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Morgenglosse

Die Rechnung ohne den Wirt

Viele Wirte trifft Corona in vollem Umfang. Die Stadt verteilt als Gegenmaßnahme Gutscheine.Die Presse
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In Wien kann bald gratis in der Gastronomie gegessen und getrunken werden – auf Kosten aller Steuerzahler.

Bürgermeister Michael Ludwig, der sich im Wahlkampf befindet, spendiert jedem der 950.00 Wiener Haushalte 50 Euro-Gutscheine (25 Euro gibt's für Single-Haushalte). Eingelöst können diese Gutscheine bei Wiener Gastronomiebetrieben werden. Offiziell also insgesamt eine 40-Millionen-Euro-Hilfe für die Wiener Wirte, die durch die Corona-Sperre um ihre Existenz bangen.

Die Gutschein-Idee dürfte dem Wiener Bürgermeister sehr gut gefallen – hatte er doch vor wenigen Wochen den 300.000 Wiener Pensionisten einen Taxigutschein im Wert von 50 Euro zukommen lassen – damit diese in Corona-Zeiten nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arzt oder einkaufen fahren müssen. Das gerade die Altersgruppe ab 65 Jahren zur wichtigsten SPÖ-Wählergruppe gehört, ist dabei sicher nur Zufall. Und, dass 50 Euro-Gastronomie-Gutscheine bei den Wienern und auch Wirten im Wahljahr gut ankommen dürften, daran hat der Bürgermeister sicher nicht gedacht. Wir wollen ihm ja nichts unterstellen.

Um es klarzustellen: Die Wiener Gastronomen durchleben (wie viele andere Branchen) eine herbe Zeit. Viele stehen ohne Hilfe vor dem Konkurs. Und ihnen muss seitens der Stadt auch dringend geholfen werden. Allerdings eröffnen sich einige Fragen: Hätte man die Unterstützung der Gastronomen nicht anders regeln können? Beispielsweise mit Beihilfen für existenzgefährdete Betriebe die dort direkt ankommen? Das wäre effizienter, für die SPÖ aber keine so werbewirksame Maßnahme. Man hätte die Wirte auch durch eine Senkung beziehungsweise einen Erlass der hohen städtischen Gebühren direkt unterstützen können. Aber Gutscheine direkt zu verteilen ist seit Jörg Haiders Zeiten deutlich beliebter.

Die jubelnden Gastronomen könnten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Immerhin löst erfahrungsgemäß ein großer Teil Gutscheine nicht ein - vor allem, wenn es sich um einen Gutschein ausschließlich für antialkoholische Getränke handelt.