Die "Sensengasse" ist wieder in Vollbetrieb: An jenen Leichen, bei denen der Staatsanwalt ein Verbrechen vermutet, können nun wieder Obduktionen in der Sensengasse durchgeführt werden.
WIEN. Daniele Risser ist schon ein bisschen stolz. Als Leiter des neuen Departments für Gerichtsmedizin in der (einst weltbekannten) Sensengasse, 9. Bezirk, führt er am Dienstag durch „sein“ Haus. Der große Wurf, nämlich der Neubau, ist bisher wegen Differenzen zwischen der Medizin-Uni und der Stadt Wien zwar nicht zustande gekommen, doch ist zumindest ein Etappenziel erreicht: Um eine Million Euro aus Mitteln der Medizin-Uni wurde aus der sanierungsbedürftigen Gerichtsmedizin eine kleinere, kompaktere – aber eben runderneuerte – Abteilung.
An jenen Leichen, bei denen der Staatsanwalt ein Verbrechen vermutet, können nun wieder Obduktionen in der Sensengasse durchgeführt werden. Ein Ausweichen auf Gemeindespitäler oder gar in Container am Zentralfriedhof ist nicht mehr notwendig. 300 bis 400 staatsanwaltlich angeordnete Obduktionen pro Jahr sollen es werden.
Der größere Brocken, nämlich die der Stadt Wien unterstehenden sanitätspolizeilich angeordneten Leichenöffnungen (etwa bei Verdacht auf eine Vergiftung durch defekte Heizanlagen) wird sehr wohl in den Spitalspathologien bearbeitet. 2007 hatte die Stadt diese Obduktionen, damals waren es etwa 1500 pro Jahr, der Sensengasse entzogen. Er wünsche sich aber, dass die Stadt wieder „ins Boot“ komme, erläutert Med-Uni-Rektor Wolfgang Schütz. Man werde ein entsprechendes Angebot unterbreiten. Klar ist: Kehrt die Stadt zurück, muss das Department ausgebaut werden. Und dafür müssten freilich auch Mittel aus dem Stadtbudget fließen.
„Lehre, Forschung garantiert“
„Ich bin zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird“, sagt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (VP). Und hofft auf das Verhandlungsgeschick von Schütz. Ihre eigenen Hausaufgaben habe sie durch die Wiederaufnahme des Obduktionsbetriebes vorerst gemacht: „Lehre und Forschung sind wieder garantiert. Und somit die Ausbildung der Studierenden.“ Indessen wartet Risser im Hintergrund darauf, seinen Arbeitsplatz der Presse zu präsentieren.
Los geht es auf einer Rampe, über die die Leichen in Säcken angeliefert werden. Zerstückelte Leichen, verweste Leichen und so weiter. Der erste Akt: Anfertigen eines Porträtfotos der Leiche. Diese landet dann in einem Kühlraum. So wie Risser das erklärt, klingt das fast ein bisschen nach Beherbergungsbetrieb: „Wir haben 32 Liegeplätze.“
Danach stehen zwei Obduktionstische, einer mit Mikroskop („Wenn wir uns auf Fremdkörpersuche machen“) zur Verfügung. Nach der Obduktion kommt die Leiche in einen Sarg und wird wieder gekühlt. Zur Beerdigung freigegeben wandert die Leiche durch einen (für Angehörige gedachten) „Verabschiedungsraum“, ehe sie von Bestattern abtransportiert wird. Dass dieser „Verabschiedungsraum“ auch für Pressekonferenzen geeignet ist, dürfte auch Risser neu gewesen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2010)