus in Innsbruck und war (tatsächlich ohne „Vitamin B") an ein zweimonatiges Praktikum an der österreichischen Botschaft in Australien gelangt. Ist 'ne lange Story. Die Zusage des Außenministeriums war Mitte Juli eingetrudelt und ziemlich überraschend, da ich damit schon länger nicht mehr gerechnet hatte, weil mehrere Botschaften bereits abgesagt hatten, etwa in London, Kairo, Tel Aviv, Washington.

Ein Bote der Post läutete an unsererer WG in der Innsbrucker Altstadt an und überreichte ein Telegramm aus Wien: Canberra hatte okay gesagt. Das war just an einem späten Freitagnachmittag, da wir WG-Kollegen schon einige Biere geköpft hatten. Es brachte heftig Trubel in die Bude.

Als Dienstantritt war der 20. August avisiert. Allerdings war nun schon mit Freunden eine mehrwöchige Tour durch Ägypten organisiert, die in einigen Tagen starten sollte. Das hatte zur Folge, dass ich Mitte August, zwei Tage nach der Ankunft aus der ägyptischen Wüste am Flughafen München und einem Zwischenabstecher nach Wien, um dort erst noch das Diplomatenvisum zu holen, schon wieder im Flieger saß. Nach Down Under. Zum ersten Mal. Es fing jedenfalls abenteuerlich an.

Blick über einen Teil von Canberra. Ganz vorne das War Memorial, dahinter Anzac Parade und Lake Burley Griffin, dahinter das neue Parlament auf Capital Hill, gleich rechts davon der Bezirk Forrest, wo unter anderem die österreichische Botschaft steht.Petaholmes/CC BY-SA 3.0

Australiens Hauptstadt Canberra, heute nur etwa 420.000 Einwohner, ist sehr weitläufig, Bezirke und Vororte sind kilometerweit verstreut, durch Busch- und Hügelland getrennt und mit Autobahnen verbunden. Die Stadt im Südosten des Landes ist etwa doppelt so groß wie Wien und liegt im Australian Capital Territory (ACT), das etwas kleiner ist als Vorarlberg und vom Bundesstaat New South Wales umgeben. Man hat Canberra ab 1913 nach Plänen eines Architekten aus dem Boden gestampft, das erklärt die komplexe Struktur und die vielen imposanten, teils futuristischen Bauen. Zudem ist die Stadt durch einen herrlichen See geteilt. 1927 nahm das Bundesparlament in Canberra seine Arbeit auf.

>>> Hier ein Link zu einem schönen Panoramabild

Der öffentliche Verkehr in der Region war jedenfalls unzureichend. Wer dort lebte und nicht nur zwischen ein paar wenigen Punkten pendeln wollte, brauchte ein Auto. Ohnehin haben nur wenige Länder mehr Autos pro Bewohner als Oz.

Der Automarkt auf der Wiese

Nach einigen Tagen ging Helmut Bilonoha, der junge Botschaftssekretär, ein autoaffiner Steirer, der gut an Autos basteln konnte, mit mir auf eine private „Car Fair" - einen Automarkt, wie es davon an Wochenenden vielerorts im Land welche auf Wiesen und Großparkplätzen gab (und wohl noch gibt). Als Verkäufer stellte man gegen eine Gebühr sein Auto ab, legte ein Blatt mit Fahrzeugdaten, Preis, Adresse und Telefonnummer aufs Armaturenbrett und wartete. Man konnte auch nach Hause gehen, den Wagen offen lassen und den Schlüssel dem Marktaufseher geben, für Interessenten, die eine Runde drehen wollten. Lässige Sache.

Wir fanden dort den angejahrten 68er-Kingswood Station. Die seinerzeit gebaute HK-Serie des Holden ähnelte stark dem Opel Rekord C und wurde ziemlich berühmt. Ein richtiger Klassiker.

Werbefoto mit HK 1968 StationGM/Holden

Die Holden HK-Serie

Sie wurde 1968 und 1969 produziert und war ein auch optisch deutlicher Unterschied zur kantigeren Vorgängerserie HR. Es gab 13 Untermodelle, der Form nach Kombis, Limousinen, Pick-ups und Kastenwagen, in den Ausstattungs- und Leistungsvarianten Belmont (Basis), Kingswood (mittel) und Premier (hoch), dazu die Luxusversion „Brougham" und das rasante Sportcoupé „Monaro". Alle Fahrzeuge hatten Heckantrieb.

Die Motorisierung reichte bei den Hauptvarianten Belmont, Kingswood und Premier von 2,6-Liter-Sechszylindern mit 116 PS bis zum 5-l-V8 mit 213 PS, es war der überhaupt erste Achtzylinder bei Holden. Für den HK Monaro gab's auch noch eine kräftigere 5,3-Liter-Maschine mit 254 PS, die Rede ist sogar von einem noch größeren Motor.

Die Hauptvarianten waren etwa 4,7 Meter lang, 1,8 Meter breit, Radstand 2,8 Meter, Masse um die 1300 bis 1400 Kilogramm. Es gab manuelle Drei- und Vierganggetriebe sowie eine Zweigang-Automatik.

Etwa 199.000 Stück wurden gebaut. Die HK-Serie gilt als besonders einflussreich, im Lauf leise und stabil und hatte, aber nur beim V8, Klimaanlage. Innenraum und Beinfreiheit waren mehr als groß, Ein- und Aussteigen bequem. Beliebtestes Modell wurde der 3-Liter-Kingswood als Limousine und Kombi.

Der Zustand des großen Wagens war optisch schon einmal gut. Kein Rost, kaum Dellen, Unterboden okay, Sitzbezüge nur leicht verschlissen, die Gummidichtungen an den Fenstern recht elastisch. Die Farbe („Pinaroo-Beige") war ein tüchtiger Schock und überaus Opa-haft, wurde aber mit der Zeit interessanterweise ziemlich cool.

Der Preis betrug 1600 Austral-Dollar. Das war okay, umgerechnet rund 15.500 Schilling und laut Nationalbank nach heutiger Kaufkraft zirka 1950 Euro entsprechend.

Screenshot eines Holden-Werbefilms von 1968.GM-Holden/https://www.uniquecarsandparts.com.au/car_info_holden_hk

>>> Siehe hier gewaltige Werbevideos von damals

Der Verkäufer war nicht da. Ich rief ihn an jenem Sonntag an (Festnetzära!), worauf Montag Vormittag der beige HK vor dem Botschaftsgebäude brummelte, wo ich in einem Annex wohnte. Der niedrige, gelblich und rötlich gemauerte und verputzte Bau der Vertretung, die auch für Neuseeland, Papua-Neuguinea, Fidschi und weitere pazifische Inselstaaten zuständig ist, steht im gepflegten Bezirk Forrest südlich vom Parlamentshügel Capital Hill. In einer grünen, gut riechenden Gegend mit Alleen, Villen, Gärten und Wäldchen.

>>> Hier ein Blick auf die Botschaft per Google Street View

Dem Wagen entstieg ein schmaler, alter Herr im Anzug. Er sprach auf einmal Deutsch, und das mit bekanntem Akzent: Sein Name war Gyula Tartan. Er war 1956 über Österreich aus Ungarn geflohen.

Wir drehten also eine Runde mit seinem Holden. Der Motor brummelte satt, es quietschte in den Federn und von sonstwo her. Helmut, mein Autoberater, war aber zufrieden. Und so unterschrieben wir den Vertrag an diesem 26. August 1991. Ich habe das Papier noch heute.

Der Geruch nach Alter

Der HK war urig, wirkte träge und roch innen alt, nach Stoff, Leder, Öl. Die Ausstattungsvariante Kingswood lag zwischen der Basisstufe „Belmont" und der edleren „Premier" und war am meisten verbreitet, der typische Kreuzer gerade für Familien, als Limousine, Kombi und „Ute" (Utility, also Pick-up). Darüber gab's noch die aufgepimpten und verlängerten HK-Luxusversionen „Brougham" und „Monaro" mit stärkeren Sechszylinder- und vor allem V8-Motoren.

Der HK auf dem Gelände der österreichischen Botschaft in Canberra, ganz im Hintergrund Capital Hill, im Ziegelbau im Vordergrund meine Dienstwohnung.Greber

Den fast fünf Meter langen Fünftürer-Schlitten von rund 1,4 Tonnen Masse bewegte eine Sechszylinder-Reihen-„Red Engine" (der Motorblock war rot lackiert) mit 186 Kubik-Inch (3048 ccm3) bei 128 PS und 245 Newtonmetern Drehmoment. Es gab auch eine Fünf-Liter-V8-Variante mit 213 PS bei „männlichen" 407 Nm. Man kam auf (theoretisch) 155 km/h und in 14 Sekunden von Null auf 100. Bei etwa 15 Liter verbleiten Benzins auf 100 Kilometer reichte ein Tank für rund 500 km. Hinten Blattfedern. Die Schaltung hatte ungewohnterweise nur drei Gänge, und noch ungewohnter war der Schalthebel links an der Lenksäule.

Alles in allem war schon das Obige für einen jungen Österreicher, der damals einen popeligen Opel Corsa fuhr und auch sonst im Umfeld eher VW Käfer und Golf, bestenfalls 190er-Mercedes und BMW 520 gewohnt war, eine neue Erfahrung. Und dazu der Reiz, in einer großen Schüssel zu fahren, die merklich in Richtung Oldtimer driftete.

Geteilte Fenster vorn, altmodische Armaturen

Das Fenster der Heckklappe konnte man herunterdrehen und sie so ausklappen, dass der Wagen länger wurde. Die Seitenfenster vorn waren geteilt wie beim Käfer, die Armaturen herrlich altmodisch, mit großen Anzeigen, Dreh- und Zugknöpfen, Schiebern. Alles in allem: beautiful.

Allerdings ohne Klimaanlage. Dass die in Australien - zum Kühlen - besonders sinnvoll ist, war Ende August, was wettermäßig Ende Februar auf der Nordhalbkugel entspricht, für mich damals nicht abzusehen. In Canberra war es meteorologisch beinahe schon Frühling, noch ziemlich frisch und hatte bisweilen Morgenfrost.

Der breite Tacho füllte optisch fast den ganzen Durchmesser des Lenkrads aus, die orange Nadel neigte sich rechts und links nur schwach zur Seite. Und er war noch in Meilen angeschrieben. Das metrische System wurde in Oz nämlich erst in den 70er-Jahren eingeführt, mit Schwerpunkt 1974. Das hatte nun zur Folge, dass es im Kopf beim Fahren oft etwas zu rechnen gab: 1 Meile ≈ 1,6 Kilometer, ein 70er auf diesem Tacho, der bei (motorisch diesfalls ohnehin nicht erreichbaren) 120 Meilen endete, entsprach also etwa 113 km/h.

Umgekehrt ist ein Kilometer ≈ 0,6 Miles. Nun ja, man entwickelte ein Gefühl dafür. Stand also z. B. „50" auf einer Verkehrstafel, hieß das wie viele Meilen auf dem Tacho?*Auflösung unten

Greber

Überraschenderweise fing ich in der Folgezeit höchstens ein oder zwei Strafmandate wegen Speedings ein.

Bei HOLDEN fehlte das „L"

Die Sicherheitsgurte indes waren kompliziert anzulegen und in der Karosserie brummten oft Resonanzen. Der Aschenbecher wurde, wenn er aufgeklappt war, bei bestimmten Einstellungen der Lüftung direkt angeblasen, was, falls etwas drin war, nervig sein konnte. Und eine nie behobene Konstruktionseigenheit des HK-Auspuffs war, dass der mittlere Auspufftopf (Mittelschalldämpfer) quer und zu dicht unter dem Heck montiert war, sodass der Boden des Laderaums ziemlich heiß wurde. Man solle aufpassen, wenn man verderbliche Sachen über längere Strecken hinten mitführe, hieß es tatsächlich. Für Bier war das auch nicht so gut.

Erst später fiel mir auf, dass beim Schriftzug HOLDEN, der in großen verchromten Lettern über die Breite der Heckklappe prangte, das „L" fehlte. Vielleicht war es auch abgefallen, als ich einmal aus Versehen bei einem Ausflug von Canberra ans Meer nach Batemans Bay quer über eine plötzlich auftauchende Verkehrsinsel raste und dort eine kleine Betonsäule abrasierte. Es gab einen brutalen Rumpler, es schien, als flöge der Wagen meterweit durch die Luft, und meine Freundin auf dem Beifahrersitz links, eine Diplomatin aus Südamerika, kreischte.

Der Holden überstand das mit ein paar Dellen vorn, kaputtem Stoßdämpfer und gebrochener Feder links, fuhr aber weiter. Helmut hat's repariert. Danke!

Ein Danke auch an die unbürokratische Methode des An-/Ab-/Ummeldens von Fahrzeugen, die es in Oz gab (sicher auch heute noch), und wo sich Österreichs Beamtenburgtheater ein Beispiel nehmen konnte. Vom Verkäufer bekam man einen Abschnitt des Zulassungspapiers, mit dem man sogleich 14 Tage fahren durfte, ganz ohne Nummerntafeltausch. Eine Kopie schickte man an die Zulassungsbehörde, die es ausgestellt hatte, und der Verkäufer tat das mit seinem Teil des Papiers auch. Binnen einiger Tage bis vielleicht eineinhalb Wochen kam von der Behörde eine neue Zulassung an die Adresse des Käufers. Und die konnte durchaus ein Hotel, Campingplatz oder bloß Postamt sein. Alles easy, eben.

Die Grand Tour durch Oz

Also behielt mein Holden auch seine weiß-blaue Nummertafel aus dem Australian Capital Territory bei, die auf YAY 497 lautete. Das las sich herrlich als „Yey!" oder „Yeah!", ich rief das in den folgenden Monaten noch oft aus einer Laune heraus aus.

In den australischen Alpen im Süden von New South WalesGreber

Das entspannte, panzerhafte Brummeln des Reihensechszylinders unter der schweren Motorhaube tönte tatsächlich nämlich fast vier Monate in meinen Ohren. Denn nach den zwei erlebnisreichen Monaten an der Botschaft (wär 'ne eigene Geschichte) machte ich junger Dude eine etwa sechswöchige Grand Tour durch Oz. Am Ende der Geschichte befindet sich eine kleine Diashow dazu.

Der Container mit den Kangurukadavern

Hinunter zunächst nach Melbourne (Victoria), weiter nach Westen und durch die 90 Miles Desert bis Adelaide, dazu Abstecher an die Küste und in bekannte Weinregionen. Fast 700 km hinauf nach Norden über Port Augusta und entlang der bis zu 800 Millionen Jahre alten, ziemlich trockenen Gebirgskette der Flinders Ranges so richtig hinein in den flachen Outback-Ofen bis Marree, wo ich im Pub einen nicht mehr ganz jungen Auswanderer aus Klagenfurt traf. Er wohnte in einer schäbigen Hütte, trank kräftig und verwahrte von Jägern erlegte Kängurus in einem Kühlcontainer für die Weiterverarbeitung zu Steaks und Faschiertem.

Ich werd nie vergessen, wie's mir grausig schlecht wurde, als wir nach durchzechter Nacht in dem 100-bis-200-Einwohner-Örtchen (wer weiß das schon so genau) ganz früh am Morgen, ich hatte hinten bei umgeklappter Rückbank im Wagen geschlafen, erst irrtümlich versalzenen Tee tranken und dann in den Container gingen, in dem Dutzende frisch geköpfte Kängurukörper von Haken baumelten und es nach kaltem Fett, Fleisch und Blut roch.

Auf der Piste von Marree nach William Creek. Suche den Weg!Greber

Weiter rund 200 km durch rostrote Einöde nach Westen über den unbefestigten Oodnadatta Track, wo Staub unaufhörlich in den Wagen kroch, an artesischen Quellen mit kühlem Wasser und am riesigen Lake-Eyre-Salzsee vorbei nach William Creek, dem erwähnten Nest im Nirgendwo, wo höchstens zehn Leute wohnten und es außer dem Pub samt Motel, Campingplatz, Zapfsäulen, Flugpiste und einer solarbetriebenen Telefonzelle fast nichts gab.

William Creek liegt auf dem Land der „Anna Creek Station", der größten Rinderfarm der Welt von der Fläche Niederösterreichs plus des Burgenlands kombiniert. Von dort und aus anderen Nestern und Bergbauorten im Umkreis bis zu 200 km und mehr kamen an Wochenenden crazy Guys aus der Viehzüchter- und Bergbauszene zum kräftigen Trinken und zum Genuss gewisser Kräuter vorbei. Frage nicht. Ich lernte einige der Typen kennen und sage nur: Andamooka Black.

Gestrandet im Pub in der Wüste

Eine Handvoll Touristen aus England und Skandinavien waren auch da, dann flog eine Gruppe Aussies und Amis mit vier Kleinflugzeugen ein, landete neben dem Pub und zog im Freien ein anständiges „Barbie" hoch, ein Barbecue, bei dem viel Bier und Bundy 'n Coke (Cola-Rum) getrunken wurde. Ein paar ganz lustige Mates formten Burger-Laibchen, indem sie eine Handvoll Faschiertes unter die Achselhöhle pressten. Harhar! Damit sie nach was schmecken!

Nach William Creek fliegt man zwecks Party auch ein.Greber

Letztlich blieb ich drei Nächte in William Creek, vor allem nächtlichen Regens wegen, der die Pisten aufweichte und die Weiterfahrt sogar für 4WDs unsicher machte. Ich sah von einem schmalen, abgewetzten Sofa gleich neben der Bar aus dem Formel-1-GP von Adelaide zu, wo es stark regnete und Ayrton Senna vor Nigel Mansell und Gerhard Berger gewann.

Danach die Episode in der Einsamkeit im Schlammloch auf der rostroten Piste. Und später weiter nach Coober Pedy, wo ein Österreicher ein Café mit guten Torten führte.

Im William-Creek-OubGreber

Weiter den endlosen Stuart Highway nach Norden bis Alice Springs (690 km von Coober Pedy entfernt), die zentrale australische Stadt im Northern Territory, unterbrochen durch einen Abstecher zum Ayers Rock/Uluru, dem riesigen roten Felsen in der rostroten Ebene.

Abstecher zum heiligen Felsen

„Abstecher" ist gut: Weil vom Stuart Highway zum Ayers und zurück sind es auch wieder 540 Kilometer. Ich hab dort damals wieder einmal im Holden übernachtet.

Damals durfte man noch auf den Felsen klettern, obwohl das den Aborigines nicht Recht war, sie sehen darin nämlich einen heiligen Berg. 2019 hat man es dann tatsächlich verboten. Es waren im Lauf der Zeit allerdings auch Dutzende Touristen am Berg gestorben, wegen der Hitze, aus Erschöpfung, oder weil sie in die Tiefe fielen, besonders am steilsten Abschnitt gleich zu Beginn. Und der ist wirklich verdammt steil. Gerade nicht ganz senkrecht, übertrieben gesagt. Man musste sich dort über eine ziemlich lange Strecke an einem Metallseil festhalten, und Halbschuhe verzieh der Uluru nicht. Von oben, rund 350 Meter über Grund, ist die Aussicht über die unermessliche rostrote Flachheit jedenfalls GRANDIOS.

Der Autor, nur ein wenig jünger, vor dem Ayers Rock/Uluru im Northern Territory, November 1991.Greber

Später von Alice Springs etwas weiter nach Norden, dabei passiert man ein Denkmal in Erdkugelform, das den Südlichen Wendekreis markiert, den Wendekreis des Steinbocks. Ich stieg aus, floh aber nach höchstens einer Minute ins Auto, weil der Asphalt dermaßen glühte, dass die Sohlen der Timberland-Stiefel schwammig weich und die Fußsohlen heiß wurden.

Die Straße der Kadaver

Kurz danach also wieder nach Osten durch rostrotes bis beiges Land über den ultra-einsamen, unasphaltierten Plenty Highway und andere Pisten und Straßen 840 km zur Bergbaustadt Mount Isa in Queensland. Von dort auf Asphaltfernstraßen und mit Zwischenetappen durch Wüste, trockene Steppe und am Ende subtropisches Bergland mit Geruch nach Eukalyptus mehr als 1300 km zur Küste bei Rockhampton - wobei auf mindestens der Häfte des Weges jeweils mehrere Kängurukadaver pro Kilometer lagen und der heiße Fahrtwind beim Passieren nach Verwesung roch.

Unterwegs kochte einige Male der Motor. Bei einem Abkühlstop hielt ich just vor dem Walkabout Creek Hotel, wo die australischen Pubszenen in Crocodile Dundee spielen. Es steht in McKinlay, einem Nest an der Fernstraße tief im Inneren von Queensland am Übergang vom Outback zur Steppe mit den endlosen Weideflächen. Klar nahm ich 'nen Drink.

The City of Liquor and Love

Am Strand von Rockhampton kniete ich vor dem erlösenden Meer nieder. Weiter die subtropische Küste nach Süden über die Sunshine Coast und Brisbane (mehr als 630 km). Und bei einem Hagelsturm, der jeglichen Verkehr für eine Stunde zum Erliegen brachte, weiter in die relativ nahe Party-Stadt Surfers Paradise, dem Herzen der Gold Coast, einer Art Mischung aus Miami Beach und Mallorca.

Blick über Surfers Paradise und Teile der Gold Coast nach Süden.Moatazayman/worldads.net/CC BY-SA 4.0

Dort hing ich mehr als zwei Wochen mit Typen aus Australien, Neuseeland und den USA in einem Apartment eines Backpacker-Hotels mit Swimming Pool im Innenhof ab und kellnerte ein paar Mal in einem Nachtclub. Zufällig war „Schoolies Week", wenn Tausende High-School-Absolventen aus dem ganzen Land an der Gold Coast Party machten. Dann kam auch noch Kelly dazu. Das wirkte überaus nachhaltig.

Weiter über Etappen etwa 840 Kilometer bis Sydney, danach rund 300 km zurück nach Canberra. Gesamt packte der beige 68er-Kingswood während der Grand Tour wohl um die 9000 Kilometer, samt der Fahrten danach und in der Praktikumszeit zuvor waren es vielleicht 12.000.

Der Holden lag insgesamt träge, aber sicher auf der Straße, und machte sich auf Pisten gut. Einmal wirbelte ein Road Train, einer dieser enorm langen Lkw mit durchaus drei bis vier Anhängern, bei 100 km/h einen Stein in die Windschutzscheibe, die zersprang und sogleich undurchsichtig wurde. Wenigstens kam nach 20 Kilometern eine Werkstatt, fragen Sie mich nicht, wie ich gefahren bin. War brutal schräg.

Der nächtliche Horror im Nirgendwo

Weil die Ladefläche bei umgeklappter Rückbank so lang war, schlief ich wie gesagt oft darin, auf Campingplätzen, am Rand von Straßen, im Gelände. Und das führte einmal, auf dem ultra-einsamen Plenty Highway im Outback, zu einem heftigen Horrortrip. Ganz ohne Drogen.

Im Inneren des HK Kingswood '68 Station, etwas dusty von langer Wüstenfahrt, aber mit genügend Platz zum Ausspannen und so.Greber

Man muss vorausschicken: Es wurde nicht empfohlen, den Plenty Highway zu benützen. Er ist rund 500 km lang und mündet im Osten in Queensland in einen weiteren einsamen Highway. Tankstellen gab's nur bei ein oder zwei Ranches und einer Polizeistation. Bei Letzterer, etwa 140 km nach der Abfahrt vom Stuart Highway im Westen, bei Harts Range, einer Aboriginalsiedlung, meldete man sich an, wenn man durchfahren wollte. Mit der Abmachung, anzurufen, wenn man die andere Seite erreicht hatte. Sonst würden die Polizisten nach 48 Stunden nach einem suchen.

Zwischen dem Northern Territory und Queensland gab es bessere Straßen. Aber die nächste davon begann noch einmal rund 460 km weiter den Stuart Highwart hinauf. Das war mir einfach zu viel.

Die körnig-sandige Piste des Plenty führte meist kerzengerade durch rostrote Ebenen, niedrige, sinusförmige Hügelländer mit Buschland, und war oft waschbrettartig gerillt, was üble Fahrgeräusche und knochenzerbröselndes Rattern erzeugte. Zeug am Beifahrersitz wanderte mit der Zeit nach vorn und fiel herrunter. Mehr als 50 km/h ging kaum.

Über das komische Phänomen, dass meine Armbanduhr und die des Autos zeitweise stillstanden, will ich nicht reden. Klingt schräg, war aber so. Und nie, nie, nie in den vielen Stunden war da ein anderes Auto.

Als der Himmel am Abend lila, dann grau wurde, hielt ich auf halber Strecke. Ich würde in der schrecklich still brüllenden Einsamkeit im Auto pennen. Ich aß etwas, trank warmes Bier, rauchte, machte ein paar schräge Fotos. Schnell war ich sehr müde. Und die warme, rotschwarze Hohlkugel des Outbacks schloss sich um mich.

Zeit zum Schlafengehen auf dem Plenty HighwayGreber

Es wurde finster und kühl. Kein Lüftchen geht. Am Himmel Myriaden Sterne. Kurz vor dem Eindösen, es ist totenstill, macht etwas dicht über mir „Peng!". Jemand, oder etwas, klopft aufs Dach. Mehrfach. Dann Schritte. Scharren. Etwas atmet da draußen.

Wieder ein blechernes „Peng". Ich friere ein, höre das Herz schlagen, ein Gummiring legt sich um den Hals, Schweiß tritt auf die Stirn. Mit einem Messer in der Hand stelle ich mich tot und starre in die Schwärze. Überlege, wie man im Notfall nach vorn ans Steuer springen und losfahren kann. Wenigstens sind die Türen versperrt. Fensterglas ist aber auch kein großer Schutz.

Aber nichts geschah. Ich beruhigte mich. Wurde fatalistisch. Fuck you! Nach etwa einer Stunde schlief ich dann ein.

Sehr früh am Morgen erwachte ich, als die Sonne das Auto aufheizte. Richtete mich vorsichtig auf und lugte hinaus. Nichts. Nur Busch. Und Rostrot. Ich drückte die Tür auf.

Da machte es „Shhhhhht". Wildhunde jagten unterm Auto hervor und verschwanden. Sie waren wohl in der Nacht aufs Dach gesprungen. Ich gönnte mir einen Morgenwhisky, spritzte Wasser ins Gesicht, düngte den Busch und fuhr Richtung Queensland davon.

Ach ja, das Schlammloch

Ach ja: Das Schlammloch bei William Creek. Ich rauchte also, hörte im Kopf „Beds Are Burning" von Midnight Oil, wo es gleich in der ersten Strophe heißt: „Holden wrecks and boiling diesels steam in forty-five degrees". (Hier ein Link zum Video)

Hm, aber kurz vorher war da wirklich abseits des Weges so ein Autowrack, ein blaues, es lag auf dem Dach im Sand zwischen einer Gruppe Desert Oaks (Wüsteneichen) und war ausgeschlachtet, die Achsen etwa fehlten.

Ich schnippte also gerade die erste Chesterfield weg und stellte mich auf eine längere Wartezeit ein, da brummte in der Ferne ein Motor. Ein Geländewagen kam heran. Ein Nissan Patrol. Der große Typ darin lachte. Und zog mich mit dem Abschleppseil heraus.

Nach dem Abschleppen. Danke, Mr. Nissan Patrol!Greber

Mitte Dezember 1991 hat mir dann so ein Rockertyp mit Bart, Flip-Flops und Sonnenbrille in Canberra den Holden abgekauft. Ich hatte den Wagen zuvor auf einer Car Fair angeboten und zudem in einer Zeitung inseriert. Der Kerl aus Perth in Westaustralien, irgendwie halt zufällig so in der Gegend, kam zur österreichischen Botschaft in der Talbot Street, gab mir das Geld und fuhr einfach so mit meinem Holden davon.

Schnüff!

Er ist dann mit meinem Holden weggefahren.Greber

Also, es sticht mir bis heute im Herz, dass ich meinen HK damals nicht nach Europa verschiffen hab' lassen. Ich hatte das sogar ernstlich anrecherchiert, es wäre nicht billig, aber leistbar gewesen. Und was für ein Exot wäre der 68er-Kingswood hierzulande! Well. Man war jung.

Bisweilen träume ich von jener Zeit. Die Bilder sind dabei oft rostrot.

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* 31 Meilen

>>> Zum Abschluss noch die Diashow

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2020, extended version)