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Wort der Woche

Mobilitätsverhalten in Zeiten von Corona

So wie alle großen Seuchen in der Vergangenheit wird auch die Coronakrise unsere Städte umformen, meinen Verkehrsforscher der OECD.

In Wien gehen die Wogen hoch: Als die grüne Vizebürgermeisterin diese Woche quasi über Nacht einen (temporären) Radweg auf einem Fahrstreifen der Praterstraße anlegen ließ, ging ein Sturm der Entrüstung durch Politik und Autofahrerklubs – die Rede war von „aktionistischen Schnellschüssen“ und einem „Verkehrs-Supergau“.

Was in Wien gerade geschieht, fügt sich in ein großes, weltweites Bild: Viele Städte überdenken ihre Verkehrskonzepte und passen sie an das neue Mobilitätsverhalten in Zeiten von Corona an. Diese Veränderungen äußern sich zum einen darin, dass unser täglicher Aktionsradius geschrumpft ist. Zum anderen präferieren mehr Menschen wieder Autos, Fahrräder und Gehen gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln – um sich vor möglicherweise infektiösen Mitmenschen fernzuhalten. Bei einer Umfrage des Online-Autoanbieters AutoScout24.at gab Mitte April nur jeder Zweite an, nach Corona zum alten Mobilitätsverhalten zurückkehren zu wollen.

Unsere Großstädte sind darauf kaum vorbereitet: Bisher wurde das Gros der Mobilität über den öffentlichen Verkehr abgewickelt; Gehsteige sind in vielen Fällen zu schmal, um Mindestabstände einhalten zu können; und wenn nach dem Wiederhochfahren der Gesellschaft tatsächlich mehr Menschen mit dem Auto fahren, endet das in der sprichwörtlichen „Verkehrshölle“.

Laut einer diese Woche veröffentlichten Studie des International Transport Forum bei der OECD haben bereits mehr als 150 Städte als Sofortmaßnahmen die Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger ausgebaut. Mailand verfolgt etwa eine „Strade Aperte“-Politik, in der Gehwege verbreitert, Radwege ausgebaut und mehr Tempo-30-Zonen eingerichtet werden. Paris baut 150 Kilometer „Pop-up“-Radwege (z. B. parallel zu U-Bahn-Linien), Oakland schafft 120 Kilometer verkehrsberuhigte Begegnungszonen. Ähnliches geschieht selbst in Tirana, Bogota, Valencia oder New York.

Die Verkehrsforscher sehen in dieser Entwicklung eine Chance, Städte zu lebenswerteren Plätzen zu machen. Allerdings warnen sie: Man solle jetzt nur jene Maßnahmen ergreifen, die man auch dauerhaft beibehalten wolle. Klar sei jedenfalls, dass Städte durch die Covid-19-Pandemie umgeformt würden – wie es auch bei früheren Seuchen war, in deren Folge Parks, breite Straßen oder Kanalisation errichtet wurden. Man müsse die Weise überdenken, wie Straßenraum auf die Nutzer verteilt werde, so die OECD-Experten. Denn: „Straßen sind, entgegen allem Anschein, nicht in Stein gemeißelt.“ ?

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2020)