Aufstieg und Fall des VW-Managers Peter Hartz werden ab Mittwoch vor Gericht verhandelt.
Berlin. Tiefer kann der Fall von den lichten Höhen gesellschaftlicher Anerkennung in die halbseidene Rotlichtwelt nicht sein: Der Schwurgerichtssaal des Landgerichts Braunschweig verströmt die verschwitzte Patina eines Turnsaals, der Französische Dom am Berliner Gendarmenmarkt die Aura der Historie. Die beiden Orte markieren Tief- und Höhepunkt in der Bilderbuchkarriere des ehemaligen VW-Managers Peter Hartz, der sich ab Mittwoch wegen schwerer Untreue mit einem Schaden von 2,6 Mio. Euro vor Gericht verantworten muss.
Den 65-Jährigen erwartet in dem auf zwei Tage anberaumten Prozess eine Haftstrafe auf Bewährung samt hoher Geldstrafe. Kiebitze, die nach saftigen Episoden aus dem Intimleben deutscher Spitzenmanager heischen, kommen nicht auf ihre Kosten. In einem Deal mit der Staatsanwaltschaft hat sich Hartz - ein ehemaliger Ministrant aus dem Saarland und Zusteller der Missionspostille "Stadt Gottes" - ausbedungen, dass die Brasilianerin Joselia R. und ihre Kolleginnen nicht als Zeugen vor Gericht vorstölzeln. Das Verfahren soll sich nicht unnötig in die Länge ziehen - und Hartz will sich und seiner Familie weitere Peinlichkeiten ersparen.
Noch 2002 hätte Gerhard Schröder jenen Mann am liebsten in sein Regierungsteam berufen, der der Arbeitsmarktreform seinen Namen gegeben hat. Mit großem Brimborium und einem Staatsakt gleich präsentierten die beiden Duz-Freunde ein Programm, das die Arbeitslosigkeit in Deutschland halbieren sollte: "Die Bibel für den Arbeitsmarkt". Es sollte anders kommen. "Peter der Große" war in Ferdinand Pi«chs VW-Imperium unabkömmlich. "Unser bester Mann", titulierte der VW-Chef und spätere Aufsichtsratsvorsitzende den Personalvorstand.
Vor Hartz IV (der Fusion von Arbeitslosen- und Sozialhilfe) und dem "Ein-Euro-Job" hatte der kreative Kopf in der Wolfsburger Konzernzentrale bereits die Viertagewoche oder das Programm "5000 x 5000" (Einstellung von 5000 Arbeitern für 5000 D-Mark) aus der Taufe gehoben. "Ich mach euch alle reich", versprach er. Als deklarierter Sozialdemokrat und Mitglied der Gewerkschaft IG-Metall saß der Vorzeigemanager an der Schaltstelle zwischen Management und Betriebsrat. Dass er zugleich den Betriebsrat und dessen Chef Klaus Volkert mit Betriebsausflügen in Bordelle und mit verschwenderischen Sonderzahlungen an Volkert und dessen Geliebte bei Laune hielt, nahm Hartz auf die eigene Kappe - sehr zur Erleichterung Pi«chs. "Menschlich tragisch" findet der das heute.
Manche Insider können sich nach wie vor nicht so recht vorstellen, dass der allmächtige VW-Boss von den Machenschaften nichts gewusst hat. Die Ermittler äußerten ihre Zweifel - vergebens. Der passionierte Dressurreiter Hartz wird nach dem Urteilsspruch vorbestraft in seine kleine saarländische Welt zurückkehren und letzten Schliff anlegen an seiner Autobiografie "Macht und Ohnmacht", die im März erscheinen soll und in der er seinen Aufstieg und Fall für die Nachwelt zurechtrückt - ähnlich übrigens wie Gerhard Schröder mit seinen Memoiren. Nur, dass der jetzt nichts mehr von seinem Kumpel wissen will.