Sechs Sikhs, von der Anklage als "streng radikal" eingestuft, haben sich nach dem Tempel-Attentat wegen Mordes und Mordversuchs zu verantworten. Das Attentat galt den indischen Gurus Rama Nand und Niranjan Dass.
WIEN. Die Hitze – und ein beachtliches Aufgebot an Sicherheitskräften haben den Großen Schwurgerichtssaal fest im Griff: Gegenstand des Geschworenenprozesses im Wiener Straflandesgericht ist der blutige Anschlag auf einen Tempel der Ravidass-Gemeinde im 15.Bezirk, Pelzgasse17. Sechs streng religiöse Sikhs teilen sich die Anklagebank, ihrem Glauben folgend tragen sie allesamt Bärte. Und Turbane – einer ist weiß, einer schwarz und vier sind leuchtend orange. Die Vorwürfe wiegen schwer (und sind mit bis zu lebenslanger Haft bedroht): Mord und Mordversuch.
Das Attentat vom 24. Mai 2009 galt den indischen Gurus Sant Rama Nand (er wurde erschossen) und Sant Niranjan Dass (er wurde – so wie auch der Prediger Kishan Pal – schwer verletzt). Das Motiv ergab sich offenkundig aus einem Zusammenprall verschiedener Glaubensrichtungen. Die beiden Gurus (Oberhäupter einer eher liberalen Strömung) hatten sich auf einer dem Gebet gewidmeten Europa-Rundreise befunden. Sie hatten in dem Wiener Tempel neben dem Heiligen Buch (Inbegriff aller irdischen Weisheit) Platz genommen und hatten sich somit auch im übertragenen Sinne auf eine Stufe mit diesem gestellt – ein Frevel in den Augen vieler strenggläubiger Sikhs.
Dem Hauptangeklagten, Jaspal Singh, wird nun zur Last gelegt, sieben Schüsse auf die Opfer abgefeuert zu haben (die Mitangeklagten sollen ihm mit ihren Dolchen gleichsam den Rücken freigehalten haben). Doch da der 35-Jährige von den im Tempel anwesenden Gläubigen selber schwer am Kopf verletzt wurde, kann er sich – so behauptet er – an nichts mehr erinnern. Daher gestalten sich jene Dialoge, die Prozessleiterin Susanne Lehr gerne führen würde, ebenso mühsam wie inhaltslos. Die Richterin: „Warum haben Sie Indien verlassen?“ Der Angeklagte: „Ich kann mich nicht erinnern.“ Richterin: „Sie waren hier im Spital.“ Angeklagter: „Als ich aufgewacht bin, habe ich gedacht, ich bin in Indien.“ Richterin: „Woran haben Sie überhaupt noch Erinnerung?“ Der Angeklagte – er ist so wie die Mitangeklagten illegal nach Österreich eingereist, hat einen Asylantrag gestellt und als Zeitungszusteller gearbeitet – sagt nun: „Ich träume manchmal, dass ich Zeitungen austeile.“ Näheres wisse er nicht. Nur so viel: „Ich bin ganz durcheinander.“
Dass er Sikh sei, wisse er. Den Tempel im 15.Bezirk, den kenne er nicht. Und das Attentat: Davon sei ihm erzählt worden. „Für mich ist das eine Geschichte.“ Doch es fanden sich Schmauchspuren an der Hand von Jaspal Singh (Verteidiger: Josef Phillip Bischof), und so sei es „sehr wahrscheinlich, dass Sie die Schüsse abgegeben haben“, sagt die Richterin. Wieder wartet alles auf die Übersetzung der Indisch-Dolmetscherin, die Antwort des schlanken, vornübergebeugt dasitzenden, leise sprechenden Angeklagten fällt ernüchternd aus: „Mein Herz sagt mir, ich kann niemanden umbringen.“
Inwieweit der mutmaßliche Schütze tatsächlich seinem Herzen folgen muss und inwieweit seine schweren Gedächtnislücken möglicherweise nur vorgeschoben sind, bleibt unklar. Immerhin bescheinigt ihm die Sachverständige für Psychiatrie und Neurologie, Gabriele Wörgötter, dass ein Verlust der Erinnerung wegen der erlittenen Schädel-Hirn-Verletzungen für einen gewissen Zeitraum nachvollziehbar sei.
Urteile erst im September
Die Verteidigerin der fünf Mitangeklagten, Alexia Stuefer, beklagt, dass sich die Staatsanwaltschaft „alter Klischees“ von religiösen Fanatikern bediene. Die fünf Männer würden sich „nicht schuldig“ bekennen. Auf deren Dolchen seien kaum Spuren gefunden worden, die auf einen Angriff auf die Ravidass hindeuteten.
Die Verhandlung wird heute, Dienstag, mit den Einvernahmen der Angeklagten fortgesetzt. Die Urteile sind frühestens Ende September zu erwarten.
AUF EINEN BLICK
■Sechs aus Indien stammende Männer sind nach dem Anschlag auf einen Tempel der Ravidass-Gemeinde (24.5.2009) des Mordes und des Mordversuches angeklagt. Der mutmaßliche Schütze – er wurde selber schwer verletzt – will sich an das Attentat nicht erinnern können. Die Urteile sollen Ende September ergehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2010)