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Morgenglosse

Ein äußerst unbelebtes Nachtleben

Modepuppen als Platzhalter im Kleinod Prunkstück.
Modepuppen als Platzhalter in der Kleinod Prunkstück Bar in Wien.NIKOLAUS MAUTNER MARKHOF
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Wenn sich nach dem Neustart der Gastronomie die Mittrinkenden in der Bar als Modepuppen erweisen. Und zwar ganz wörtlich und ebenso seelenlos.

So weit, so vertraut - aus Zeiten vor der coronabedingten Gastropause: Je später die Stunde, desto schweigsamer und tiefer schauen die Bargäste in ihre Gläser. Die Blicke allerdings sind beim ersten Post-Corona-Umtrunk ein bisschen gar leblos, die Schweigsamkeit ist allzu vollkommen. Sind in den Wochen des gedrosselten Gesellschaftslebens alle wirklich so schwermütig geworden?

Denn es ist kurz vor 23 Uhr (allgemeine Sperrstunde in der - Achtung: Unwort! - frisch hochgefahrenen Gastronomie), und der letzte  Barbesucher ist umringt von einer Schar zwar äußerst wohlgekleideter, keineswegs aber besonders spritziger Mittrinkender. Das ist aber nicht weiter verwunderlich - er ist nämlich der einzig lebende Gast in dieser Runde.

Was wie der Plot eines Hercule-Poirot-Mysteriums (Crème de menthe!) klingt, ist in Wahrheit ein Gag, den sich die Betreiber einer Wiener Bar für die neue Situation einfallen ließen. Ihr Mix aus Schaufenstersituation, Platzhaltergarantie und Fotooption wird bestimmt auf Instagram & Co reüssieren. Um ausreichend Abstand zwischen den Gästen sicherzustellen, hat man nämlich Schaufensterpuppen auf die Tische verteilt, das Ganze in Zusammenarbeit mit einem Modeunternehmen.

Irgendwie ganz lustig, auf den ersten Blick und aus der Ferne zumindest. Andererseits aber auch quasi die Bewahrheitung aller Angstfantasien, die Barhopper und Fine-Dining-Fans in den langen Wochen des Entbehrens entwickeln konnten. Was nämlich macht den Bar- oder Restaurantbesuch zum besonderen Erlebnis: Ausschließlich die Qualität von Speis und Trank - oder doch das Gesamterlebnis inklusive zufälligem Sozialkontakt?

Wenn also nicht gerade Menschen mit Pygmalionallüren in besagter Innenstadtbar aufschlagen, könnte die drollige Idee nach hinten losgehen. Nicht nur Fans der unheimlichen Serie „Westwood“, wo perfekt menschenähnliche Roboter die Hauptrolle spielen, könnten in solchen seelenlos besiedelten Etablissements ihre Drinks voll Gruseln hinunterstürzen und möglichst schnell das Weite suchen.

Außer natürlich, das Ziel der Barbetreiber wäre es, dass Gäste ihr das Unheimliche in solch unbelebter Gesellschaft mit möglichst viel Alkohol exorzieren sollen. Wenn das nämlich eintritt, könnte das Pygmalionmodell doch tatsächlich noch Schule machen.