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Rezension

"Altlasten": Gefährliche Erreger in der Prärie

(c) PD
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Sara Paretsky legt mit „Altlasten“ einen großartigen und durch Zufall brandaktuellen Krimi rund um egomanische Wissenschaftler und irre „America First“-Epigonen vor.

Sara Paretsky muss man normalerweise nicht vorstellen, zumindest nicht den älteren Krimi-Fans. Immerhin schreibt die amerikanische Autorin seit mittlerweile fast 40 Jahren, eine ganze Generation von Lesern – und vor allem Leserinnen – wurde von ihr für das Genre angefixt und ist mit ihren Büchern aufgewachsen. Nachdem Paretsky wegen der starken Krimi-Konkurrenz in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit geraten war, wurde sie 2018 vom innovativen Hamburger Argument Verlag und dessen umtriebiger Chefin Else Laudan aus der Mottenkiste geholt – mit großem Erfolg. „Kritische Masse“ schoss aus dem Stand auf den ersten Platz der deutschen Krimibestenliste. 

Dass das keine Spätwerk-Eintagsfliege war, beweist Sara Paretsky jetzt mit „Altlasten“ – noch besser gelungen als „Kritische Masse“ und trotz 540 Seiten durchgehend packend. Bereits 2017 im Original („Fallout“) entstanden, ist der Krimi rund um gefährliche Viren durch Zufall auch noch brandaktuell. 

Paretskys unerschütterliche Heldin V. I. Warshawski verschlägt es diesmal aus ihrem angestammten Biotop Chicago nach Kansas, wo die Prärien weit und die Kleinstädte in jeder Hinsicht eng sind. Warshawski ist auf der Suche nach zwei Vermissten – einer älteren Schauspielerin und einem jungen Filmemacher. Die findet sie nicht, dafür aber dubiose Armeeangehörige, korrupte Sheriffs, egomanische Wissenschaftler und rabiate „America First“-Epigonen. 

Sara Paretsky: Altlasten. Übersetzt von Laudan & Szelinski, Ariadne im Argument Verlag, 540 Seiten, 24,70 Euro

Bald stapeln sich die Leichen rund um die ebenso hartnäckige wie vorlaute Privatdetektivin und ihre Hündin Peppy, die lokalen Gesetzeshüter erweisen sich mehr als Hindernis denn als Hilfe. Der Kleinstadtfunk läuft zu Hochform auf, bald weiß jeder alles über jeden Schritt Warshawskis – oft noch bevor sie ihn getan hat. 

Die wichtigen Dinge allerdings erzählt man ihr nicht. Warum etwa jemand versucht, die ohnedies weggetretene Tochter des Wissenschaftler Nathan Kiel umzubringen? Oder warum eine Großmutter hysterisch-aggressiv reagiert, sobald ihre verwaiste Enkelin nur nach dem Namen ihres möglichen Vaters fragt? Hilfe und Hinweise bekommt Warshawski schließlich von einem losen Netzwerk aus alten und jungen, schwarzen und weißen Frauen. 

In der Tradition des amerikanischen Noir

„Altlasten“ ist ein Krimi in der allerbesten Tradition des amerikanischen Noir, für den Dashiell Hammett oder Raymond Chandler Pate gestanden haben könnten. Das liegt erstens an Paretskys lässiger und schlagfertiger Sprache, an ihren lakonischen Beschreibungen, etwa die eines erstaunlich durchtrainierten Computerspezialisten: „Troy Hampel sah aus, als könnte er ukrainische Hacker in seine Suppe bröseln wie Cracker.“

Paretsky entfaltet mühelos eine vielschichtige und komplizierte Geschichte, behält alle Fäden straff in der Hand. Und wie bei den Großmeistern des düsteren Krimi-Fachs finden sich auch hier die Antworten auf die größten Rätsel in den kleinsten Strukturen. Hass und Rache gedeihen nirgendwo besser als in Familien, unter verschmähten Liebhabern, entfremdeten Kindern oder ausgetricksten Ehepartnern. Und je länger diese Animositäten gären können, umso explosiver ist der „Fallout“. Diesen Originaltitel sollte man beim Lesen von „Altlasten“ immer im Kopf behalten.