Geschichte

Früherer US-General und RAF-Opfer Frederick Kroesen tot

Der Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa und seine Frau waren im September 1981 in Heidelberg Ziel eines spektakulären Anschlags mit einer Panzerfaust und Schnellfeuerwaffen gewesen.

Es war einer der spektakulärsten Anschläge der westdeutschen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF): Am 15. September 1981, einem Dienstag, griff ein Killertrupp der RAF in der alten süddeutschen Universitätsstadt Heidelberg (Baden-Württemberg) gegen 7 Uhr 20 in der Früh ein Auto an, das gerade vor einer roten Ampel wartete und in dem der Oberkommandierende der US-Armee in Europa, General Frederick James Kroesen, und seine Frau Rowena zum Zahnarzt fuhren.

Ein Hohlladungsgeschoss aus einer Panzerfaust des sowjetischen Typs RPG-7 traf den Dienstwagen rechts hinten und beschädigte ihn schwer, zudem wurde er aus Sturmgewehren und/oder Maschinenpistolen beschossen.

Kroesen, damals 58 Jahre alt, und seine Frau hatten enormes Glück: Sie wurden nur leicht verletzt, bluteten, und nach einigen Schrecksekunden stieg der Fahrer aufs Gas. Der Wagen war übrigens ein gepanzerter Mercedes 450.

Der beschädigte Mercedes des Generals.US Army/Stars and Stripes

Nun, viele Jahre später, ist General Kroesen tot: US-Militärmedien berichteten am Dienstag, dass der hochdekorierte Offizier bereits am 30. April nach langer Krankheit im gesegneten Alter von 97 Jahren gestorben ist. Über den Ort war vorerst nichts bekannt, das Ehepaar hatte sich aber in der Pension in den Staat Virginia zurückgezogen.

„Einer der großen Heerführer"

Der Präsident der Association of the United States Army, der pensionierte General Carter Ham, zuletzt bis 2013 Chef des US Africa Command, nannte Kroesen in einem Nachruf „das Gewissen unserer Armee"; er sei „weise, fürsorglich und selbstlos" gewesen. Einer der „großen Armeeführer, den man gewiss vermissen" werde.

Tatsächlich hatte Kroesen bis zu seiner Pensionierung 1983 eine klassische militärische Karriere inklusive massiver, teils brutaler Kampferfahrungen gemacht. Seine Vorfahren waren vor Jahrhunderten aus den Niederlanden in deren nordamerikanische Kolonie Nieuw Nederland im Nordosten der heutigen USA gezogen. Diese 1624 gegründete Kolonie umfasste unter anderem Nieuw Amsterdam, das heutige New York, wurde 1664 im Handstreich von englischen Truppen erobert und 1667 im Frieden von Breda an England abgetreten.

Einer der Vorfahren General Kroesens, Johannes Kroesen, kämpfte als Fähnrich einer Miliz in Pennsylvania im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775 bis 1783.

Frederick J. Kroesen wurde 1923 in Phillipsburg, New Jersey geboren. 1944 machte er einen Bachelor-Abschluss in Landwirtschaftskunde und absolvierte die Schule für Infanterieoffiziersanwärter in Fort Benning (Georgia), worauf er nach der Landung der Westalliierten in der Normandie nach Europa verlegt wurde.

Winterschlacht am „Westwall" und im Elsass

Er kam zum 254. Regiment der 63. US-Infanteriedivision. Deren erste Einheiten waren Dezember 1944 in Marseille in Südfrankreich angekommen, zogen nach Norden ins Elsass und nach Lothringen. Die Divison überschritt im Februar 1945 die Saar nach Deutschland hinein und geriet an der „Siegfried-Linie" (bzw. „Westwall"), dem Verteidigungssystem in der dicht bewaldeten, verschneiten und schwer befahrbaren Grenzregion, in schwere Kämpfe.

US-Soldaten zwischen Sperranlagen des Westwalls.US Military/Public Domain

Die 63. Inf.-Division kämpfte sich zum Rhein durch, eroberte am 30. März Heidelberg, stieß nord-, west- und südwärts nach Baden-Württemberg, Hessen und Bayern, bis sie Ende April erschöpfungsbedingt aus dem Kampf genommen und zur Hinterlandsicherung abgezogen wurde.

Kroesen führte einen Zug Infanterie (30 bis 40 Mann), später eine Kompanie (120 bis 150 Mann). In besonders heftige Kämpfe geriet er Jänner/Februar 1945 beim „Brückenkopf Elsass" im Raum Colmar, wo deutsche Truppen eine überraschende Gegenoffensive mit mäßigen Geländegewinnen im Elsass ("Untenehmen Nordwind") lanciert hatten. Nicht weniger brutal und vor allem angesichts des Wetters auslaugend waren die folgenden wochenlangen Kämpfe an der Siegfried-Linie.

Deutscher "Panther" bei der kurzlebigen Gegenoffensive "Unternehmen Nordwind" im Elsass, Jänner 1945.Bundesarchiv

In einem Interview von 1998 sagte Kroesen, dieser Winterkrieg habe die Männer auf eine „tierische Existenz" gedrückt. Auch hinsichtlich des Sanitären: „Ich hab mich einmal im Dezember geduscht und dann lange nicht mehr, das nächste Mal war irgendwann im März."

Tour durch Korea und Vietnam

Im Koreakrieg (1950-53) war Kroesen im 187. Luftlanderegiment, das dort Fallschirmlandungen auch im Gefechtsverbund durchführte. Während des Vietnamkriegs befehligte er unter anderem eine Brigade leichter Infanterie und später die komplette 23. Infanteriedivison.

Nach Zwischenpositionen auf Divisions- und Korpsebene auch bereits in Deutschland kam Kroesen 1979 an die Spitze der U.S. Army Europe (USAREUR) und zugleich der 7. US-Armee mit Hauptquartier Heidelberg, deren Einheiten in Mittel- und Süddeutschland standen.

General Kroesen, Chef der US-Armee in Europa von 1979 bis 1983.U.S. Army

Der Anschlag der RAF im September 1981 fand in der Nähe des heute nicht mehr existenten Karlstorbahnhofs auf der Bundesstraße am Ostrand der schmucken Stadt Heidelberg (heute rund 160.000 Einwohner) am Fluss Neckar statt, siehe hier eine ungefähre Verortung.

Nur knapp verfehlt

Kroesen und seine Gattin Rowena hatten enormes Glück, weil die von hinter dem Wagen abgefeuerte RPG-Granate nicht die Heckscheibe oder eine der Seitenscheiben traf, sondern zu niedrig daherkam, wegen des sehr flachen Anflugwinkels vom Kofferraumdeckel abgelenkt wurde, in die rechte C-Säule der Karosserie schlug und ihr Strahl kalt geschmolzenen Metalls die Insassen knapp verfehlte.

>>> Link zu einem Bild der Einschlagstelle

Eine zweite Granate kam ebenfalls zu tief und traf Asphalt knapp hinter dem Mercedes. Hätte eines der Geschosse die Fenster hinten durchschlagen, wären die Kroesens ziemlich sicher sofort tot gewesen.

Vor etwa zehn Jahren hatte sich ein Mann, der kurz nach dem Überfall der RAF zum Anschlagsort gestoßen war, im Gespräch mit dem „Mannheimer Morgen" erinnert. Viktor Baumgärtner war seinerzeit Kriminalpolizist und Anfang 40, als er in der Nähe des Anschlagsorts per Funk die Meldung vom Überfall erhielt. Man habe geahnt, dass so etwas passieren werde, sagte er 2011, als 72-Jähriger, zu der Zeitung. Es hatte schon seit 1980 Hinweise darauf gegeben, nachdem Fahnder in Heidelberg in einer konspirativen Wohnung entsprechende Pläne entdeckt hatten, die unter anderem einen gewissen „Krö." als Ziel nannten. Das legte nahe, dass der Chef von USAREUR gemeint war.

Zeugen des Anschlags berichteten Baumgärtner vor Ort und er fuhr mit seinem Auto instinktiv in jene Richtung, wohin die mindestens zwei Attentäter tatsächlich geflohen waren, nämlich auf den Schlossberg und hinein in Waldwege. Er wurde aber unterwegs zurückbeordert. Später fand man in der Gegend den ersten Fluchtwagen, einen Audi 80, den die Verbrecher dort gegen einen anderen getauscht hatten.

Mohnhaupt und Klar

Am Abend bekannte sich das RAF-Kommando „Gudrun Ensslin" zu der Tat. Es bestand zumindest aus den berüchtigten Linksextremisten Brigitte Mohnhaupt (heute 70) und Christian Klar (67), Schlüsselfiguren der RAF und an mehreren Morden zuvor beteiligt, etwa an Bankier Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Dass es mehr Beteiligte gegeben haben könnte, deuteten Funde an, die man in einem nahen Waldstück machte und die zeigten, dass die Terroristen dort zuvor übernachtet hatten. So fand man dort nämlich vier Schlafsäcke; Fingerabdrücke führten indes nur zu Klar und Mohnhaupt.

Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt auf Fahndungsfotos von damals.Bundespolizei

Das Attentat auf den General wurde damit begründet, dass er einer jener Generäle sei, die „die imperialistische Politik von Westeuropa bis zum Golf real in der Hand haben". Er und seine Frau überlebten wie gesagt leicht verletzt mit einigen Schnittwunden. Rowena Kroesen ging kurz danach sogar wie geplant zum Zahnarzt.

Anstifter in der DDR?

In dem Wald oberhalb des Attentatsortes war unter anderem auch ein leeres RPG-Startrohr gefunden worden. Panzerfäuste dieser Art wurden an sich in allen Ostblockstaaten und dem Kommunismus sonst nahestehenden Ländern benutzt und waren auch auf dem illegalen Markt, bei Freischärlern, Rebellengruppen etc. vorhanden.

Kämpferin der syrischen Kurdenmilizy YPG mit RPG-Panzerfaust.Kurdishstruggle/CC BY 2.0

Es gab indes Vermutungen, dass die konkret benutzte Waffe aus der DDR gekommen sei; dort war Klar um 1980 herum im Geheimen militärisch geschult und wohl auch an RPGs ausgebildet worden. In den 1990ern strengte die deutsche Justiz Ermittlungen gegen mehrere Mitarbeiter der ostdeutschen Staatssicherheit und deren Chef, Erich Mielke (1907-2000), an, unter dem Verdacht der Beihilfe zum Anschlag auf Kroesen. Die Bundesanwaltschaft stellte die Ermittlungen aber 1994 wegen zu vieler Widersprüchlichkeiten und Unklarheiten ein.

Immerhin wurden zuvor vier Personen wegen Beteiligung an dem Anschlag verurteilt, darunter auch Klar und Mohnhaupt.

Mercedes als Empfehlung

Nach der Pensionierung 1983 war Kroesen als Berater für sicherheitspolitische und militärische Fragen tätig und in Vorständen mehrerer einschlägiger Institutionen, Firmen und Vereine. Er trat bei Gedenkveranstaltungen als Redner auf.

Übrigens: Den gepanzerten Mercedes als Dienstwagen hatten General Kroesen zuvor deutsche Sicherheitsleute empfohlen. Kroesen soll damals in Heidelberg sogar überhaupt das erste Mal darin unterwegs gewesen sein.