Weibel, Abramovic, ein Priester, der plötzlich Kunst macht - und ein vergeblicher Anruf

"Die Erfüllung ist der Sehnsucht Tod" - trifft das auch auf die Erwartung der wieder eröffnenden Museen zu? Die wir so leidenschaftlich zu vermissen lernten? Oder haben wir uns in die Körperlosigkeit der Kunst verliebt? Wir werden jedenfalls (wieder) sehen.

Ich wusste, dass Peter Weibel das nicht unkommentiert lassen wird: In dem Moment, als Marina Abramovic, auf den Fuschler See schauend, mir diktierte, sie hätte schon 1989 die Zukunft der Kunst im Virtuellen vorausgesagt, also ihrer Meinung nach lang vor Peter Weibel in seinem jüngsten „Presse“-Interview, freute ich mich schon auf den Widerspruch. Beziehungsweise auf das Telefonat, das folgen würde. Denn mit Weibel zu sprechen ist immer eine Herausforderung, allein schon der unbeschreiblichen Geschwindigkeit wegen. Er finde wundervoll, was Abramovic gesagt habe. Auch, dass sie es schon 1989 tat. Schließlich habe er selbst um diese Zeit schon erste interaktive Mixed-Media-Installationen geschaffen. Während Abramovic noch 2010 ihre große, berühmte Performance im MoMA „The Artist is Present“ nannte. Und nicht, „The Artist is not present. Only virtually“. Das ist natürlich lustig. Aber ein Missverständnis.

Es ist Abramovic einfach egal, ob sie ihre "Energie", wie sie es nennt, real oder virtuell vermittelt. Sie verweigert einfach, einen Unterschied zu machen. Ob das funktioniert und wie lange, wird uns dann wohl ein elitärer Kreis zahlungskräftiger Kunstsammler, die im Herbst ihre neue, mit AR-Brille erlebbare Performance „The Life“ bei Christie's ersteigern dürfen, erzählen: In ihrer Mitte wird diese auratischste Künstlerin unserer Zeit als Hologramm erscheinen, sanft lächelnd ein paar Schritte wandeln - und wieder entschwinden. Und zwar so oft, wie ihre "Besitzer" das wollen. Was wohl eindeutig zum Nachteil dieses von Abramovic so ersehnten "ewigen Lebens" zählt. Ewige Fremdbestimmung, auch ein interessantes Konzept. Aber was ist schon ohne Schatten. Selbst die Körperlosigkeit in diesem Fall.

Mit ihrer lange vor Corona vorbereiteten virtuellen Konservierung hat Abramovic allerdings einen Coup gelandet - die Körperlosigkeit bei gleichzeitiger Anwesenheit ist so aktuell wie nie. Das hat auch einen der wundervollsten Priester, den wir im Kunstbereich haben (was zugegeben überschaubar ist), inspiriert: Bisher hat der Jesuit Gustav Schörghofer Kunst und Kirche nur – was heißt nur! – ermöglicht, jetzt wurde er erstmals selbst künstlerisch aktiv. Rund um den Altar seiner Pfarre, der Konzilsgedächtniskirche in Lainz, legte er Messgewänder auf den Boden, alte und neue, aufwendige und schlichte, die farbenfrohen Hüllen seines Amtes, das und die er so lange nicht ausfüllen konnte. „Corpo Assente“, abwesende Körper, nennt er die Installation, auf die er auch in seinen online verschickten Predigten eingeht. Um die Vorstellung des leeren Grabes geht es da, in dem nur die Tücher zurückblieben. So bleiben auch in der Kirche die leeren Gewänder zurück, wenn keine Messe gefeiert werden kann. Trotzdem sei Christus als lebendiger Leib da, er lebe schließlich in den Getauften. So Schörghofers Ausführung.

Wie mutig ist das, selbst aktiv zu werden, selbst ins Tun zu gehen, und nicht nur zu predigen. So mutig, dass ich sogar Online-Predigten lese anscheinend. Immer wieder geht es in ihnen auch um die Kunst – und die Liebe natürlich. So in der vorigen Sonntag, die ich nicht einfach verschwinden lassen möchte, so schön ist sie (und sie endet, ungenannt, mit einer Kritik an Abramovic/Weibel): „Distanz in der Ordnung der Liebe bedeutet etwas anderes als in den anderen Bereichen. Es ist nicht Abstand im Materiellen, auch nicht der von der Vernunft gebotene Abstand. Es ist das Schaffen eines Freiraums, der offen ist für die Liebesmitteilung des Anderen. Diese kann im Schweigen geschehen, im Klang einer Stimme, in der Musik, in behutsamen Worten, in den Farben und Formen der Kunst, der Natur. Die Liebesmitteilung des Anderen ist nicht an seine physische Präsenz gebunden. Sie kann auch im Virtuellen geschehen. Am schönsten ist sie aber, wenn sie Fleisch und Blut annimmt, wie die Liebe Gottes.“

Das ist zugegeben ziemlich religiös am Ende, was auch sonst. Skeptiker könnten den letzten Satz auch weglassen, dann ergibt es immer noch Sinn. Diese (noch) fantasierte Körperlosigkeit der Kunst nähert sich mittlerweile der Begegnung mit der Realität. Immer mehr Galerien öffneten und öffnen, mit ganz anwesender Kunst und ganz abwesender Besucherschaft. Ende dieser Woche wird sich zeigen, ob und wie die Museen sich wieder mit Körpern zu füllen beginnen.

Es ist absurd, aber eine gewisse Wehmut beschleicht mich mitunter, wie vor allen Enden. Manchmal nimmt diese skurrile Formen an, wenn ich etwa aus Verzweiflung tatsächlich versuche, die Kummernummer anzurufen, die der Galerist Sydney Ogidan eingerichtet hat: Unter dem Titel „ON --- Line. Kunst hebt ab“ will der „Helmuts Art Club“-Gründer uns Kunst körperlos und direkt ins Hirn katapultieren sozusagen. Verschiedene Künstler, liest man in der Aussendung, werden bei Anruf abheben, und uns etwas erleben lassen. Soll ganz toll funktionieren, habe ich gehört. Wenn man nicht nur ein Diensthandy hätte, das Mehrwertnummern verweigert. Und Freunde, die noch ungeduldiger sind als man selbst. So weiß ich bis heute nicht, was etwa der Künstler Rade Petrasevic mir geflüstert hätte. Könnten Sie es für mich versuchen? (0900 577 555)

Vielleicht möchte ich es aber eh nicht wissen. Das ist wie mit der Erwartung der wieder aufsperrenden Museen, die man so leidenschaftlich zu vermissen lernte während der vergangenen Woche. Unlängst wurde mir, ebenfalls körperlos, per Radiowellen, der scheinbar perfekte Satz dazu übermittelt, ganz nebenbei, in ganz anderem Zusammenhang, bei einem Ö3-Interview mit Sepp Schellhorn von den Neos: „Die Erfüllung ist der Sehnsucht Tod“. Wir werden also sehen. Wieder.