Elf Monate nach dem WM-Titel über 800 Meter geht die Südafrikanerin wieder an den Start. Für den Leichtathletikverband ist sie eine Frau. Die lange Debatte um ihr Geschlecht kann die 19-Jährige nicht abschütteln.
Allmählich haben es die Menschen in der finnischen Kleinstadt Lappeenranta begriffen, dass sie eine Sensation zu bieten haben. Hunderte internationale Journalisten haben sich für das Leichtathletik-Meeting akkreditiert. Ein Meeting, von dem normalerweise nur regionale Medien berichten. Das Stadion wird ausverkauft sein, der Ticket-Vorverkauf geht seit Tagen wie die Hölle: Seit bekannt geworden ist, dass Caster Semenya starten wird.
17 Athletinnen haben für den 800 Meter-Lauf genannt. Außer Semenya hat keine die zwei Stadionrunden unter zwei Minuten absolviert. Die 19-jährige Südafrikanerin benötigte am 19. August 2009 im Berliner Olympiastadion 1:55,45 Minuten. Der Sieg bei der Weltmeisterschaft ist der Beginn eines würdelosen Kapitels Sportgeschichte. Vor allem die Rolle des Internationalen Leichtathletikverband IAAF zeigte drastisch auf, mit welch unglaublicher Arroganz und Pietätlosigkeit mit jungen Sportlern umgegangen wird.
Weltverband stellte die Sportlerin bloß
Semenya erhielt eine Goldmedaille, zur Sieger-Pressekonferenz durfte sie allerdings nicht. Dort verkündeten Sportfunktionäre, dass bei Semenya ein Geschlechtstest angeordnet werde. Das Ergebnis werde in wenigen Tagen vorliegen.
Es dauerte elf Monate, bis sich die IAAF wieder offiziell zu Wort meldete. Am Dienstag verlautbarte sie eine spärliche Presseaussendung. Inhalt: Semenya darf wieder starten. Der Weltverband habe sie als Frau anerkannt.
Semenya ist nun also offiziell eine anerkannte Frau. Dass seine Tochter wieder an Wettkämpfen teilnehmen darf, freut Jacob Semenya. Aber der Schmerz, der seinem Kind und seiner Familie widerfahren ist, werde dadurch lediglich etwas gelindert. Seine Tochter sei in aller Öffentlichkeit „ausgezogen worden", sagt er.
Geschlecht ist oft schwer nachzuweisen
Natürlich geht es im Sport um Fairness: Die Frage, ob jemand Mann oder Frau ist, sollte geklärt sein. Nur ist es für Mediziner oft gar nicht so leicht, dies zu beurteilen. Die Störungen bei Chromosomen und Hormonen können beim Menschen äußerst diffizil sein. Und Semenyas muskulöser Körper, ihre tiefe Stimme legten die Vermutung nahe, dass hier eine große Portion Testosteron im Spiel ist. Eine Portion, die normalerweise nur Männer abbekommen. Auch ihre rasante Leistungssteigerung sorgte für Argwohn: Innerhalb nur eines Jahres verbesserte sich die Athletin um mehr als 15 Sekunden. Bei der Junioren-WM 2008 lief sie noch 2:11,98.
"Schaut sie euch doch nur an!"
„Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent", sagte IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss und machte durch seinen Auftritt aus einem Verfahren eine Freakshow. Schnell überbot sich der Boulevard mit unappetitlichen Enthüllungsstorys. Semenyas Konkurrentinnen machten in der medialen Verfolgungsjagd ordentlich Tempo: Die Italienerin Elisa Cusma Piccione nannte sie „einen Mann", die Russin Marija Sawinowa meinte verächtlich: „Schaut sie euch doch nur an."
„Sie tut mir so leid."
Es gab auch Sportlerinnen wie die Britin Jennifer Meadows. Die Dritte über 800 Meter in Berlin übte Kritik am Umgang mit Semenya. „Sie tut mir so leid", sagte Meadows und betonte, dass der WM-Titel zurecht an die junge Südafrikanerin gegangen sei.
Erster öffentlicher Auftritt seit elf Monaten
Während die Sportwelt über Semenya richtete und berichtete, versteckte sie sich bei ihrer Familie. Sie mied die Öffentlichkeit. Als ihr nun die Starterlaubnis erteilt wurde, wollte Südafrikas Sportminister sie zu einer gemeinsamen Pressekonferenz überreden. Semenya sagte ab. Sie ließ lediglich über ihre Anwälte ausrichten: „Ich freue mich riesig, endlich wieder laufen zu dürfen und das alles hinter mir zu lassen."
Caster Semenya wird am Donnerstag im finnischen Lappeenranta wohl die schwierigsten 800 Meter ihres Lebens bestreiten.
(Die Presse Printausgabe vom 15. Juli 2010)