Coronavirus - Dresden
Leserstimmen

"Kennen Sie die Hattiwenniwaris?": Was Leser über die Coronakrise denken

Wie sinnvoll ist die Maske? Wie bleiben wir (psychisch) gesund? Und: Gibt es Angstmache? Zwölf „Presse"-Leser schreiben über ihre Gedanken in Zeiten wie diesen.

Sie kennen Sie nicht, die Hattiwenniwaris? Vielleicht geht es auf Hochdeutsch besser, die Hättichwennichwärichs. Sie kommen nicht drauf? Dann lassen Sie mich Ihnen helfen. Es handelt sich um eine besondere Spezies Mensch, wahrscheinlich so alt wie der Homo sapiens selbst. Das sind die, die bei Problemen oder wenn schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen, sofort auf Tauchgang gehen. Hat das dräuende Unwetter sich dann aber verzogen und künden nur noch Nebelschwaden davon, tauchen sie wieder auf. Laut blubbernd: "Wenn ich in der Situation (Stichwort Corona) gewesen wäre, hätte ich alles anders und vor allem besser gemacht." Jetzt tauchen gerade Massen von ihnen auf, und sie nerven wie eh und je. Sie nerven so, dass sogar der Volksmund für sie ein eigenes Wort kreiert hat, die Hattiwenniwaris eben.
Maria Bachler, 6065 Thaur

Das sind normale Reaktionen auf abnormale Ereignisse.

Aktuell herrscht große Verunsicherung, viele Menschen fühlen sich allein gelassen, können Kreditraten und Miete nicht mehr bezahlen. Ende April, nicht einmal zwei Monate nach Beginn der Coronakrise, kamen dann die ersten Schlagzeilen wie "Psychische Probleme haben zugenommen", die suggerierten, es würde jetzt der massenhafte Ausbruch von Depressions-, Angst- und Traumaerkrankungen beginnen. Gestützt waren diese auf eine Umfrage zu Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit, Interesseverlust, Angst- und Panikgefühlen. Und hier sehe ich als Klinische Psychologin es an der Zeit, die Bevölkerung aufzuklären: Das sind normale Reaktionen auf abnormale Ereignisse. Ob sich psychische Erkrankungen aus den Stresssymptomen und der aktuellen Belastung entwickeln, kann man erst später längerfristig erfassen. Bei unserer Stigmatisierungskultur wird die Bezeichnung, dass jemand psychische Probleme hat, oft als Mittel zur Ausgrenzung verwendet. Keinem, der aktuell nicht schlafen kann oder sich schlecht fühlt, weil er z. B. sein Geschäft lang nicht öffnen durfte und Mitarbeitern kündigen musste, ist damit geholfen.
Ich würde mir wünschen, dass Psychiater, Psychotherapeuten und Klinische Psychologen hier sehr sorgfältig mit der Trennung zwischen normalen Belastungsreaktionen und psychischen Störungen umgehen, um nicht unnötig für noch mehr Verunsicherung zu sorgen.
Mag. Barbara Scheiber, Psychologin, 5120 St. Pantaleon

Juckreiz, Sturzgefahr, unbewiesene Effizienz


Nach einem Besuch der Mariahilfer Straße am Dienstag mit mehreren Gesprächen mit Käufern und Verkäufern möchte ich einige Gedanken zur Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichen Gebäuden darlegen.
[*] Die Masken werden in einem hohen Prozentsatz nicht als Mund-Nasen-Schutz, sondern nur als Mundschutz getragen. Originelle Versionen als Kinn- und Halsschutz gibt es auch!
[*] Masken werden oft tagelang wiederholt getragen ohne entsprechende Reinigung. [*] Dadurch ergibt sich, auch durch die feuchtwarme Ausatmungsluft, die Gefahr einer mikrobiellen Besiedlung des Maskenstoffs.
[*] Aufgrund der Hautfeuchtigkeit um Mund und Nase entsteht ein verstärkter Juckreiz, der zu vermehrten Berührungen des Gesichts mit den Händen führt. (Gerade dies sollte jedoch vermieden werden!)
[*] All dies führt dazu, dass Masken zu locker getragen werden (auch um die Brillen nicht anlaufen zu lassen), und somit sinkt die ohnedies nicht bewiesene Effektivität gegen null!
[*] Erhöhte Sturzgefahr (zwei mir bekannte Fälle) bei älteren Menschen durch Sichtbehinderung wegen verschobener Maske. [*] Mir ist keine Studie bekannt, laut der das Maskentragen die Infektionsgefahr bei Einhalten der Distanzregel vermindert. [*] Aufgrund der von der Regierung festgestellten geringen Durchseuchungsrate der Bevölkerung ist eine Ansteckung im öffentlichen Raum mit oder ohne Maske extrem unwahrscheinlich!
Die Sinnhaftigkeit eines Mund-Nasen-Schutzes bei Erkrankungen und im Gesundheitsbereich ist natürlich gegeben, eine baldige Rücknahme der Maskenverordnung im öffentlichen Raum erscheint mir aber aus obigen Gründen geboten!
Dr. Anton Wohanka, FA für Innere Medizin, 1100 Wien

Mit der Maske nicht das einzig Wahre und Sinnvolle gefunden.

Die Durchseuchungsrate wird mit <1 angegeben; das ist in Wahrheit nicht faktenbasiert. Die Schätzungen von Experten liegen nicht nur regional, sondern auch österreichweit wesentlich höher. Genaue Zahlen liegen wegen fehlender flächendeckender Antikörpertests gar nicht vor.
Auch was Mund- und Nasenschutz anlangt, ist mit der Maske nicht das einzig Wahre und Sinnvolle gefunden. Dies zeigen auch die diesbezüglichen Empfehlungen oder besser Nichtempfehlungen von WHO und RKI sowie Angaben von Mikrobiologen und Virologen, die aufgrund der Virengröße einerseits und der Durchlässigkeit der normalen Masken mit einem Meter Abstand andererseits ein anderes Bild zeichnen. Ganz abgesehen von der Hygiene im Kontext mit der Maske. Beobachten Sie im Nahrungsmittelhandel deren Handhabung in den Fleisch- und Wurstwarenabteilungen. Da sehen Sie oftmals alles: Vielfach noch zusätzlich mit Handschuhen ausgestattet, werden mit den Händen abwechselnd Ware, Geld und Maske angefasst, um diese zurechtzurücken, zwischenzeitlich abgezogen und Nase geputzt. Wenn also über das Thema berichtet wird, sollten auch andere Gesichtspunkte berücksichtigt werden.
Bernhard Schenter, 9900 Lienz

Dass die Leute Masken falsch verwenden, sollte kein Grund sein, sie wieder verschwinden zu lassen.

Taiwan (nicht ganz 24 Mio. Einwohner, etwa ein Drittel der Fläche von Österreich, in der Mitte gebirgig) hat von Anfang an auf Mund-Nasen-Schutzmasken gesetzt. Flächendeckend immer und überall, wo es zu sozialen Kontakten kommt. Die weiteren Maßnahmen waren gering. Bis auf die Masken ging das Leben ungefähr weiter wie gehabt. Resultat: weniger als 500 Infizierte und, wenn ich das richtig im Kopf habe, sechs Tote. Bei fast 24 Mio. Einwohnern.
Masken wirken offenbar doch. Ich hätte das vor ein paar Wochen nicht geglaubt.
Dass die Leute Masken falsch verwenden, sollte kein Grund sein, sie wieder verschwinden zu lassen. Das wäre, wie wenn man die Straßenverkehrsordnung wegwirft, nur weil eh immer ein paar zu schnell fahren und sich nicht an die Regeln halten können oder wollen.Ich bin mit unseren Maßnahmen zur Coronabekämpfung auch nicht in Bausch und Bogen einverstanden. Aber ich hatte und habe nicht das Sagen, ich bin nicht verantwortlich für die Folgen, darum ziehe ich mit und kritisiere nicht herum: Was man in der Führungsverantwortung in einer Krise am wenigsten brauchen kann, das sind Besserwisser. Dass wir den angerichteten Salat werden zahlen müssen und jede Menge Kollateralschäden haben, daraus werde ich sicher Konsequenzen ziehen. Sobald wir wieder wählen. Dann nehme ich die, die das alles zu vertreten haben, weil sie das Sagen hatten, in ihre Verantwortung.
Johannes Dornhofer, 1230 Wien

Selbstfürsorge ist angesagt.

Andere Faktoren mögen im Kontext Covid-19 unbeeinflussbar sein. Ganz anders das Immunsystem. Dieses profitiert nicht nur von frischer Luft, Bewegung, Entspannung, positiven Gefühlen, sondern auch in hohem Maße von ausgewogener (zucker-, salz- und alkoholarmer) Ernährung sowie gezielter Nährstofftherapie (Immunonutrition). Definitiv hängt die Immunaktivität inklusive Schleimhautbarriere biochemisch von Darmbakterien, Makro- und Mikronährstoffen insb. Aminosäuren, Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen ab. Denn die einverleibten (oder auch fehlenden) Ernährungsbausteine liefern letztlich die molekulare Basis der "Materie Mensch" - die je nachdem vital oder anfällig ist. Selbstfürsorge ist daher angesagt.
Mag. pharm. Karin Hofinger, Apothekerin und Kochbuchautorin, 6080 Igls

Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Leider sind noch immer zu wenige Fakten bekannt, warum sich Covid-19 so stark ausbreiten konnte. Deshalb muss ich mich immer wieder wundern, warum die Experten so wenig testen lassen. Da hört und liest man immer wieder von neuen Antikörpertests, die dann wieder nicht zuverlässig genug sind. Dann werden Stichproben mit PCR-Tests genommen, die aber nur einen Momentanzustand zeigen können und nicht, wer das Virus schon gehabt hat. Aber statt gleich parallel Antikörpertests bei der Stichprobe durchzuführen, um auch den Immunisierungsgrad festzustellen, lässt man die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. Warum macht man nicht gleichzeitig Vergleichstests der verschiedenen Produkte und Verfahren sowohl bei PCR- und Antikörpertests?
Ständig kommt mir der Spruch der Science Busters in den Sinn: "Wer nichts weiß, muss alles glauben." Aber offensichtlich sind die Wissenschaftler auch nicht so gescheit, wie sie immer behaupten.
Werner Schladofsky, 1130 Wien

Zusehends verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben

Neben den vielfach propagierten Vorteilen der Heimarbeit und des digitalen Arbeitsplatzes der Zukunft wird den damit einhergehenden Nachteilen einer solchen Arbeitsweise zu wenig Bedeutung beigemessen. Die International Labour Organization weist in einem Positionspapier auf die zusehends verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben sowie soziale Isolation als größte Risken einer vollständigen Umstellung auf Teleworking hin. Untermauert wird dies von einer Studie des Institute of Labor Economics, die zum Ergebnis kommt, dass digitale Heimarbeit im Schnitt zu einem erhöhten Stresslevel führt.
In die Diskussion über eine dauerhafte Veränderung in Richtung digitaler Arbeitsmodelle sollten diese Überlegungen jedenfalls Eingang finden.
Martin Loinig, 1120 Wien

Waren und sind diese strengen Abstandsregeln vielleicht wirklich nur Angstmache?

Wie kann eine App, die nur Kontakte mit einer Dauer von 15 Minuten erfasst, im maßgeblichen Umfang Ansteckungssituationen eruieren? Wie ist folgender Widerspruch aufzulösen? Seit vielen Wochen wird den Bürgern aufgetragen, jede Begegnung ohne Mindestabstand von einem Meter zu vermeiden, egal wie kurz diese Begegnungen auch sind. Parks blieben geschlossen, weil diese Regel nicht praktizierbar erschien. Waren und sind diese strengen Abstandsregeln vielleicht wirklich nur Angstmache? Oder umgekehrt: Erwartet sich die Regierung von der 15-Minuten-App gar nicht die Möglichkeit, alle oder die meisten Ansteckungssituationen zu erfassen, weil sie viel zu grobmaschig ist? Ist die App nur Hightech-Symbolpolitik, um markige Krisenpolitik zu demonstrieren? Oder ist man weiterhin im Blindflug unterwegs und werden diverse Maßnahmen gestreut, ohne jegliches Wissen zu Wirkungszusammenhängen? Wie kann das sein? Allein in Österreich sind über 15.000 positiv getestete Fälle bekannt, und zu ihnen wurden die Kontaktsituationen erhoben. Bei dieser Menge würde man erwarten, dass es belastbare Daten zur erforderlichen Kontaktdauer gibt.
Dr. Felix Wieser, 1030 Wien

Demokratiepolitisch höchst bedenklich

In der gesamten EU sind Entwicklungen und Verordnungen entstanden, die demokratiepolitisch höchst bedenklich sind. Wie uns die Terroranschläge von 9/11 klar vor Augen geführt haben, wird eine Krise von Machthabern gern benutzt, um Freiheitsrechte massiv einzuschränken. Diese Einschränkungen wurden auch fast zwei Jahrzehnte nach den New Yorker Anschlägen nicht mehr gelockert, sondern immer mehr ausgeweitet. Ein ähnliches Phänomen ist in der derzeitigen Pandemie zu befürchten. Bundeskanzler Kurz hat einen Rückzieher mit der Corona-App gemacht, die Teile der ÖVP für Staatsbürger verpflichtend machen wollten. Wohl aus Kalkül, denn die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen diese Art von Überwachung. Erschreckend genug ist, dass Konzerne wie Google in das Personen-Tracking miteinbezogen werden sollen. Es muss eine Garantie geben, dass die persönliche Freiheit von Bürgern in der EU auch in Krisenzeiten gewahrt bleibt. Zum Teil autokratisch geführte Staaten wie Singapur, das die Todesstrafe vollstreckt und Reisende mit verbotenen Medikamenten jahrelang inhaftiert, dürfen uns keine Vorbilder sein!
Mag. Stefan Haderer, 1190 Wien

Ist Europa zu retten?



Die größte globale Krise seit wann? Seit dem 2. Weltkrieg 1945, seit der Weltwirtschaftskrise 1930, seit der Spanischen Grippe 1918? In den letzten Krisen gab es noch kein Europa, wie wir es kennen! Aber Europa kann zerfallen! USA, China, Russland, England, Italien.
Wird es zu retten sein? Wenn es jemand vermag, dann unsere großartige Jugend! Der Mut und das Verantwortungsbewusstsein für das Klima, das Streben der Jugend nach Bildung. Die Werkzeuge der Digitalisierung, die Erkenntnis der Quantenphysik, das Von-einander-Lernen des Erasmus-Programms. Wir haben doch viel zu sehr dem Lustprinzip, wie Freud es genannt hat, gefrönt. Vielleicht sollten wir nicht zu sehr auf die diversen Lobbys und medialen Manipulationen hören, deren Ziel vor allem die Gewinnmaximierung ist. Vielleicht kann uns Kant den Weg weisen, der die Vernunft ins Zentrum seiner Aufklärung stellte. "Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung herangezogen werden könnte."
Dr. Wolfram Haider, 1070 Wien

Die 2010er-Jahre, das goldene Zeitalter

Zeit unseres Lebens werden wir uns an die 2010er-Jahre als ein goldenes Zeitalter erinnern, als wir noch durften, was wir seither nicht mehr dürfen, als wir noch konnten, was wir nun nicht mehr können, als vieles noch möglich war, was seither nicht mehr möglich ist. Wir meinten, mit Zuwanderung, Islamisierung, Terrorismus und Brexit riesige Probleme zu haben, und waren uns nicht bewusst, wie gut es uns ging.
Dr. Franz Rader, 1070 Wien