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ORF-Schwerpunkt „75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“

„Diese monströse Geschichte“

„Anne Franks Wiener Stiefschwester“: Eva Geiringer (links im Bild) 1940 in Amsterdam.
„Anne Franks Wiener Stiefschwester“: Eva Geiringer (links im Bild) 1940 in Amsterdam.ORF
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Zum ORF-Schwerpunkt „75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“: Fritz Dittlbacher steuert seine erste Dokumentation bei, Robert Gokl porträtiert Anne Franks Stiefschwester, und Andreas Novak spricht über die „Verschwörung der Ignoranz“.

Für Fritz Dittlbacher ist es eine Premiere. Der ORF-Innenpolitiker, der bis 2018 Chefredakteur der TV-Information war, finalisiert gerade seine erste Dokumentation: „Wieder ein Mensch sein und nicht nur eine Nummer“ läuft am Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen, am 5. Mai, im Rahmen des ORF-Schwerpunkts „75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg“. Dokus über Mauthausen habe er schon viele gute gesehen, sagt Dittlbacher. Daher suchte der promovierte Historiker nach einem neuen Zugang – und wandte sich nicht nur den Gräueltaten zu (mehr als 100.000 Häftlinge wurden in Mauthausen ermordet), sondern vor allem den Menschen, die in dem kleinen Städtchen nebenan lebten und leben, die vom Lager teilweise profitierten und oft nichts wahrhaben wollten. Wie ist man nach dem Krieg mit dem Gedenken umgegangen? Oder mit dem Gefühl, „stellvertretend für das Land die Last der Geschichte schultern zu müssen“?

Noch heute hat es einen schalen Beigeschmack, wenn man bei der Frage nach der Adresse mit „Mauthausen“ antwortet. Dittlbacher kann verstehen, dass sich Menschen von „dieser monströsen Geschichte, dieser Mordindustrie der Nazis“ distanzieren: „Das ist eine sehr menschliche Reaktion.“ Deshalb habe er sich auf die Suche gemacht: Welchen Bezug haben die Menschen zu dieser, ihrer Geschichte?


Anne Franks Stiefschwester. Auf die Idee zur Mauthausen-Doku hat ihn Andreas Novak gebracht. Der Leiter der ORF-Zeitgeschichte hat ein Programmpaket für die Zeit von 29. April bis 13. Mai geschnürt für das u. a. sechs ORF-Neuproduktionen entstanden. Zum Auftakt läuft am Mittwoch „Anne Franks Wiener Stiefschwester – Das Mädchen, das überlebte“: Robert Gokl porträtiert Eva Geiringer, ein jüdisches Mädchen, deren Familie sich in Amsterdam mit den Franks anfreundete. Eva überlebte das KZ mit ihrer Mutter, die nach dem Krieg Anne Franks verwitweten Vater heiratete.

Eine „Menschen & Mächte“-Sondersendung am 6. Mai begibt sich auf eine zeitgeschichtliche Reise durch die Besatzungszonen und stellt die Frage, wie der Glaube an das „neue Österreich“ gewachsen ist. „Dass das eine Stunde null gewesen wäre, das ist ja die Lebenslüge der Republik. Vielleicht war das wirtschaftlich so, aber nicht mental“, sagt Novak. Was den Umgang mit Holocaust-Überlebenden betrifft, habe es eine „Verschwörung der Stille und der Ignoranz“ gegeben. „Leitmotiv unseres Schwerpunkts ist die Frage: Was hat dieser Krieg physisch und psychisch mit den Menschen gemacht? Dieses Kriegsende war eine Befreiung, der Aufbruch in die Freiheit – aber auch ein Aufbruch der Traumatisierten“, sagt Novak: „Die Seele vergisst nicht.“ Erinnerungen von KZ-Überlebenden sind ein wesentlicher Baustein. Aufgrund der Corona-Krise habe man auch auf Aufzeichnungen zurückgegriffen, mit denen der ORF seit Jahren die Erfahrungen von Zeitzeugen konserviert. „Ich mache das seit 1996“, sagt Novak, „da haben noch Leute gelebt, die 1934 beim Bürgerkrieg dabei waren“. Etwa 300 solche Interviews hat der ORF im Archiv.


Die Uroma im KZ. Zu einer Zeitzeugin hat Dittlbacher einen persönlichen Bezug: Seine Urgroßmutter hatte in Bad Ischl ein Wirtshaus, wo es nicht selten zu Streitereien, auch Prügeleien zwischen Ostmärkern und Piefkes kam. „Da ist meine Urgroßmutter immer wieder in die Mühlen der Justiz geraten“, erzählt er: „In den Akten kann man nachlesen, dass sie eine resche Person gewesen ist.“ Als man sie beim illegalen Organisieren von Fleisch erwischte und sie statt reuig vor den Richter zu treten den Gauleiter (den sie kannte) beschimpfte, landete sie im KZ. „Meine Urgroßmutter taucht immer wieder in meiner Doku auf – als ein Beispiel dafür, wie leicht man in diese Mühlen hineingeraten konnte, z. B. wenn man laut und jähzornig war. Das war nicht weit weg. Das hat in der Nähe stattgefunden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2020)