Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Amerikanische Soldaten und Matrosen werden im August 1945 auf Honolulu mit der Schlagzeile geweckt, dass Japan kapituliert habe.
Premium
75 Jahre Kriegsende

Zäsur 1945: Die globale Stunde null

Aus den Trümmern des kriegszerstörten Europa rauchte es noch, da wurden schon Pläne für die Neuordnung der Welt umgesetzt. Manche Strukturen gibt es bis heute, die Bipolaritätaber ist  verschwunden.

„Nie zuvor“, notierte Anne O'Hare McCormick, die für die „New York Times“ 1945 aus den europäischen Trümmerlandschaften berichtete, „hat es so viel Zerstörung, eine solche Auflösung der Existenzbedingungen gegeben.“ Nicht nur sie hatte den Eindruck, dass da ein Kontinent völlig verwildert und eine Zivilisation an ihrem Ende angelangt war. Alliierte Soldaten blickten dem Horror direkt ins Auge, als sie im Frühjahr 1945 die Tore zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern öffneten und ihnen drinnen zu Gerippen abgemagerte menschliche Wesen entgegentaumelten.

Aber jetzt war Nazi-Deutschland niedergekämpft, ermattet, zerstört, beschämt und vielfach voller Selbstmitleid. Gleich drei Mal hatten sich deutsche Vertreter formell den Alliierten ergeben: am 4. Mai den Briten in der Lüneburger Heide, am 7. Mai den Amerikanern in Reims und am 9. Mai den Sowjets in Berlin.

Überall in Europa bestanden viele Städte fast nur noch aus Ruinen, die Flüsse waren von eingestürzten Brücken verstopft, in den Häfen zerbombte Docks und Ebbe machten den Blick auf gesunkene Schiffe frei. 60 Millionen Europäer waren während des vorangegangenen über fünfjährigen Krieges entwurzelt worden. Allein im niedergerungenen Deutschland waren ein Viertel der Bewohner Flüchtlinge. Obdachlose, Vertriebene, ehemalige Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, abgerüstete oder desertierte Soldaten irrten traumatisiert durch rauchende Steinhaufen, verzweifelt auf der Suche nach Angehörigen, nach Nahrung oder etwas zum Anziehen.

Erstes Gebot: Überleben. Das Gebot der Stunde hieß: Überleben! Etwas zu essen, ein Platz zum Schlafen, Schutz vor Nässe und Kälte! Und auf der Hut sein vor der Welle der Plünderungen, Überfälle und Vergewaltigungen, die sich den Weg durch Städte und Dörfer bahnte. Aber das Leben sollte wieder aus diesen apokalyptischen Zuständen erwachen. Die Sehnsucht der Menschen nach Normalität, nach Überwindung der alltäglichen Gewalt und des sozialen Elends trieb sie dazu, die Trümmer wegzuräumen, Häuser und Brücken wieder aufzubauen und Wracks zu heben. Und sie brauchten eine neue politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung. Die Weichen dafür wurden aber woanders gestellt, vor allem in Washington und in Moskau.