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„Trying“: Gebt diesem Paar ein Kind!

Jason (Rafe Spall) und Nikki (Esther Smith) stürzen sich ins Projekt Adoption mit einer Mischung aus Gründlichkeit und Verpeiltheit: Die Liste ihrer Charakterschwächen schicken sie aus Versehen gleich mit dem Adoptionsformular mit.
Jason (Rafe Spall) und Nikki (Esther Smith) stürzen sich ins Projekt Adoption mit einer Mischung aus Gründlichkeit und Verpeiltheit: Die Liste ihrer Charakterschwächen schicken sie aus Versehen gleich mit dem Adoptionsformular mit.(c) Apple TV+
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„Trying“, zu sehen auf Apple TV+, begleitet zwei unperfekte, aber sehr verliebte Londoner durch die persönlichen und bürokratischen Hürden eines Adoptionsverfahrens.

Nikki schnaubt. Da spielen zwei Kinder am Ufer des Ententeichs – und der Erwachsene am Bankerl davor hat nur Augen für sein Handy. Er solle sich glücklich schätzen, schimpft Nikki, schnappt ihm das Handy aus der Hand und versenkt es mit einem resoluten Wurf im Teich: „Rede mit deinen Kindern!“ Blöd nur: „Das sind nicht meine Kinder!“, sagt der Mann und will die Polizei rufen. Ups. Da ist wohl der Kinderwunsch mit Nikki durchgegangen. Vergeudete Eisprünge, ein erfolgloser Versuch der künstlichen Befruchtung und die ersten Hürden des Adoptionsverfahrens haben an den Nerven von Nikki und Jason, zwei sehr verliebten Londoner Mittdreißigern, gesägt. Wenn sie jetzt wegen dieses blöden Handyvorfalls angezeigt werden, können sie sich das mit dem Adoptieren wohl abschmieren.

Also schaut Jason Nikki scharf an: Wollen sie es wirklich tun? Ja? Und er pirscht sich an den Mann heran, der gerade mit dem Handy einer Passantin die Polizei ruft, zupft ihm das Gerät vom Ohr und wirft auch dieses in den Teich. „Es ist kompliziert!“, ruft das Paar, als es lachend davon läuft. Sie haben sich entschieden: Sie bekommen ein Kind!

Aber das ist leichter gesagt als getan. Die britische Serie „Trying“, die erste europäische Produktion auf Apples Streamingdienst, begleitet Nikki (Esther Smith) und Jason (Rafe Spall) durch die persönlichen und bürokratischen Zumutungen, die ein Adoptionsversuch mit sich bringt – und porträtiert damit eine Partnerschaft, der Unmögliches abverlangt wird: Einerseits sollen die beiden beweisen, dass sie perfekte Eltern sein könnten, andererseits kehrt das Verfahren ihre Schwächen hervor und erzeugt einen Druck, der sie auseinanderzureißen droht.

Ihr Haus wird inspiziert; Verwandte und Ex-Partner werden verhört, ihre Konten und Gesundheitsakten werden durchleuchtet. Nikki und Jason stürzen sich in diesen Prozess mit einer Mischung aus Gründlichkeit – Alkohol wird nur noch bar bezahlt! – und Verpeiltheit: Die Liste ihrer negativen Eigenschaften, an denen sie jetzt arbeiten wollen, schreiben sie aus Versehen auf die Rückseite des Adoptionsformulars. Und dann sitzen sie am Gehsteig vor dem Postkasten, warten auf die Abholung und fragen sich wieder einmal: Sind wir wirklich bereit?

 

Nicht reich genug, nicht fruchtbar genug

Die Serie, geschrieben von Andy Wolton, der selbst adoptiert wurde und auch den wohltätigen Aspekt hervorheben möchte, nimmt's in acht Folgen leicht und zugleich ernst: Sie schwelgt im einen Moment in süßer Melancholie, zeigt im nächsten den Schmerz, der aufflammt, wenn Nikki und Jason an die eigenen Unzulänglichkeiten erinnert werden – nicht gut genug, nicht reich genug, nicht fruchtbar genug –, und feiert dann wieder die Schrullen der Figuren. Davon gibt es viele. Ein bisschen neigt „Trying“ zur allzu einfachen Botschaft, dass es doch gerade ihre Unperfektheit ist, die Jason und Nikki zu guten Eltern machen würde: Er hat im Schrank nichts als Ramones-Shirts und einen Hang zur Aggression. Sie hat einen verblüffend ungeschmeidigen Gang und liest der Tochter ihrer Freundin als Gute-Nacht-Geschichte eine medizinische Broschüre über Aneurysmen vor. Beide schämen sich für ihre Jobs – er ist Englischlehrer für Migranten, sie sitzt im Callcenter einer Autovermietung: Als Working-Class-Porträt geht „Trying“ zwar nicht durch, doch es zeigt eine unglamourösere Seite des Stadtlebens im hippen Londoner Camden-Bezirk.

Am schönsten ist die Serie, wenn sie sich auf die kleinen Momente konzentriert, die eine Beziehung zusammenhalten. Die Schauspieler tun ihr Übriges, um den Zuschauer für das Team Nikki und Jason zu gewinnen: Gebt diesen Leuten ein Kind!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2020)