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Kriminalstatistik: Mehr Cybercrime, mehr Morde, weniger Einbrüche

CORONAVIRUS: WIEN - KONTROLLMASSNAHMEN DER POLIZEI AM DONAUKANAL
Nicht nur auf der Straße: Die Polizei hat mit immer mehr Kriminalität im Netz zu tun.APA/HANS KLAUS TECHT
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Die Zahl der Anzeigen ist österreichweit leicht gestiegen. Das Coronavirus werde die Statistik für kommendes Jahr „durcheinanderwirbeln“, meint Innenminister Nehammer. Außerdem wird ein Top-Posten bei der Polizei frei.

488.912 Straftaten sind im Jahr 2019 in Österreich angezeigt worden. Das ist nur ein leichtes Plus von 3,4 Prozent zum Jahr davor, aber der zweitniedrigste Wert der vergangen zehn Jahre. Das zeigt die Kriminalstatistik, die am Freitag von Innenminister Karl Nehammer präsentiert wurde. „Eine gute Nachricht“. Wobei es ja eigentlich nicht seine Statistik, sondern jene seiner Vorgänger Herbert Kickl und Wolfgang Peschorn sei, betonte er. Die Parteifarbe dürfe bei der Polizeiarbeit aber ohnehin keine Rolle spielen. Und „seine“ Statistik, also jene für 2020, durch das Coronavirus ohnehin „völlig durcheinandergewirbelt“ werde.

Einiges könne man bereits beobachten: Einbruchsdelikte sind in den letzten Wochen radikal gesunken, während der Internetbetrug massiv gestiegen ist. Das Thema häusliche Gewalt beobachte man „jeden Tag“: Betretungs- und Annäherungsverbote sind seit März leicht gestiegen, Während im Februar 879 solche ausgesprochen wurden, waren es im März 696 und im April dann 1065. Man sei sich bewusst, dass man nur die angezeigten Fälle betrachten könne. Deswegen sei die Informationskampagne der Regierung, „dass es Hilfe gibt, auch nachhaltige Hilfe“, umso wichtiger, sagte Nehammer.

Cyberkriminalität nimmt weiter zu

Aber nun zum Jahr 2019: Die Steigerung der Anzeigen sei vor allem auf die erhöhte Cyberkriminalität zurückzuführen, sagte der Direktor des Bundeskriminalamtes Franz Lang. Die gemeldeten Cybercrime-Fälle stiegen im Jahresvergleich von 19.627 auf 28.439 Straftaten. Das ist ein Plus von 45 Prozent und die mit Abstand höchste Anzeigenzahl der vergangenen zehn Jahre. Die Aufklärungsquote sank bei Internetdelikten leicht auf knapp 36 Prozent. Die Art der Delikte ist vielfältig: Von Profis, die in Hochsicherheitssysteme eindringen, bis zu Tätern, die Webshops dazu nutzen, um sich Güter schicken zu lassen und Fake-Unternehmen, die Ware anbieten, gibt es eine breite Palette. Besonders beim letzten Punkt könne man vor allem mit Aufklärungsarbeit für die Bevölkerung entgegensetzen. Die Wirtschaftskriminalität stieg um 25 Prozent auf 71.112 Anzeigen. Damit setzte sich bei beiden Deliktgruppen der negative Trend deutlich fort.

Die Aufklärungsquote bleib mit 52,5 Prozent konstant. Die Zahl der Täter ging ebenso nach oben - für Lang allerdings ein gutes Zeichen: „Wir lernen viel mehr Täter kennen.“ Diese sind zu fast 60 Prozent nichtösterreichische Staatsbürger - ein Höchstwert, wie Lang berichtete. Aber auch die Zahl der österreichischen Täter sei um 5,2 Prozent gestiegen (Nicht-Österreichische: 6 Prozent). Unterteilt in die Herkunftsländer der Tatverdächtigen zeigt sich für 2019 folgendes Bild: Etwa 13.000 Tatverdächtige kamen aus Rumänien, 11.673 Tatverdächtige aus Deutschland, fast genauso viele aus Serbien. Danach folgen die Länder Türkei und Afghanistan.

Gewalt: „Früher geprügelt, jetzt gestochen"

Gewaltdelikte stiegen um 5,3 Prozent auf 73.079 angezeigte Fälle. Das ist die zweithöchste Zahl in den vergangenen zehn Jahren, die Aufklärungsquote stieg dabei leicht auf 85 Prozent. Morde wurden im Vorjahr 65 verzeichnet, das waren um fünf mehr als im Jahr 2018. 39 Opfer waren Frauen. Bei den Morden gibt es seit etwa fünf, sechs Jahren einen kontinuierlichen Anstieg. In den Jahren 2014 und 2015 hatte es jeweils weniger als 40 Tötungsdelikte gegeben. Zwei Morde aus dem Vorjahr sind noch ungeklärt.

Lang erklärt sich die erhöhte Zahl an Tötungsdelikten auch mit der nach wie vor beliebtesten Waffe in Österreich: dem Messer. So wurden 23 der Morde mit einem Stichwaffe verübt. „Salopp gesagt: Bei spontanen Auseinandersetzungen hat man früher geprügelt, heute wird gestochen.“ Es gebe Anstrengungen, dass Thema Stichwaffe zumindest im öffentlichen Raum besser in den Griff zu bekommen.

PK 'KRIMINALSTATISTIK 2019': LANG
Direktor des Bundeskriminalamts Franz Lang.APA/HELMUT FOHRINGER

Wohnraumeinbrüche gingen auf 8.835 angezeigte Fälle zurück, ein neuer Tiefstwert der vergangen Jahre und knapp zehn Prozent weniger als 2018. Auch die Kfz-Diebstähle sanken kontinuierlich weiter auf 2.194 Anzeigen. Vor zehn Jahren waren es noch rund doppelt so viele.

Schleppen in die andere Richtung

Auch die Schlepperkriminalität habe man „nach wie vor genau im Auge“, sagte Lang. Schließlich sei es auch weiterhin einer der Schwerpunkte, auf die sein Chef Nehammer setzen will. Obwohl die Ausmaße sich hier in den letzten zwei Jahren nicht erhöht hätten, könne man eine enorme Reaktionsfähigkeit auf neue Märkte bemerken. Jetzt, wo die Schlepperei von Migranten durch die Grenzkontrollen beinahe unmöglich gemacht werden, würden wieder vermehrt Drogen und Waffen geschmuggelt. Zudem beobachte man ein „neues Business“ der Schlepper: Flüchtlinge, die etwa in Griechenland oder am Balkan festsitzen und aufgrund von Corona wieder heim wollen, würden oft zum selben Preis wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschleppt.

Zum Schluss der Pressekonferenz wurde es dann persönlicher: Ein „bewegter“ Nehammer verabschiedete Lang in den Ruhestand. Einen Nachfolger für den Generaldirektor gibt es noch nicht.