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Aus für Baselworld? Luxusuhren-Hersteller wie Rolex oder Patek Philippe kehren der weltgrößten Uhrenmesse den Rücken.
Aus für Baselworld? Luxusuhren-Hersteller wie Rolex oder Patek Philippe kehren der weltgrößten Uhrenmesse den Rücken.(c) REUTERS (Arnd Wiegmann)
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Uhrenmarken stemmen sich gegen die Coronakrise mit drastischen Einschnitten und setzen auf bewährte Trends. Zeitgleich wird die einst größte Uhrenmesse der Welt ins Abseits katapultiert. Es rumort gewaltig.

Was noch vor Monaten undenkbar war, ändert sich in der Coronakrise im Stundentakt: Messen werden abgesagt, komplette Manufakturen stehen still und große unabhängige Marken wie Rolex und Patek Philippe überlegen, ihre neuen Uhren erst 2021 zu präsentieren. Doch es gibt auch virale Lebenszeichen: Breitling-CEO Georges Kern schlendert in einem Webcast für Journalisten durch ein menschenleeres Zürich, um dann in einer Boutique in bewährter Verkaufsmanier Neuheiten vorzustellen. Da runter die Reedition der "Chronomat"-Kultlinie aus den 1980er-Jahren. Die Lust an Uhrendesigns von anno dazumal hält also an. Diese bedient auch die Swatch Group bei ihren neuen Modellen und setzt weiters auf Bestseller-Farbtrends wie etwa blaue oder grüne Zifferblätter. Doch sie bekennt auch anders Farbe: Konkret hat der Bieler Konzern in seinen Werken, Büros und Läden Kurzarbeit eingeführt, die fixen Honorare des Verwaltungsrats um 30Prozent gekürzt und die Dividenden verringert. Insgesamt reduziert sich die Ausschüttung der Swatch Group damit um rund 31 Prozent oder knapp 300Millionen Franken. Allerdings würde sich, so Nick Hayek, Präsident der Konzernleitung, der Uhrenverkauf in China bereits normalisieren, und für April wird wieder ein Umsatz auf Vorjahresniveau erwartet. Ähnlich stellt LVMH als weltgrößter Luxusgüterkonzern fest, dass in China seit Anfang April wieder ein steigender Absatz festzustellen sei, und laut Georges Kern ist bei Breitling der Umsatz in den ersten vier Wochen nach dem Ende des Lockdown im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent gestiegen.

Umbruch. Dennoch, die Nerven liegen blank. Mitte April verlauten fünf Luxusuhrenmarken gemeinsam, nicht mehr auf der Baselworld 2021 auszustellen. Nach über 80 Jahren Teilnahme von Rolex hat deren CEO Jean-Fr d ric Dufour beschlossen, "trotz der großen Verbundenheit mit dieser Uhrenmesse sich von ihr zurückzuziehen". Der sonst so Verschwiegene verkündet damit ein drastisches Urteil. Mehr noch. Rolex, die weltweit wichtigste Uhrenmarke, initiiert eine Alternativveranstaltung und überzeugt weitere Partner teilzunehmen. Gemeint sind neben der Schwesternmarke Tudor auch Patek Philippe, Chopard und Chanel, allesamt familiengeführte Unternehmen, die sich erlauben können, unabhängige Entscheidungen schnell zu treffen. Nun planen die Big Five einen neuen Uhrensalon in Genf für Anfang April 2021. Und zwar in Kooperation mit der Fondation de la Haute Horlogerie (FHH). Das ist umso erstaunlicher, da die FHH primär von deren größtem Mitbewerber, dem Richemont-Konzern mit Marken wie Cartier, Jaeger-LeCoultre, IWC, Montblanc etc. unterstützt wird und jährlich den noblen Genfer Uhrensalon ausrichtet.

Der Uhrenverkauf in China normalisiert sich wieder.

Patek-Philippe-Präsident Thierry Stern begründet seinen Rückzug damit, "die Visionen der Baselworld nicht mehr zu teilen. Es gab zu viele Diskussionen und ungelöste Probleme, das Vertrauen ist nicht mehr vorhanden." Das ist noch vornehm ausgedrückt. In Wahrheit wettern viele Aussteller seit Jahren gegen die Messeleitung. Der Vorwurf: Arroganz und Gier. Schon 2019 zog sich wegen überhöhter Messepreise und geringem Service Nick Hayek mit seinem Swatch-Group-Konzern aus Basel zurück. Über 150 Hersteller folgten dem Beispiel. Nur wenige Ankermarken wie eben Rolex und Patek Philippe hielten die Stellung, zumindest bis die Messeorganisatoren Anfang April mitteilten, 15 Prozent der bereits gezahlten Ausstellerbeiträge für eigene Ausgaben der abgesagten Messe einzubehalten. Die Gemüter kochten hoch, doch Messe-Chef Michel Loris-Melikoff blieb hart: "Es ist nicht Aufgabe der Baselworld, Firmen zu sanieren." Die Big Five stiegen wie erwähnt aus.

Nahes Ende. Prompt folgte am 17. April der nächste Exodus. Auch der Luxusgigant LVMH mit seinen Uhrenmanufakturen Hublot, Zenith, Bulgari und Tag Heuer sagte seine Baselworld-Teilnahme für 2021 ab. Noch hofft die Messeleitung, sich mit Edelstein- und Schmuckausstellern irgendwie retten zu können. Doch die Organisatoren haben sich schon die letzten Jahre zu oft überschätzt und nicht auf Insider gehört. Diese prophezeien fast unisono das Aus der Schmuck- und Uhrenmesse in Basel nach 103 Jahren.

 

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 30.04.2020)