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75 Jahre Kriegsende

Mutter sagte über Hitler: "Der bringt Unheil"

Familie Langthaler ging kurz nach Kriegsende 1945 mit den Gefangenen Michail Rybtschinskij (hinten li.) und Nikolai Zimkolo (hinten re.), zum Fotografen im Ort - und wurde dafür offen angefeindet. Anna Hackl ist in der hinteren Reihe Mitte. Vorne ihre Eltern und Schwester Maria.Archiv/Beigestellt
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Die Familie von Altbäuerin Anna Hackl versteckte im Februar 1945 zwei KZ-Häftlinge, die im Zuge der Mühlviertler Hasenjagd aus dem KZ Mauthausen geflohen waren. Sie erzählt 75 Jahre danach von ihrer mutigen Mutter, von den Russen, die wie Brüder wurden und von einem etwas anderen Gedenken.

Anlässlich des Befreiungs-Gedenktages am 5. Mai musste ich an Sie denken und wollte mich nach Ihrem Wohlbefinden erkunden. Wie geht es Ihnen, Frau Hackl?

Gut, danke. Ich habe das Coronavirus bis jetzt nicht bekommen. Ich bin zwar ziemlich eingesperrt die ganze Zeit, aber trotzdem glücklich, weil ich den Gemüsegarten zum Herrichten habe und durch den Garten auch Auslauf habe. Es geht mir also gut. Die Decke fällt mir nicht auf den Kopf (lacht).

Frau Hackl, hat Ihre Familie an Hitler und seine Visionen geglaubt?

Anna Hackl: Als Hitler kam, waren die Leute voller Begeisterung. Doch die Mutter (Maria Langthaler, Anm.) hat ihn von Anfang an überhaupt nicht mögen. Wir hatten im Gegensatz zu den anderen auch kein Bild von ihm im Haus hängen. Mutter hat gleich gesagt: „Der bringt Unheil!“ Es stimmt, er hatte zwar Arbeit gebracht, denn die 30er Jahre waren keine guten Jahre. Es ist zum Beispiel die Vöest (Vereinigte Österreichische Eisen-und Stahlwerke, früher Eisenwerke Oberdonau, Anm.) gebaut worden, die Arbeit gebracht haben. Doch dann hat er mit dem Krieg angefangen und er hat nichts außer Elend und Leid mehr gebracht.

Sie besuchen seit über zwei Jahrzehnten bis zu dreißig Schulen jährlich und erzählen dort Ihre Lebensgeschichte. Warum?

Weil ich mir denke, dass es ganz gut ist, wenn die heutige Jugend erfährt, wie es sich damals hier bei uns so abgespielt hat, dass wir ganz und gar keine schöne Zeit hatten. Das zu vermitteln ist sehr wichtig. Es geht bei meiner Geschichte um die Flucht von 500 russischen Soldaten aus dem Todesblock 20 des KZ Mauthausen ...

... um die sogenannte „Mühlviertler Hasenjagd“...

Nach dem Ausbruch in der Nacht zum 2. Februar 1945 sind sie (die SS, Anm.) mit Autos und Lautsprechern in die Ortschaften gefahren, um die Zivilbevölkerung zu warnen: „Es sind lauter Schwerverbrecher rausgekommen. Aber wir werden sie jagen wie die Hasen. Sie müssen alle erschlagen, erstochen oder erschossen werden. Und wehe, jemand leistet Hilfe! Der kommt selber dran!“ Es war eine schreckliche Jagd. Meine Schwester Maria hatte am Weg zu Kirche gesehen gehabt, wie sie den Toten die Füße zusammengebunden haben, damit Pferde sie zu einem Lastwagen ziehen. Es war Winter und es lag Neuschnee. Die Straße wurde zur Blutstraße. Nur schade, dass die Zivilbevölkerung so mitgemacht hat.

Können Sie sich das erklären?

Das kann man ganz leicht beantworten. Wer hätte sich denn getraut zu helfen? Es war ja das ganze System gefährlich.

Aber Ihre Familie hat geholfen.

Das stimmt. Die Mutter war sehr katholisch. Ich glaube, sie hätte sich das nie verziehen, wenn sie nicht geholfen hätte. Das hätte sie wahrscheinlich mit dem Glauben einfach nicht vereinbaren können.

Und Ihr Vater?

Ihm war bewusst, dass das nicht so leicht geht, dass das zu gefährlich ist und wir „alle dran kommen!“. Er hat die Entscheidung und die Verantwortung über unser aller Leben der Mutter alleinig überlassen. Und die hat bereits entschieden gehabt: „Wenn zu uns einer kommt, dann helfen wir.“

Die beiden Häftlinge Michail Rybtschinskij und Nikolai Zimkolo konnten in der besagten Nacht aus dem KZ Mauthausen fliehen. Ihre Familie hat sie am 3. Februar 1945 aufgenommen und am Dachboden bis zum Kriegsende versteckt. Wie war der Zustand der Geflüchteten, als sie bei Ihnen eintrafen?

Es war halb sieben Uhr in der Früh, als es hinten bei der Haustür geklopft hatte und die Mutter aufmachte. Und da stand einer draußen: einen Hut auf dem Kopf, ein Paar Schuhe, die nicht gepasst haben, eine Decke umgewickelt, darunter die gestreifte Hose und das gestreifte Oberteil, sonst nichts. Er war sichtlich erschöpft und fragte mit einem russischen Akzent nach etwas zu Essen. Es war an dem Tag sehr kalt, sehr eisig, es hatte Minusgrade und es lag sehr viel Schnee. Man muss sich vorstellen, unser Hof ist mehr als zehn Kilometer entfernt (vom KZ Mauthausen, Anm.). Wie die beiden es geschafft haben, diesen langen Weg bis hier her zu uns barfuß im Schnee zurückzulegen, ist mir bis heute ein Rätsel.

Termin

Am Sonntag, den 10. Mai findet von 11 bis 12 Uhr die jährliche Gedenk- und Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und den ehemaligen Außenlagern statt, aufgrund des Coronavirus allerdings nur virtuell. Organisiert wird die Feier wie jedes Jahr vom Mauthausen Komitee Österreich. Mehr: www.mkoe.at

Mit Zeitzeuginnenstatements, Videobeiträgen und Musik. ORF III überträgt ab 11 Uhr.

Hat ihre Mutter sofort gewusst, wer da angeklopft hatte?

Vorgestellt hat sich Michail zwar als Dolmetscher, der aus Linz kommt. Doch Mutter wusste sofort, wer er ist. Nikolai hatte sich da in der Zwischenzeit schon auf unserem Heuboden versteckt gehabt.

Was war die erste Reaktion Ihrer Mutter?

Sie hat ihn gleich bei der Hand genommen, in die Küche geführt, um ihm etwas zu Essen zu machen.

Und das obwohl sie wusste, dass ihr und ihrer Familie mit dieser besonderen Art der Zivilcourage große Gefahr drohte.

Ja und sie sagte nur eines zum Michail: „Ich habe fünf Söhne im Krieg und will, dass alle heil nach Hause kommen. Und du wirst auch eine Mutter haben, die auf dich Daheim wartet."

Wie spielte sich der Alltag in diesen drei Monaten ab?

Wir sind jeden Tag in die Kirche gegangen, um dafür zu beten, dass die fünf Brüder gesund zurück kehren, was dann auch der Fall war. Ansonsten waren Michail und Nikolai ständig mit uns. Wir haben gemeinsam zu Mittag gegessen und die zwei haben gearbeitet. Weil wir Tiere hatten, haben sie Maria (ihre ältere Schwester, Anm.) im Stall geholfen: ausmisten, Wasser geben, Heu wegräumen oder Holz zerkleinern. Es war durchgehend für uns alle eine ganz schwere Zeit, weil wir in ständiger Angst gelebt haben. Hat uns wer gesehen? Wenn ja, wird er uns verraten? Auch die Brüder, die im Krieg waren und sogar anfangs der verwundete Bruder, der hier Zuhause war, haben nichts von Michail und Nikolai gewusst. Wir haben uns einfach nicht getraut, sie einzuweihen.

Umso erstaunlicher ist es, dass trotz zweifacher Hausdurchsuchung Sie nicht aufgeflogen sind. Wie waren diese Momente für Sie?

Wir waren am Weg zur Kirche und sind den Berg gerade runter gegangen, als uns eine Schaar SSler mit Hunden in weiterer Ferne entgegen gekommen sind. Die Mutter hat mich mit den Worten „Du musst jetzt unser Leben retten!“ zurück ins Haus geschickt, damit ich das Geschirr von Michail und Nikolai am Heuboden weg räume. Gemeinsam mit Maria, die Zuhause war, haben wir die Beiden noch mit ganz viel Heu und Stroh zugedeckt. Und dann waren sie da und haben alles durchsucht. Das Haus, den Stall, den Heuboden. Sie haben mit der Gabel (Heugabel, Anm.) alles durchstochen. Unsere Herzen haben so laut geschlagen, das kann man sich nicht vorstellen. Und ehrlich gesagt, es ist uns heut noch ein Rätsel, dass die Hunde nichts geschnuppert haben. Es war ein Wunder!

Und wie war es beim zweiten Mal?

Da hat Alfred, der Bruder bei der Volkssturm, eine Rolle gespielt. Er hat damals nicht einrücken brauchen, da er mit 14 Jahren bei der Landwirtschaft ein Auge verloren hat. Und die, die was eine Behinderung gehabt haben, die waren dann bei der Volkssturm statt bei der Wehrmacht und für die Heimatverteidigung zuständig. So wurden weitere Hausdurchsuchungen angesetzt, und Alfred hat es so eingefädelt, dass er bei unserer dabei war. Wir waren recht berühmt für unseren guten Most und die Mutter hatte Brötchen hergerichtet. Alfred hat dann alle zu uns auf Trank und Speis eingeladen. So war unsere Küche und Wohnzimmer voll mit der Suchmannschaft der SS, während Michail und Nikolai am Dachboden waren.

Wie waren die allgemeine Lage damals in der Gegend?

Wir haben Lebensmittelkarten gehabt, wir haben Kleiderkarten gehabt, es gab Mehlscheine und generell, du hast um alles ansuchen müssen. Ohne Bund und Schein hast du nichts bekommen. Alles war aber ganz knapp. Wir haben am Land zwar keinen Hunger gehabt, weil schließlich hast du am Land vieles selbst: du hast die Hendl, die Schweine und die Kuh im Stall. Aber in den Städten waren die Menschen ganz arm. Viele von ihnen sind auf?s Land raus, und haben gebettelt. Das war ganz schlimm.

Nach dem Kriegsende ging ihre Familie gemeinsam mit den beiden Männern festlich gekleidet zu einem Fotografen. Auf diese Enthüllung Ihres großen Geheimnisses bekamen Sie feindselige anonyme Briefe. Wie ist Ihre Familie damit umgegangen?

Was sollst du schon machen, wenn du keine schönen Briefe bekommst? Man ärgert sich! Das System war ja auch schrecklich und die Leute waren so verbissen. Es hat ja noch ganz viele nach dem Krieg gegeben, die noch immer an ihren Führer glaubten.

Wie war der Abschied, als die beiden Männer zurück in die Heimat gingen?

Ich weiß noch, dass die Mutter sagte: „Ich hab nicht sechs Buben, sondern acht.“ Michael und Nikolai haben einfach zu uns gehört. Wir haben uns gemocht. Wir waren wie Geschwister.

immer
Anna Hackl, geboren 1931, erzählt die Geschichte ihrer Familie immer wieder unermüdlich.Beigestelkt/Privat

Zur Person

Anna Hackl (*1931), geb. Langthaler, war 13 als ihre Familie während der sogenannten dreiwöchigen „Mühlviertler Hasenjagd“ im Februar 1945 zwei entflohene ukrainische KZ-Insassen aus Mauthausen, Michail Rybtschinskij († 2008) und Nikolai Zimkolo († 2001), im eigenen Bauernhof (zuerst am Heuboden und später am Haus-Dachboden) in Winden (OÖ), bis zur Befreiung durch die ausländischen Armeen im Mai 1945 Unterschlupf gewährt hatte.

2005 erhält die 88-jährige Altlandwirtin den Menschenrechtspreis des Landes OÖ, 2011 wird sie mit dem goldenen Ehrenzeichen von der Republik Österreich geehrt und 2019 wird sie für ihr Lebenswerk mit dem Solidaritätspreis der Kirchenzeitung Diözese Linz ausgezeichnet. Hackl lebt nach wie vor im Elternhaus in Winden und hält als Zeitzeugin besonders an Schulen viele Vorträge.

Nach neunzehn Jahren gab es mit Hilfe eines sowjetischen Journalisten, der über Schwertberg berichtete, 1964 das erste Wiedersehen mit Ihrer Familie und den beiden Männern, deren Leben Sie gerettet haben. Was haben Sie bei diesem Treffen empfunden?

Es war sehr emotional. Wir haben gelacht und Tränen geweint. Vor allem haben wir uns verstanden, weshalb der anwesende Dolmetscher absolut überflüssig war. (lacht) Noch emotionaler war allerdings, als wir Nikolai in Luhansk besuchen waren.

Was ist da geschehen?

Nikolais' Mutter hat uns fast zerdrückt. Die beiden Mütter haben zwar nicht miteinander reden können, die eine redete russisch, die andere deutsch, aber die Geste war eindeutig. Sie haben sich ganz lange in die Arme genommen, das war sehr emotional. Später haben wir erfahren, Nikolais' Mutter hatte acht Söhne und nur Nikolai kam zurück nach Hause. Deshalb hat sie uns so fest gedrückt. Sie war so dankbar, dass wir ihr ihren Buben zurück gebracht haben.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie anlässlich von Gedenktagen vor Ort in Mauthausen sind?

Ich weiß noch, wie ich einmal mit Michael draußen war bei der Maifeier (Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen). Er hat mich herum geführt und mir alles genau erklärt: wo die Küche stand, wo sich der Vernichtungsblock (Annahme: Baracke 20) sich befand, die Todesstiegen. Er erzählte von den Schikanen, die sie alle Tage erlebt haben. Von den vielen Männern, die die Gefangenen täglich grundlos quälten. Einfach nicht zu glauben, oder? Daheim waren sie die bravsten Familienväter und dann so auf der Arbeitsstelle? Wie kann man das sein?

Glauben Sie, könnte sich die Geschichte eines Tages wiederholen?

Wenn ich die Zeitung aufschlage, dann gibt es einen, der einfach nicht nach gibt. (Macht eine Pause und wiederholt langsam) Der gibt nicht nach. Und das ist ein ganz Gefährlicher. Der hat so viel am Hut, der gehört einfach überall raus geschmissen, weil so gefährlich wie er ist.

Wen meinen Sie konkret?

(Schweigt und beginnt eine andere Geschichte zu erzählen.) Wenn ich in den Schulen bin, dann ist es so ruhig. Alle hören mir und meiner Geschichte zu. Nur einmal ist es passiert, dass zwei Schüler jammerten und nichts darüber hören wollen. (Macht eine lange Pause.) Man weiß eben nicht, wie es daheim bei ihnen (bei den Schülern, Anm.) ausschaut. Sicher man kann nicht Kinder abstempeln, weil man eben nicht weiß, wie es daheim bei ihnen ist. Vielleicht sind sie ja für den Strache. Weil von wo kommen so viele Stimmen her? (Macht wieder eine längere Pause). Er ist ein ganz Gefährlicher! (Flüstert) Ein sehr gefährlicher Mensch. Und ich glaub, seine Frau ist noch ärger.

Wenn Sie noch eine Botschaft an die österreichische Bevölkerung hätten, wie würde sie lauten?

Zu den Schülerinnen und Schüler sage ich immer: „Ich bitte euch, schaut's auf unser schönes Österreich und gebt Acht auf die Demokratie. Ihr wisst's gar nicht, wie gut es uns eigentlich geht. Und seid ja wachsam und vorsichtig, denn solche Sachen gehen ganz schnell. Das ist damals auch so schnell gegangen. Es liegt an uns allen, dass all das Schreckliche nie mehr geschieht.

Was können diese Nachfahren heute machen?

Als Erstes schon einmal nicht mit so einem System mitzumachen! Verhindern, dass es soweit kommt und darauf achten, wer regiert.

Glauben Sie, dass die Coronakrise und seine Folgen, wie zum Beispiel die dadurch zum Teil verursachte verschlechterte Lebenssituation mancher Österreicher, Populisten zum Vorteil werden kann?

Ich glaube nicht. Ich glaube, dass sie die Ängste der Menschen zwar schon ausnutzen und ihre Fühler ausstrecken werden, aber ich hoffe, dass die Menschen so gescheit sind und denen wegen dem keinen Erfolg anbietet. Außerdem denke ich, dass die Regierung sehr gut gehandelt hat, auch wenn sie sehr streng sind. Es hätte ja auch anders ausschauen können in Österreich.

Die jährliche Mauthausen-Befreiungsfeier fiel dieses Jahr aufgrund des Coronavirus aus. Sie waren bisher jedes Jahr vor Ort und haben an der Gedenkfeier teilgenommen. Wie haben Sie den Tag stattdessen verbracht?

Ich wäre gerne in die Kirche gegangen. Aber weil ja alle Kirchen gesperrt sind, gibt es auch keinen Gottesdienst. Das vermisse ich schon sehr. Ich habe Radio und Fernseher aufgedreht.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Coronakrise?

Ich bin froh, wenn ich mich wieder ins Auto setzen, selbst nach Schwertberg fahren und einkaufen gehen kann (lacht).

Wenn Sie mit einem Menschen auf dieser Welt die Möglichkeit hätten, an einem Tisch zu sitzen, um ihre Geschichte erzählen zu können, wer wäre dieser Mensch?

Ich denke, ein jeder Mensch hat seine schönen Seiten auf irgendeiner Weise. Deshalb lade ich jeden Menschen dazu ein, Platz zu nehmen und mit mir Tee zu trinken, weil eine Kaffeedame bin ich keine.

Hinweis

Dieses Interview entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Mehrmediale Praxis im WS 2019/20, die von „Presse“-Redakteurin Anna-Maria Wallner am Journalistischen Institut der FH Wien der WKW geleitet wird. Asam Badfar (*1989) ist Studentin an der FH im 6. Semester des Studiengangs Content Produktion & Digitales Medienmanagement.