Iran-USA: Spionagekrimi um Atomphysiker

(c) APA

Ein verschollener iranischer Atomphysiker tauchte wieder auf: in den USA. Die Geschichte rund um Shahram Amiri hätte alle Ingredienzen für einen guten Politthriller.

Wien/Washington. Ein iranischer Atomwissenschaftler, der ein Jahr lang verschollen ist, eine Entführung während der Hadsch, der US-Geheimdienst CIA und mehrere unter mysteriösen Umständen entstandene Videos: Die Geschichte rund um Shahram Amiri hätte alle Ingredienzen für einen guten Politthriller.

Was davon wahr ist, wird man möglicherweise nie zur Gänze erfahren. Sicher scheint vorerst nur: Amiri ist wieder aufgetaucht. Mitten in der US-Hauptstadt Washington DC. Er suchte am Montag Zuflucht in der pakistanischen Botschaft, die die iranischen Interessen in den USA wahrnimmt, da Teheran und Washington ihre Beziehungen 1979 abgebrochen haben. Der Iran treffe bereits Vorbereitungen, um Amir so schnell wie möglich heimzuholen, bestätigten pakistanische Diplomaten.

Begonnen hat alles im Juni 2009: Der Nuklearphysiker Shahram Amiri, der laut Regimegegnern aus dem Dunstkreis der Volksmudschaheddin in das Atom(waffen)programm seines Landes involviert ist, begibt sich auf die Hadsch, die Pilgerfahrt. In der heiligen Stadt Medina verliert sich seine Spur. Die saudischen Behörden bestätigen zwar Amiris Einreise, nicht aber seine Ausreise, wohin auch immer.

 

Propagandasieg für den Iran

Monate später erhebt der Iran schwere Anschuldigungen gegen Washington: Die USA hätten Amiri entführt. Teheran wirft Saudiarabien Komplizenschaft vor. Dann ist ein halbes Jahr Funkstille, bis im März der US-Sender ABC aus Geheimdienstkreisen erfahren haben will, dass Amiri übergelaufen sei und den USA wertvolle Informationen über Irans Atomprogramm geliefert habe.

Die Propagandaschlacht ist in vollem Gang: Kurz hintereinander tauchen zwei Videos auf. Beide zeigen angeblich Amiri, doch der Inhalt könnte unterschiedlicher nicht sein: Im qualitativ schlechteren ersten sagt ein Mann in dunklem T-Shirt, er sei von den Geheimdiensten der USA und Saudiarabiens entführt und gefoltert worden. Man habe ihm eine Injektion verpasst, beim Erwachen sei er in einem Flugzeug Richtung USA gewesen. Im anderen sagt ein ähnlich aussehender Mann in Sakko und noblem Ambiente, er sei aus freien Stücken in Tucson, Arizona, und mache sein Doktorat.

Mit einem der beiden Videos ist etwas faul. Von US-Seite hieß es, wäre Amiri tatsächlich entführt worden sein, könnte er schwerlich eine Aufnahme produzieren und in Umlauf bringen. Schließlich erscheint ein drittes Video, in dem es heißt: „Ich, Shahram Amiri... bin vor wenigen Minuten US-Agenten in Virginia entkommen.“

Und nun C. Doch wie kam Amiri dorthin? Wurde er tatsächlich von den US-Behörden an die iranische Interessenvertretung übergeben, wie iranische Medien berichteten? Oder war er „aus freien Stücken“ in den USA und kehrt jetzt ebenso freiwillig wieder in den Iran zurück, wie ein US-Regierungsvertreter sagte? In jedem Fall ist es ein Propagandasieg für Teheran.

 

Wie wertvoll war Amiri?

Bleibt die Frage, wie wertvoll Amiri für die CIA war, sollte er tatsächlich „ausgequetscht“ worden sein: Irans Atomprogramm ist fragmentiert aufgebaut, damit einzelne Überläufer nicht zu viel verraten können. Der Physiker lehrte vor seinem Verschwinden an der Malek-Ashtar-Universität. Diese steht in Verbindung mit den Revolutionsgarden, die das Atomprogramm kontrollieren. Zudem behauptet eine oppositionelle Internetseite, Amiri habe auch in der geheimen Urananreicherungsanlage bei Qom gearbeitet. Drei Monate nach seinem Verschwinden wurde deren Existenz aufgedeckt, doch das beweist noch nichts.

Derzeit kann man sich nur auf eines verlassen: Das Werfen von Nebelgranaten im Fall Amiri wird munter weitergehen.