Keine Lust auf Nichtigkeiten: Gegen familiäre Widerstände erkämpfte sich Florence Nightingale (1820-1910) ihren Lebenstraum vom Helfen – und reformierte nicht nur das englische Pflegewesen.
Ungebildet, ungepflegt, trunksüchtig und von höchst fragwürdiger moralischer Einstellung. Das war das Bild, das man sich im viktorianischen Zeitalter Englands vom Stand der Pflegerinnen machte. Geprägt war dieses Bild von „Mrs Gamp“, einer literarischen Figur Charles Dickens'. Spitäler waren verrufene, von Ungeziefer befallene Orte, in die nur Mittellose kamen, denn jeder, der es sich leisten konnte, ließ sich von einem Arzt zu Hause behandeln. Selbst Amputationen wurden im eigenen Heim vorgenommen. Man kann sich das Entsetzen vorstellen, in das die gesellschaftlich hoch angesehene und wohlhabende Familie Nightingale in Hampshire gestürzt wurde, als die jüngste Tochter des Hauses, Florence, ihren Berufswunsch verlautbarte. Zumal ein Beruf für Damen aus höherem Stand ohnehin nicht vorgesehen war – höchstens als Gouvernante hätte sie tätig sein können. Eine vorteilhafte Heirat und die Führung eines herrschaftlichen Haushaltes wären ihr vorgezeichneter Lebensweg gewesen. Florence jedoch war schon früh von einer ganz anderen Leidenschaft besessen. Die später so verklärte „Lady with the Lamp“ besuchte Krankenhäuser, um die Zustände dort, die fast immer verheerend waren, zu studieren.
In ihrer Biografie „Florence Nightingale – Nur Taten verändern die Welt“ (Patmos Verlag) hat Nicolette Bohn ein faszinierendes Porträt der Pionierin des modernen Pflegewesens geschaffen, das vor allem die innerfamiliären Konflikte offenlegt, mit denen Florence fast ihr ganzes Leben lang zu kämpfen hatte. Sie und ihre Schwester Parthenope – die beiden waren nach ihrem Geburtsort benannt worden, Florence wurde am 12. Mai 1820 in Florenz geboren, Parthenope 1819 in Neapel (im Altertum Parthenope) – wurden von ihrem Vater unterrichtet. Als Privatgelehrter vermittelte William Edward Nightingale seinen Töchtern eine umfassende humanistische Bildung, die vor allem bei Florence „anschlug“.